Panorama

Fachkräftemangel in der Pflege Steckt euch eure Prämien sonst wohin!

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Nina Böhmer ist wieder genau so wütend wie zu Beginn der Pandemie.

(Foto: Alexandra S. Aderhold)

Zur Bewältigung der Corona-Krise werden Boni für Pflegekräfte gefordert, damit sie ihre Motivation bewahren und nicht kündigen. Doch das ist zu wenig und packt das Problem noch immer nicht an der Wurzel.

Während der ersten Wochen nach Ankunft des Coronavirus in Europa habe ich, die seit mehr als zehn Jahren als Krankenschwester arbeitet, ein Posting bei Facebook veröffentlicht, in dem ich meine ganze Wut rausgelassen habe. Ich beschwerte mich bitter über miese Arbeitsbedingungen und viel zu hohe Belastungen für uns Pflegekräfte, aber auch über fehlende Unterstützung durch die Politik und zu wenig gesellschaftliche Wertschätzung und Anerkennung für unsere täglichen Leistungen in der Zeit vor Corona. Erst in der Notlage klatschten Leute für uns von Balkonen. Ich schrieb: "Euren Applaus könnt ihr euch sonst wohin stecken."

Ich erklärte in unzähligen Interviews, dass ich den Beifall als nette Geste empfand, er aber nicht die Lösung ist. Und mir war schon damals klar, dass wir Pflegekräfte wieder in Vergessenheit geraten, sobald der Sommer kommt und Corona nicht mehr so sehr wütet. So kam es. Heute, in diesen Tagen und Wochen, bin ich wieder genauso wütend wie damals. Denn es ist nichts passiert, die Politik hangelt sich weiterhin nur von Woche zu Woche, um die Lage einigermaßen zu bewältigen.

Immerhin kapieren es endlich die Medien, dass es so nicht weitergehen kann. Aber anstatt radikale Änderungen im Gesundheitswesen vorzuschlagen, fordern sie Prämien für uns, damit wir Pfleger und Krankenschwestern nicht kündigen. "Die Helden der Pandemie haben wirklich Besseres verdient. 1000 Euro netto mehr pro Pflegenden über den Winter wäre eine Ansage", las ich in einer Berliner Zeitung. Das ist genauso nett gemeint wie der Beifall von den Balkonen. Prämien mögen motivieren als Anerkennung. Viele nehmen sie sicher gern und freuen sich aus verständlichen Gründen. Ich will sie nicht. Ich möchte Veränderungen im Gesundheitssystem.

Helden werden immer wieder vergessen

Ich glaube zudem: Wieder geht es nicht um uns, dass wir Pflegekräfte bessere Arbeitsverhältnisse kriegen, sondern um die Versorgung der Bevölkerung. Das ist verständlich, denn die hat Angst. Und wir sind für die Bevölkerung ja auch gerne da. Aber es ist doch so: Wir sollen, bitte sehr, diesen Winter noch durchhalten, damit alle versorgt sind. Im Frühjahr lässt die Coronawelle wieder nach, da ist es dann wieder egal, wird keine Zeitung schreiben, wir sollen Prämien kriegen. Dann sind die Helden abermals vergessen.

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Wir sind vor allem von der Politik im Stich gelassen worden. Ich weiß, dass die schwierige Lage in Krankenhäusern gerade stark mit Corona zu tun hat. Aber der Personalmangel in Praxen, Kliniken und Altenheimen war schon vorher da. Er hat sich durch die Pandemie nur verschärft. Viele haben aus Frust, Dauerbelastung und wegen Burnouts gekündigt. Intensivstationen sind gesperrt oder stehen nicht zur Verfügung. Das hat nichts damit zu tun, was manche irrerweise immer noch behaupten, dass Covid-19 eine Lappalie sei. Unsinn! Es fehlt an speziell ausgebildetem Personal für die Stationen. Deshalb nimmt die Zahl der Betten ab.

Die brauchen wir gerade jetzt. Corona-Patienten können ja nicht der einzige Maßstab im Gesundheitswesen sein. Stimmt, viele Operationen müssen wegen der hohen Zahl schwer Covid-19-Erkrankter verschoben werden. Aber auch das hat mit fehlenden Pflegekräften zu tun. Sonst wäre die Lage nicht so schlimm. Die zermürbenden Monate haben die Lage und die Stimmung verschlechtert und zu weiteren Kündigungen von Stammpflegekräften geführt.

"Pflegt euch ins Knie"

In der Intensivmedizin und im Rettungsdienst sind 19 Prozent der Ärzte und 31 Prozent der Pflegekräfte und Sanitäter auf dem Absprung, wie eine im April veröffentlichte Umfrage der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin zeigte. Dabei musste schon vor Corona viel zu viel husch-husch gehen. Immer schnell zum nächsten Patienten, im Gedanken: Nur nicht das Nötigste und Wichtigste vergessen. Das halten wir Krankenschwestern und Pfleger weder fachlich noch emotional aus. Wir können den Job nicht ausüben, wie wir wollen. Das Thema Impfen will ich hier nicht weiter aufmachen. Man sollte sich aber genau überlegen, ob man Pflegekräfte, die sich nicht impfen lassen wollen, als unverantwortliche Tyrannen hinstellt, nur weil sie Angst haben, das Falsche zu tun.

Für mich ist die Entwicklung keine Überraschung, ich habe schon in meinem Buch, das Jens Spahn gelesen hat, geschrieben, dass das Gesundheitssystem an einem seidenen Faden hängt, der jeden Augenblick reißen kann. Ich wusste, was passieren wird, wenn man uns Pflegekräfte weiter so behandelt und die Politik einfach nichts tut. Die Kündigungswelle rollt ja längst.

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Streikende Pflegekräfte schrieben neulich "Pflegt euch ins Knie". Ich kann es nachvollziehen. Im ersten Moment musste ich lachen, weil der Spruch originell ist, aber eigentlich ist er gar nicht zum Lachen. Spätestens jetzt sollte jedem das Lachen vergangen sein. Das Maß ist genauso voll wie die Kliniken. Das gilt auch für mich. Ich habe keine Lust mehr, weil schon klar ist, dass auch die Ampelkoalition nichts wirklich Bewegendes tun wird. Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben. Ich habe schon keine mehr.

Und deshalb sage ich: Steckt euch eure Prämien sonst wohin!

Quelle: ntv.de

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