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"Tatort" mit Moormann und Selb Feinripp des Grauens

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Liv Moormann (Jasna Fritzi Bauer) muss sich ihren verwirrenden Erinnerungen stellen, die der Nachbar der Toten, Gernot Schaballa (Aljoscha Stadelmann), auslöst.

(Foto: Radio Bremen/Claudia Konerding)

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Wer von knalligen 90 Krimi-Minuten am Sonntag im Ersten träumt, wurde am Vorabend auf das Großartigste unterhalten: Schmierige Typen, gruseliges Setting, Flashbacks zum Fürchten, Heldinnen zwischen Psychose und Power. "Liebeswut" war ein "Tatort" für die Ewigkeit.

Wer erinnert sich noch an den Hausmeister seiner Grundschule? Der Typ an meiner Schule, sein Name sei an dieser Stelle natürlich nicht genannt, war ein mittelgroßer Typ, chronisch garstig und auf der Lauer, Schnurrbart, Baskenmütze, grauer Kittel und mit einer Art Röntgenblick fürs Scheißebauen jeglicher Art ausgestattet. Wer erwischt wurde - und eigentlich wurde buchstäblich jeder erwischt - bekam einen Gang, der sich gewaschen hatte. Während dieser Standpauke griff sich besagter Hausmeister ein kleines Stück der Koteletten, wenn man diese Haarregion bei einem circa Neunjährigen denn schon so nennen konnte, und riss sie dermaßen hoch, dass der arme Tropf, wimmernd und leise furzend vor Angst, mit den Zehenspitzen so gerade noch den Boden berührte.

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Jaqueline Deppe (Milena Kaltenbach) lebt in ihrer eigenen Welt.

(Foto: Radio Bremen/Claudia Konerding)

Mit Blick auf den Hausmeister aus dem "Tatort" vom Sonntagabend würde man sich einen wie den Baskenmützen-Drillsergeant fast zurückwünschen. Joachim Conradi (Dirk Martens) ist aus anderem Holz. Der Mann schnüffelt an vergessenen Kleidungsstücken der Kinder und gibt sich dabei der zwanghaften Masturbation hin. Sein größter Wunsch: Endlich einmal gelobt werden. "Gut gewichst", möchte man ihm umgehend ins Führungszeugnis kritzeln. Und der Typ ist nur einer unter vielen, in diesem von schrägen Chargen bevölkerten Gruselkabinett, das der Bremer "Tatort" seinem Publikum mit dem Titel "Liebeswut" ins sonntägliche Wohnzimmer splatterte.

Da ist Mutter Kramer, die im Tutu, so rot wie das Blut an ihrem Schädel, in einem geheimen Zimmer mit gebrochenem Blick an die Decke starrt. Da ist Vater Kramer (Matthias Matschke), ein umnachteter Kretin, und seine neue Lebensgefährtin (Milena Kaltenbach), eine dem K-Pop entsprungene Nymphe mit Zwillingen unterm Herzen. Da sind die Großeltern (Ulrike Krumbiegel und Thomas Schendel), die das Wort Fürsorge etwas anders buchstabieren als Omma und Oppa von nebenan und natürlich der schmierige Schaballa (Aljoscha Stadelmann), ein fieser Feinripper mit Wassereis-Vorliebe, voluminöser Wampe und Mama im Rollstuhl - allesamt unterwegs in einem Panoptikum, das es in sich hat.

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Linda Selb (Luise Wolfram, l.) und Liv Moormann (Jasna Fritzi Bauer) ermitteln.

(Foto: Radio Bremen/Claudia Konerding)

Der dritte Fall des damit immer noch relativ neuen Duos Liv Moormann (Jasna Fritzi Bauer) und Linda Selb (Luise Wolfram) erweist sich schon nach wenigen Minuten als hochtouriges Gruselkabinett, ein Horrortrip, irgendwo zwischen "Das Schweigen der Lämmer", "Psycho" und "Muttertag", voller finsterer Typen, verschrobener Details und mit fantastischen Wendungen, als hätten David Lynch und Heinz Strunk die Köpfe zusammengesteckt. Selten hat ein "Tatort" sich mit derartiger Wonne im Blut gesuhlt, in rotem Licht und von fulminantem Score untermalt um sich selbst gedreht, sein Personal durch eine solche Geisterbahn gejagt und dabei Konventionen umkurvt, als hätte es Lürsen und Stedefreund nie gegeben.

"Anders als bei meinen bisherigen Filmen ist mir bei diesem der Realitätsanspruch egal", so Regisseurin Anne Zohra Berrached. "Wie im amerikanischen Kino ist es mir wichtig, einen guten und spannenden Genrefilm zu erzählen, der die Figuren strahlen lässt." Man kann nur hoffen, dass Berrached sich auch den nächsten Bremer "Tatort" schnappt und Drehbuch-Autorin Martina Mouchot die Gruselgeschichten nicht ausgehen mögen. Ein schaurig-schönes Vergnügen der Sonderklasse!

Quelle: ntv.de

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