Politik

Gewalt, Terror, Frauenhass Was die Incel-Szene so gefährlich macht

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Emanzipierte Frauen als "Feinde, die man bekämpfen muss" - Philipp Schlaffer (Mitte) war früher im rechtsextremen Milieu.

(Foto: privat)

Ob Anders Breivik, der Attentäter von Hanau, Stephan B. aus Halle oder viele andere: Neben Ihrem rassistischen, rechtsextremen und antisemitischen Weltbild eint die Massenmörder der Hass auf Frauen. Inzwischen hat sich eine regelrechte Szene organisiert, die immer gefährlicher wird.

Die Bilder haben sich eingebrannt. Ein Mann in dunkler Kampfmontur und mit Helm steht tagsüber mitten in Halle, lädt seine selbstgebaute Waffe durch und schießt mehrmals Richtung der Polizisten, die gerade die Straße abgesperrt haben. Er wirkt auffallend ruhig und besonnen, ist nicht hektisch. Dabei hat Stephan B. gerade erst versucht, ein Massaker in einer jüdischen Gemeinde in Halle zu verüben, und zwei Menschen erschossen.

Aus seinem Wagen dröhnt Musik. Sie ist laut, schnell, hart. Auch der Text: "Ride my dick and cum inside, while I do a homicide." (Frei übersetzt: Reite meinen Schwanz und ich komme in dir, während ich andere ermorde.) Mit diesem Lied huldigte ein Rapper dem Kanadier Alek Minassian, der am 23. April 2018 in Toronto mit einem Lieferwagen acht Frauen und zwei Männer tötete. Er war ein Frauenhasser und ein "Incel". Die Abkürzung steht für "involuntary celibate", was so viel bedeutet wie "unfreiwillig im Zölibat". Was ist bekannt über diese Community?

"Der überwiegende Teil der Szene ist sehr jung, schüchtern und technikaffin. Zwischen 16 und 21 Jahre alt, selten über 24 Jahre", sagt die Soziologin Veronika Kracher im Gespräch mit ntv.de. "Sie sind allein und haben keine Freundin. Sie glauben, sie haben wichtige Momente im Leben, wie den ersten Sex, verpasst. Und das, obwohl er ihnen zusteht. Nun suchen sie einen Schuldigen. Und die Schuldige ist die moderne Frau."

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Stephan B. hat in Halle zwei Menschen ermordet - es sollten viel mehr werden.

(Foto: picture alliance/dpa)

In den von Algorithmen dirigierten Echokammern finden sie dann im Netz andere Menschen, die sie verstehen, weil es ihnen ähnlich geht. In den Frauenhasser-Foren auf 4chan, 8kun oder Discord badet man gemeinsam im Selbstmitleid, hier wird die Wut kultiviert. Die moderne Frau oder "Stacy" - eine beliebte Sammelbezeichnung - sei, so das Narrativ, in erster Linie nur am eigenen Wohlstand interessiert. Sie bekomme keine Kinder mehr, weil es im Wettrennen um gute Positionen und finanzielle Unabhängigkeit hinderlich sei. Und wenn sie sich auf einen Mann einlasse, dann nur, wenn der gut situiert ist und exzellent aussieht, also ein echter "Chad" ist. Das ist ebenfalls eine Sammelbezeichnung für die männlichen Feindbilder. Und auch auf Ausländer seien sie scharf, so der Tenor. Zwar sind viele Mitglieder der Incel-Szene harmlos. Doch eben am letztgenannten Argument öffnet sich die Pforte für eine andere Szene. Und dann wird es gefährlich.

"Frauen, die möglichst viele Soldaten gebären"

"Wenn wir einen Blick auf Menschen wie Anders Breivik, Stephan B. und andere rechtsextreme Mörder werfen, dann sind das häufig Narzissten", sagt Melanie Hermann von der Amadeu-Antonio-Stiftung, die die Szene intensiv beleuchtet hat. "Sie denken, sie sind so großartig, dass sie sich nicht an andere anpassen müssen." Brenton Tarrant, der im neuseeländischen Christchurch 51 Muslime erschossen hat, habe sich für "den weißen Nelson Mandela" gehalten. "Und wenn sie dann doch im richtigen Leben enttäuscht werden, dann kann es nur an anderen liegen. Und das ist oft die Frau, und die muss man jetzt bekämpfen", so Hermann.

Auch Anders Breivik war ein einsamer Mann. Seine Mutter hat ihn als schwieriges Kind beschrieben und ein medizinischer Gutachter bestätigte: "Ihm fehlen fast vollständig alle Elemente der Lust und der Freude". Breivik wurde die Unterbringung in einem "stabilen Pflegeheim" empfohlen, was nie geschah.

Am 22. Juli 2011 fuhr Breivik mit einem Kleintransporter in das Regierungsviertel im norwegischen Oslo und stellte den Wagen dort ab. Im Kofferraum hatte er eine selbstgebaute Bombe platziert. Als knapp eine Tonne des Gemischs aus Ammoniumnitrat und Dieselöl explodierte, wurden acht Menschen getötet, mehrere Gebäude erheblich zerstört. Anschließend erschoss Breivik auf der Insel Utoya 69 Teilnehmer des Sommercamps einer sozialdemokratischen Jugendorganisation. Ein Überlebender berichtete später, er habe den Eindruck gehabt, Breivik habe regelrecht "Jagd auf Frauen gemacht". Und auch in seinem anschließend veröffentlichten Schreiben wird sein Hass deutlich. "Das Erstarken des Feminismus bedeutet das Ende der Nation und das Ende des Westens." Und er ist sich sicher, dass Frauen zu ermorden sinnvoll sein kann, wenn eine ganze Nation gerettet werden müsse.

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Philipp Schlaffer auf einer aktuellen Aufnahme.

(Foto: privat)

Philip Schlaffer ist heute mit viel Leidenschaft ein radikaler Gegner des Rechtsextremismus. Früher jedoch war er mit überzeugter Teil der rechtsradikalen Szene. Gewaltbereit, mit Hass erfüllt und körperlich von beeindruckender Statur. Beeindruckend, das weiß er, soll auch das Selbstverständnis der Rechtsradikalen klingen. "Der Mann steht in vorderster Front und im Kampf für eine neue Weltordnung, denn es geht schlicht und ergreifend um das Überleben der weißen Rasse. Was der Rechtsextremismus braucht, sind also Frauen, die möglichst viele Soldaten gebären, und das machen emanzipierte Frauen eben nicht. So werden sie zu Feinden, die man bekämpfen muss", fasst Schlaffer das Weltbild der Szene zusammen.

"Überwiegend Männer werden zu Mördern"

Am 23. April 2018 rast ein Mann mit seinem Lieferwagen in Toronto auf einen Bürgersteig zu. Mit hoher Geschwindigkeit jagt der 27-jährige Kanadier Alek Minassian seinen Van auf einer Strecke von fast drei Kilometern durch eine Menschenmenge. Am Ende sterben zehn Personen, darunter acht Frauen. Lange rätseln die Behörden über das Motiv. Erst als man seine Chats auf den Plattformen Reddit und 4 Chan analysiert, wird das Motiv deutlich: Frauenhass. "Überwiegend Männer werden zu Mördern aus dem Gefühl heraus, enttäuscht und verlassen worden zu sein", so Melanie Hermann. "Sie haben keine Freundin, keinen Sex und sind sich aber sicher, dass es ihnen zusteht." Das Bad im Selbstmitleid kennt auch Ex-Neonazi Philip Schlaffer. "Viele denken: Ich bin so ein harter Hund, bereit für das Überleben unserer Rasse zu kämpfen. Und dann will mich keine. Das macht viele wütend."

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Und so kommen in dem Hass auf die emanzipierte Frau plötzlich die unterschiedlichsten Strömungen zusammen. Es sind die Incels, die Rechtsextremen, die Verschwörungsphantasten der White-, Red- and Blackpill Bewegung, die Nationalisten, die Antisemiten und so weiter. In Pakistan und Indien hetzen sie auf 4chan gegen Frauen, die nur hellhäutige Männer wollen, in anderen Ländern lassen weiße anderen schwarzen Männern ihren Hass spüren, weil die mit ihrer angeblichen Triebhaftigkeit weiße Frauen beeindrucken. In den USA tobt sich die Alt-Right-Bewegung auf Reddit gegen die moderne Frau aus. Und in Europa sehen viele einen "großen Bevölkerungsaustausch" kommen, wenn europäische und deutsche Frauen nicht mehr genug Kinder gebären.

Die wachsende Frauenhasser-Community ist besorgniserregend. In einigen Foren sammeln sich Zehntausende ihrer Anhänger. Diese toxische Allianz ist, gemessen an rund 4 Milliarden Internet-Usern weltweit, eine absolute Minderheit. Aber die wenigen, die sich in den einschlägigen Foren radikalisiert haben, haben schon Verheerendes angerichtet. Und die Parallelen sind beängstigend. Anders Breivik, Alek Minassian, Tobias R. aus Hanau, Brenton Tarrant aus Neuseeland oder Stephan B. aus Halle. Sie alle waren unfähig, Freundschaften und Beziehungen zu Frauen aufzubauen. Und sie alle sind zu Mördern oder Massenmördern geworden.

Quelle: ntv.de