Panorama

Deutschland unterschätzt Gefahr Erst Frauenhasser, dann Terrorist?

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Trauer nach dem Attentat in Toronto: Ein 25-Jähriger tötete 2018 mit einem Lieferwagen zehn Menschen, die meisten von ihnen Frauen.

(Foto: picture alliance / NurPhoto)

Die Attentäter von Halle, Hanau, Christchurch und Toronto haben Hunderte Menschen ermordet. Und sie haben eine Gemeinsamkeit: Sie hassen Frauen. In anderen Ländern werden frauenfeindliche Straftaten längst dokumentiert und verfolgt, in Deutschland nicht. Warum?

Ein 25-jähriger Kanadier rast mit einem Lastwagen in eine Gruppe Menschen. Zehn von ihnen sterben, die meisten sind junge Frauen. Auf sie hatte es der Attentäter in Toronto abgesehen. Vor dem Anschlag war er als Frauenhasser in Internetforen aufgefallen - und er ist kein Einzelfall. Ausgeprägter Frauenhass beschreibt das Persönlichkeitsprofil vieler Attentäter, sagt Terrorismusexperte Florian Hartleb ntv.de.

"Es gibt einen neuen Tätertypus, den einsamen Wolf. Er ist sozial isoliert, aber virtuell vernetzt und verbringt sehr viel Zeit am Computer", erklärt Hartleb. "Der Frauenhass ist dabei ein wichtiges Merkmal von diesem neuen Tätertypus." Dies sei ein reines Männerphänomen. Von daher spiele Frauenfeindlichkeit eine wichtige, aber unterschätzte Rolle, so der Terrorismusexperte.

Der Attentäter von Halle, der am 9. Oktober 2019 versuchte, in eine Synagoge einzudringen, und anschließend zwei Menschen auf der Straße erschoss, hatte noch nie eine Beziehung zu einer Frau. Ähnlich war es beim Attentäter von Hanau. Der hat in seinem Manifest geschrieben, dass er nur ein einziges Date in seinem Leben hatte. Das sei aber nicht erfolgreich gewesen, weil der Frau angeblich ein Chip eingepflanzt wurde.

Der 25-jährige Kanadier, der in Toronto mit einem Lieferwagen zehn Menschen ermordet hat, widmete seinen Anschlag der Incel-Bewegung. Incel beschreibt eine Gruppe von Männern, die "unfreiwillig zölibatär" lebt - also im Zölibat. Sie glauben, dass sie von Frauen sexuell verschmäht werden. Bis zu diesem Tag im April 2018 hatte kaum jemand von dieser Gruppe gehört oder die wütenden Männer im Internet wahrgenommen. Die Behörde für öffentliche Sicherheit in den USA hat nach einer Bedrohungsanalyse aber anschließend erkannt, dass Terroranschläge erstaunlich oft von Männern mit frauenfeindlichen Motiven verübt werden. Im Bundesstaat Texas werden seither kriminelle Incels seit Anfang 2020 als Terroristen erfasst, weil von ihnen eine "wachsende terroristische Gefahr" ausgehe.

Frauenfeindliche Straftaten sollen sichtbarer werden

In Deutschland ist man noch nicht so weit. Der Gedanke, dass von Incels eine wachsende Gefahr für die gesamte Gesellschaft ausgeht, komme bei den Behörden erst langsam an, sagt die Rechtsextremismus-Expertin Judith Götz ntv.de. "Hier gibt es noch große Leerstellen in der Expertise, wo sich potenzielle Attentäter im Darknet, also in den Tiefen des Internets, aufhalten." Diese müsse man stärker überwachen und die Gefahr, die von ihnen ausgeht, ernster nehmen, sagt Götz.

In Großbritannien verfolgt man diese Gefahr schon länger. Seit April 2016 erfasst die Polizei der Grafschaft Nottinghamshire frauenfeindliche Taten als Hasskriminalität. Andere große Städte wie London, Liverpool und Manchester wollen dem Modell folgen. In Deutschland werden frauenfeindlichen Straftaten dagegen in keiner Kriminalstatistik erfasst. Bisher tauchen diese nur unter der Rubrik partnerschaftliche Gewalt oder Online-Hass auf, sagt Digitalstaatsministerin Dorothee Bär ntv.de. "Welche und wie viele Taten auch aus frauenfeindlichen Motiven begangen werden, wird nicht dokumentiert." Die Gesellschaft könne das Problem deshalb weiter ignorieren.

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Bundesinnenminister Horst Seehofer will das nun nach anfänglicher Ablehnung ändern. Frauenfeindliche Straftaten sollen künftig besser sichtbar werden, sagte er dem "Spiegel". Gemeinsam mit den Ländern wolle er einen Weg finden, dieses Vorhaben zügig umzusetzen. Dorothee Bär hofft, dass dies noch vor der Bundestagswahl im September passiert.

Das Problem ist noch nicht gelöst

Das Feindbild "Frau" ist im Rechtsextremismus ähnlich stark verwurzelt wie im Islamismus. Gerade die Feministin dient als Symbolfigur, die vermeintliche gesellschaftliche Naturzustände ins Wanken bringt, sagt Extremismusexpertin Götz. Das gilt aber nicht nur für Extremisten. Sexismus und Frauenfeindlichkeit seien etwas "sehr Alltägliches, weshalb viele es nicht so stark als Grenzüberschreitung wahrnehmen". Das gelte sowohl für Täter als auch für Betroffene. Die Vorstellungen von naturgegebenen Geschlechterrollen sei nicht nur am äußersten rechten Rand anzutreffen, sondern seien auch in der Mitte der Gesellschaft weit verbreitet, so Götz.

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"Frauenhass" als Straftat zu erfassen, reicht deshalb nicht aus, um das Problem zu lösen. Man müsse sich auch einen Überblick über die Szene und die Foren im Internet verschaffen, in denen sich die Täter vernetzen, sagt Götz. Tatsächlich will das Bundesinnenministerium hier liefern: In einer Stellungnahme gegenüber ntv.de teilt das Ministerium mit, dass die "Sicherheitsbehörden die entsprechenden Entwicklungen, insbesondere im Netz und den einschlägigen Foren, mit großer Aufmerksamkeit und unter Einsatz aller zur Verfügung stehenden Mittel" verfolgen würden.

Terrorismusexperte Florian Hartleb ist davon nicht überzeugt. Er sagt, dafür brauche es bessere virtuelle Kompetenzen. Damit sich bestimmte politische und frauenfeindliche Einstellungen gar nicht erst entwickeln können, müsse man außerdem stärker in die Prävention investieren. Judith Götz stimmt zu. Im Kindergarten und im Vorschulalter könne man mit Bildungsprogrammen das Bild der Geschlechterverteilung noch stark beeinflussen, sagt sie. Setze man erst später an, haben die Täter bereits ein gefestigtes Weltbild. Das sei oft nur sehr schwer ins Wanken zu bringen.

"Nicht zuletzt ist es auch wichtig, das soziale Umfeld zu sensibilisieren", sagt Götz. Wenn sie merken, dass sich einzelne Männer solchen Szenen zuwenden, müssten Familienangehörige, Freunde und Arbeitskollegen sich an Beratungsstellen wenden können, damit diese entsprechend handeln könnten. Eine Garantie dafür, dass Terroranschläge in Zukunft verhindert werden, ist das nicht. Doch wenn Hass auf Frauen keinen Platz mehr in der Gesellschaft hat, können Menschenleben gerettet werden.

Quelle: ntv.de

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