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"Free ESC" mit Überraschungen Stefan Raab lässt die Stars singen

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Steven Gätjen und Conchita Wurst führten durch den Abend in Köln.

(Foto: picture alliance/dpa)

Corona macht dem ESC den Garaus. Show-Koryphäe Stefan Raab plant darum seine eigene Version des Songcontests bei seinem Heimatsender. Mit bekannten Sängerinnen und Sängern sowie einem überraschenden deutschen Beitrag will er die kritischen ESC-Fans überzeugen.

Eigentlich hätte der Eurovision Song Contest - nach dem Sieg von Duncan Laurence im vergangenen Jahr - an diesem Wochenende im niederländischen Rotterdam stattfinden sollen. Der Ausbruch des Coronavirus machte diese Veranstaltungen - wie auch so ziemlich jede andere - unmöglich.

Weil das Jahr ohne ESC für viele aber noch verlorener zu sein scheint als es ohnehin schon ist, machte es sich der als Moderator bereits in den Frühruhestand gegangene Show-Dino Stefan Raab zur Aufgabe, bei seinem Heimatsender ProSieben für Ersatz zu sorgen. Ungeachtet der Tatsache, dass parallel dazu auch die ARD ein ESC-ähnliches Event austrug, das im Vorfeld bei eingefleischten Fans des Contests als haushoher Favorit gehandelt wurde.

Doch Raab hat immerhin Erfahrung mit dem Songcontest, führte er doch 2010 schon Lena Meyer-Landrut zum Sieg - von einigen weiteren ESC-Einmischungen davor und danach einmal ganz abgesehen. Nun also gleich ein ganzer Contest unter Einbeziehung von 16 mehr oder weniger europäischen Nationen, nämlich Kroatien, Israel, Türkei, Dänemark, Schweiz, Großbritannien, Österreich, Niederlande, Deutschland, Spanien, Polen, Bulgarien, Italien, Irland, Kasachstan und einer Überraschungsnation. "Die Musiker sind entweder dort geboren, besitzen die Staatsbürgerschaft des von ihnen vertretenen Landes oder ihre Eltern sind dort geboren", erklärte Raab die Idee des "Free European Song Contest". Zumindest war es so allen Künstlern möglich, höchstpersönlich auf der Bühne in Köln zu erscheinen.

Raab ist Nicole

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Durch den Abend führten Steven Gätjen und Conchita Wurst, 2014 selbst Gewinnerin des ESC, was zumindest für ein bisschen Glamour sorgte. Denn wie auch die ARD musste ProSieben natürlich ohne Live-Publikum auskommen. Also auf den Faktor der Show verzichten, der sie - neben skurrilen Auftritten und Kostümen sowie oft kitschigem Liedgut - normalerweise überhaupt erst zum Spektakel macht. Man behalf sich mehr oder weniger atmosphärisch mit eingespieltem Applaus und setzte ansonsten auf eine aufwendige Visual-Bühnenkonstruktion und bekannte Namen.

Nach einem Medley deutscher ESC-Beitrage von Conchita Wurst im knappen Glitzerkleid gebührte Initiator Stefan Raab der erste Einspieler des Abends, wenngleich "nur" in der Kostümierung von Sängerin Nicole, die 1982 den Eurovision Song Contest mit "Ein bisschen Frieden" gewann.

Tatsächlich als Erstes auf die große Bühne vor unsichtbarer Crowd musste Ilse DeLange für die Niederlande, dem Vorjahresgewinnerland. Eine Sängerin, deren Name und Gesicht schon im Cast der aktuellen Staffel der Vox-Show "Sing meinen Song" einige ratlos zurückließ. Ob die etwas emotionslose Pop-Kreation "Changes" das ändern würde, war zu diesem Zeitpunkt fraglich.

Auch #FreeESC verbindet

Weiter ging es mit der Türkei, dem Wahlkölner Eko Fresh und dem ausgerechnet im verfeindeten Düsseldorf lebenden Umut Timur. Aber der ESC verbindet eben. Nach dem "TV total"-typischen Gag-Einspieler, den es natürlich vor jedem Auftritt gab, präsentierten die beiden einen Rap-Pop-Song mit orientalischen Einflüssen.

Sieben Siege konnte Irland in der ESC-Geschichte bereits einfahren. Beim "Free ESC" ging nun Sion Hill an den Start. Ein Mann mit Gitarre, für ESC-Verhältnisse also eine recht bescheidene Performance, doch mit einem schönen Folk-Songwriting bei "Speak Up" dann zumindest "very irish".

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Kroatien lieferte den vierten Beitrag, und das in Person von Vanessa Mai, denn es ist das Heimatland ihres Vaters. Allerdings sang die Schlagerprinzessin vor allem auf Deutsch. Bei ihrem Auftritt kam erstmals die Pyrotechnik der überdimensionierten Bühne zur Geltung. Das lenkte von dem eher schwachen Song ab, der dann doch noch ein wenig Kroatisch beinhaltete.

Bulgarien im dritten Jahr

Bulgarien, zuvor erst zweimal beim ESC dabei, wurde vertreten von Oonagh-Sängerin und "Gute Zeiten, schlechte Zeiten"-Schauspielerin Senta-Sofia Delliponti. Sie sang allerdings an diesem Abend nicht in Elbensprache, wie in der Vergangenheit geschehen, sondern auf Deutsch und Bulgarisch. Emotional und ein bisschen düster, so mögen es Oonagh-Fans.

Das beliebteste Nachbarland Deutschlands ist Österreich, schenkt man Steven Gädjen Glauben. Und so waren sie als Nächstes an der Reihe. Für die Nachbarn trat Josh. an, bekannt geworden mit dem Song "Cordula Grün". "Wo bist du?" will er wissen, und das mit einem lupenreinen Popsong und viel Wiener Schmäh.

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Polen war die Nummer sieben an diesem Abend, vertreten durch Glasperlenspiel aka Daniel Grunenberg und Carolin Niemczyk, die polnischen 50 Prozent des Duos. "Immer da" ist eine dieser typischen Liebes-Popsongs des Paares aus dem baden-württembergischen Stockach.

ESC trotz Brexit

Großbritannien war trotz Brexit beim "Free ESC" dabei, zu Europa gehört es schließlich immer noch. Kelvin Jones dürfte das aber ohnehin herzlich egal sein, der lebt in Berlin. Mit seinen Background-Tänzern lieferte er einen der besseren Auftritte des Abends ab, was nicht allein der soulig-warmen Stimme von Jones geschuldet war, sondern auch dem internationalen Flair der Nummer.

ESC-Premiere feierte ausgerechnet im ESC-freien Jahr Kasachstan, vertreten von einem Musiker, der zu den bekannteren und jüngeren des Abends gehörte. Mike Singer, gerade erst bei der zweiten Staffel "The Masked Singer" dabei gewesen, ist vor allem ein Teenie-Magnet, durfte jetzt aber auch auf der Raab-Bühne seine stimmlichen Qualitäten unter Beweis stellen. Nun kennen zumindest auch die Eltern seinen Namen.

Mit der gebürtigen Britin Kate Hall ging für Dänemark die Ehefrau von Detlef D. Soest an den Start, die dank ihres Vaters auf dänische Wurzeln verweisen kann. Ein ESC-typischer Auftritt mit viel Pathos, Lichteffekten, Windmaschine und einer großen Gruppe an Tänzern.

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Ein weiteres aktuelles Gesicht der deutschen Pop-Welt im #FreeESC-Reigen war Songschreiber und Produzent Nico Santos. Auch er ist - wie Ilse DeLange - gerade Teilnehmer bei "Sing meinen Song". Santos trat für Spanien an, denn er ist aufgewachsen auf Mallorca. Und das gehört entgegen der landläufigen Meinung eben nicht zu Deutschland.

Zwölftes Land im #FreeESC-Bund war Italien, vertreten durch Sarah Lombardi. Die ehemalige "Deutschland sucht den Superstar"-Teilnehmerin, Ex von Pietro Lombardi und Mutter von Alessio - dem es Gerüchten zufolge gut geht, und das ist ja die Hauptsache - hat Großeltern in Italien, was sie für diesen Job prädestinierte. Ebenso wie die Tatsache, dass sie zumindest einen Teil ihres Songs "Te Amo Mi Amor" auf Italienisch sang.

Helge Schneider is back

Die neutrale und naturgewaltige Schweiz kam in Person von Stefanie Heinzmann aus Wallis, 2008 Gewinnerin des Raab'schen "TV Total"-Casting-Wettbewerbs "SSDSDSSWEMUGABRTLAD". Ihr Song trug den Titel "All We Need Is Love", hatte mit dem fast gleichnamigen Stück der Beatles allerdings wenig zu tun. Mit kurzem Blond-Schopf und Brille bewies Heinzmann einmal mehr nicht nur ihre mehrsprachige Stimmgewalt, sondern auch ihre optische Wandlungsfähigkeit.

Ein besonderes Schmankerl und die erste echte #FreeESC-Überraschung war die Teilnahme des Mondes als 16. Teilnehmerland, die bis dato geheim gehalten wurde. Dass der vom Raab-ESC-Zögling Max Mutzke dargestellte "The Masked Singer"-Astronaut dort oder auch nur dahinter lebt, kann man allerdings nicht glauben. Stimmlich war er trotz Helm jedenfalls mit seiner Ballade weit vorn.

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Dana International vertrat Israel 1998 und gewann, jetzt war es Gil Ofraim. Der hat sich nicht nur durch seine Performance bei "Let's Dance" 2017 über seine bis zu diesem Zeitpunkt eher schleppend laufende Musikkarriere hinaus einen Namen gemacht, sondern ebenso durch die darauf folgende medienwirksame Trennung von seiner Ehefrau. Nun konnte er mal wieder als Musiker brillieren und legte mit "Alles auf Hoffnung" ganz soliden Deutsch-Poprock ab.

Während die Teilnehmer der übrigen Länder im Vorfeld und zu Beginn der Show bekannt gegeben wurden, hielt man sich hinsichtlich des deutschen Beitrags bedeckt. Und die zweite Überraschung des Abends war perfekt, als Gätjen und Wurst Helge Schneider ankündigten. Ein Song, geschrieben vor drei Wochen innerhalb von zehn Minuten, hieß es. Mit dem Corona-Lied "Forever At Home" samt Raab-Band Heavytones war dieser Beitrag sicher schon lange vor der Punktevergabe der Gewinner der Herzen.

Stars vergeben Punkte

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Teil eins der insgesamt gut vierstündigen Show war in diesem Moment geschafft. Die langatmige Punktevergabe ließ sich aber natürlich auch bei diesem Event nicht vermeiden. Nun wurde es wie ESC-üblich auch hier zäh mit zahlreichen Wiederholungen und Nummern-Nennungen.

Ausgleichen sollten die inhaltliche Ödnis neben einem weiteren Wurst-Auftritt und Youtube-Hit Antoine Burtz feat. Teddy Teclebrhan mit "Deutschland isch stabil" bekannte Länder-Hosts, darunter Lukas Podolski für Polen, Angelo Kelly für Irland, Spice Girl Melanie C für Großbritannien, Michelle Hunziker für Italien, Michael "Bully" Herbig aka Captain Spuck für den Mond, Vorjahresgewinner Duncan Laurence für die Niederlande und Heidi Klum und Tom Kaulitz für Deutschland. Auch Santos' Schwester und Mike Singers Vater waren dabei. Wobei nur in Deutschland, Österreich und der Schweiz die Zuschauer per Telefon- und SMS-Voting abstimmen konnten, sonst übernahmen die "fachkundigen" Länder-Paten den Job.

Es war kurz nach Mitternacht, als der Gewinner endlich feststand. Während Kate Hall und Dänemark mit 20 Punkten auf dem letzten Platz landeten, fuhr den Sieg des ersten "Free European Song Contest" Nico Santos für Spanien ein. Ob Raab plant, auch nach Corona und damit eventuell ja schon im kommenden Jahr ein weiteres Event dieser Art - womöglich auf Mallorca - auszurichten, ist aktuell nicht bekannt. In dem Fall wäre es schon schade, dass nicht Max Mutzke als "Astronaut" für den Mond gewonnen hat. Der schaffte es aber immerhin -hinter Ilse DeLang - auf Rang drei, während Deutschland mit Helge Schneider nach der letzten Punktevergabe auf Platz vier abrutschte.

Quelle: ntv.de