Panorama

Bautzener Intensivarzt Linke "95 Prozent unserer Corona-Patienten sind ungeimpft"

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Dr. Matthias Linke ist Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie in Bautzen. Dort behandelt er jetzt wieder Corona-Patienten - nachdem er selbst schwer an Covid-19 erkrankt war.

(Foto: Steffen Unger / ntv.de)

Fünf Monate brauchte Intensivmediziner Dr. Matthias Linke, um nach der eigenen Corona-Erkrankung Ende 2020 an seinen Arbeitsplatz im Bautzener Krankenhaus zurückzukehren. Seine Prognosen für die aktuelle Corona-Situation sind alarmierend: "Inzwischen stehen wir mit dem Rücken zur Wand."

Miriam Schönbach: Wie ist die Lage auf der Station?

Matthias Linke: Auf den Corona-Normalstationen liegen derzeit über 40 Patienten. Auf unserer Corona-Intensivstation befinden sich neun Patienten mit einer Corona-Lungenentzündung, meist mit invasiver oder nichtinvasiver Beatmung. Ihr Alter liegt zwischen 55 und 70 Jahren. Aus Kapazitätsgründen gab es schon drei Verlegungen in die Uniklinik Dresden. Die Prognose der nächsten Wochen sieht schlechter aus als im vergangenen Jahr. Denn die Kliniken in Dresden und in der Region sind bereits ausgelastet.

Bei unserer Terminvereinbarung sagten Sie: "Vielleicht können wir noch mit dem Gespräch noch was retten". Was meinten Sie damit?

Seit dem 29. Oktober 2021 sind wir wieder reine Corona-Intensivstation. Inzwischen stehen wir mit dem Rücken zur Wand. Ein zu erwartender weiterer Anstieg der intensivpflichtigen Corona-Patienten wird ein großes medizinisches und organisatorisches Problem. Nicht nur in Bautzen, sondern im ganzen Land. Ursache ist die allgegenwärtige Delta-Variante mit einer 15- bis 18-mal höheren Infektiosität gegenüber dem Wildtyp vom letzten Jahr. Dieses hohe Ansteckungspotenzial führt zu sehr vielen Krankenhauseinweisungen, die die Kapazität der Infektionsstationen überschreiten werden.

Was bedeutet das für die Patienten?

Ein Teil dieser Schwererkrankten wird intensivpflichtig. Bei fortschreitendem Lungenversagen kommen verschiedene Techniken der Sauerstoffgabe zur Anwendung, bis hin zur invasiven Beatmung mit einer Intubation. Bei noch schlechterem Gasaustausch muss die Beatmung im Wechsel von Rücken- und Bauchlagerung erfolgen. Viele der Langzeitbeatmeten bekommen einen Luftröhrenschnitt. Trotz aller Maßnahmen stirbt rund ein Drittel dieser ITS-Patienten. Da tut es allen Mitarbeitern weh, wenn noch über das Krankenhaus Lügen verbreitet werden.

Welche denn?

Zum Beispiel, dass auf der ITS nur geimpfte Corona-Patienten liegen. Das stimmt grundsätzlich nicht. Zu über 95 Prozent sind es Ungeimpfte. Ausnahmen bildeten Patienten, die wegen einer schweren anderen Erkrankung, zum Beispiel akutem Herzinfarkt, bei uns zur Überwachung waren. Ja, es gibt Corona-Infektionen trotz vollständiger Impfung. Zum Glück erkranken diese Patienten aber weniger schwer. Die Corona-Inzidenz bei Geimpften liegt derzeit bei 70, bei Ungeimpften bei 1500. Das heißt, Ungeimpfte werden 20-mal häufiger angesteckt als Geimpfte.

Für Sie kam die Impfung Ende 2020 zu spät. Wie geht es Ihnen nach Ihrer Corona-Erkrankung?

Die Impfungen begannen für das medizinische Personal im Krankenhaus am 28. Dezember 2020. Ein paar Tage zuvor habe ich mich trotz aller Schutzmaßnahmen infiziert. Die Impfung kam für mich ein bis zwei Wochen zu spät. Ich war nach dem positiven Test erst zu Hause, lag dann in unserem Krankenhaus und wurde intensivpflichtig. Von den eigenen Kollegen musste ich aus Kapazitätsgründen unter nichtinvasiver Beatmung nach Dresden verlegt werden.

Wie ging es weiter?

Ich wurde sieben Tage nichtinvasiv beatmet, mit Komplikationen und kompletter Intensivtherapie. Diese Erfahrung hätte ich mir gern erspart. Nach der Verlegung auf eine Corona-Normalstation kämpfte ich darum, endlich wieder ohne Sauerstoff selbstbestimmt zu leben.

Seit wann arbeiten Sie wieder?

Nach einer ambulanten und stationären Rehabilitation konnte ich Mitte Mai wieder mit meiner Arbeit beginnen. Eine solche Erkrankung wünsche ich keinem, völlig egal, ob geimpft oder ungeimpft. Ich bin froh, alles überstanden zu haben. Viele Patienten schaffen das nicht oder liegen mit dauerndem Sauerstoffbedarf im Pflegebett.

Wie Ihr Team stehen Sie nun wieder an den Intensivbetten. Wie stecken Sie diese Belastung weg?

Das erste Mal wieder in Schutzkleidung in einem ITS-Zimmer mit Corona-Beatmungspatienten war beklemmend und wie ein Déjà-vu. Vielleicht verstehen Sie jetzt, weshalb ich mich so besonders für alle Prophylaxe-Maßnahmen zur Unterbrechung der Infektionsketten einsetze. Ich möchte darüber hinaus ausdrücklich das Engagement aller Mitarbeiter der Klinik hervorheben.

Aber?

Wir sind in der ersten Phase einer neuen Corona-Infektionswelle. Ich mache mir große Sorgen. Die Personaldecke ist, insbesondere im Pflege- und Intensivpflegebereich, aber auch bei der Ärzteschaft, sehr dünn geworden. Die Mitarbeiter sind noch von der Corona-Welle im Frühjahr her psychisch und physisch ausgelaugt. Krankenstand und Quarantänen reißen Lücken. Ich bin froh über die gute kollegiale Zusammenarbeit in unserer Klinik und zwischen allen Fachkliniken.

Geht da manchmal auch die Wut mit auf Station?

Wut ist nicht das richtige Wort, aber wir könnten viel besser dastehen. Wir haben gute Impfstoffe mit einer sehr hohen Wirksamkeit. Die Infektionen und Erkrankungen sind überall in den Regionen mit niedriger Impfrate besonders hoch, also auch hier bei uns. Ungeimpfte und Ignoranten der Abstandsregeln sind letztlich für alle ein Problem.

Dabei ist die Inzidenz von heute erst in zwei Wochen im Krankenhaus zu sehen. Welche Prognose wagen Sie für Ihre Bautzener Station?

Die Corona-Welle verhält sich wie ein Tankschiff mit sehr langem Bremsweg. Trotz weiterer Impfungen und zunehmenden Kontaktbeschränkungen wird es in den nächsten zwei bis drei Wochen keine Entspannung geben. Bestenfalls kann eine weitere Zunahme der Infektion abgemildert werden. Ich glaube nicht, dass es unbeschwerte Weihnachten gibt. Ich erwarte für alle viel Arbeit in der Klinik. Auch im privaten Leben wird es sicher weitere Kontaktbeschränkungen geben müssen.

Was aber kann noch helfen?

Impfen. Jeder schützt dadurch sich persönlich und auch andere. Durch eine höhere Impfrate kann die Infektionswelle gebrochen werden. Parallel dazu sind weitere angepasste Kontaktbeschränkungen erforderlich.

Mit Matthias Linke sprach Miriam Schönbach von der Sächsischen Zeitung

Quelle: ntv.de, sächsische.de

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