Panorama

Suche nach Corona-Ausweg Zankende Wissenschaftler nützen keinem

Protest.jpg

Die Menschen brauchen Perspektiven, keine streitenden Wissenschaftler.

(Foto: imago images/BildFunkMV)

Die Wissenschaft gibt derzeit in der Corona-Pandemie ein unglückliches Bild ab. Das liegt nicht am Sachverstand der Forscher, sondern daran, dass sie oft nur übereinander reden oder twittern, statt gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Politik und Medien müssen sie aber auch machen lassen.

Der Kampf gegen die Corona-Pandemie ist in einer entscheidenden Phase: Gelingt es, die Ausbreitung so lange einzudämmen, bis genügend Menschen geimpft sind? Machen uns die neuen Virus-Varianten einen Strich durch die Rechnung? Soll der Lockdown verlängert oder gar verschärft werden? Wie lange hält dies das Land noch aus? Kann oder muss man bald lockern? Und wenn ja, ab wann und wie?

Fast schon religiös

Bei der Suche nach den Antworten spielt die Wissenschaft eine wichtige, wenn nicht sogar eine entscheidende Rolle. Doch sie wird dieser Rolle kaum gerecht, weil sie Lösungsansätze nicht mehr im Diskurs, in der ergebnisoffenen Diskussion sucht. Stattdessen stehen sich - zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung - zwei unversöhnliche Positionen gegenüber, die nur noch übereinander herziehen, statt miteinander zu diskutieren. Der Streit erinnert fast schon an einen religiösen Disput über Wahrheiten. Er kann zu keinem Kompromiss führen, weil ja dann das eine oder andere nicht mehr ganz wahr wäre, an das man glaubt.

Auf der einen Seite gibt es die Befürworter einer "No-Covid-Strategie", eine moderatere Variante von "Zero-Covid". Sie fordern im Prinzip, den Lockdown - gegebenenfalls auch mit noch härteren Maßnahmen - so lange durchzuziehen, bis eine Inzidenz unter zehn Fällen erreicht ist - möglichst europaweit. Erst dann sollen erste Lockerungen möglich sein. Gibt es in einer Region zwei Wochen lang keine neuen Fälle, wird sie zur "grünen Zone" mit "weitgehender und dauerhafter Öffnung". Geschützt werden sollen diese Corona-freien Gebiete durch eingeschränkte Mobilität zu den "roten Zonen" sowie Monitoring und Früherkennung von Ausbrüchen.

*Datenschutz

Die Strategie der anderen Seite lautet "Mit dem Virus leben". Dabei gibt es verschieden starke Ausprägungen, aber grundsätzlich geht es dabei darum, Maßnahmen wann immer möglich zu lockern, da eine Inzidenz unter 10 oder gar "Zero-Covid" auf Dauer nicht erreichbar oder zu halten ist, ohne weite Teile der Gesellschaft unverhältnismäßig zu schädigen. Dabei beziehen sich die Verfechter vor allem auf Schulen (Kinder), Wirtschaft und Kultur. Anhänger dieser Strategie plädieren schon länger für Stufenpläne, bei denen Grenzen nicht nur nach Inzidenzen, sondern auch nach weiteren Kriterien gezogen werden. Dazu gehören die Entwicklung der Reproduktionszahl R, die Inzidenzen nach Risikogruppen oder die Auslastung von Krankenhäusern.

Signale der Kompromissbereitschaft

Die Positionen liegen schon recht weit auseinander, aber das spricht nicht erzwungenermaßen gegen einen Kompromiss. Beide Seiten suchen nach einem Ausweg aus der Pandemie "mit möglichst geringen gesundheitlichen, wirtschaftlichen und demokratischen Verlusten und Folgeschäden", wie es in den Handlungsoptionen der "No-Covid"-Gruppe heißt. Und dort steht auch, man sei sich "der Möglichkeit des Irrtums besonders bewusst. So ist es zum Beispiel denkbar, dass unsere Zielsetzung, eine Niedriginzidenz von unter 10 zu erreichen, verfehlt werden könnte, wenn sich dafür kein gesellschaftlicher Konsens herstellen lässt."

Und auch die "Gegner" sind keine Sturköpfe ohne jede Selbstzweifel. Klaus Stöhr, Kopf der Arbeitsgruppe "CoronaStrategie", twitterte kürzlich: "Alle beteiligten Fachkollegen suchen ehrlich nach der besten Lösung je nach Erfahrung und Wissen. Eine gemeinsame Suche würde viel mehr Früchte tragen. Ich würde mich über mehr Zusammenarbeit freuen."

Doch eine Kooperation gibt es bisher nicht oder sie findet jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit statt. Dort fliegen eher die Fetzen, sei es in Talkshows, Interviews oder Podcasts. Speziell auf Twitter ist das Niveau dabei teilweise unterirdisch. Man lauert auf Fehleinschätzungen, missverständliche Formulierungen und teilt besonders gerne Preprints (Vorab-Studien), die die eigene Meinung unterstützen oder die der Gegenseite widerlegen beziehungsweise abschwächen. Beliebt sind auch Retweets von bösartigen Tweets, die man sich selbst anscheinend nicht zu schreiben traut, um dann offenbar genüsslich die fiesen Kommentare des eigenen "Teams" zur Selbstbestätigung zu lesen.

Politik und Medien instrumentalisieren Wissenschaftler

Dazu kam und kommt immer noch, dass sich die Wissenschaftler von Politik und Medien instrumentalisieren lassen. Diese picken sich nämlich gerne die Studien, Berater, Interviewpartner oder Gäste heraus, die eine bestimmte Meinung vertreten. Dass dann auch mal ihre Expertise angezweifelt wird oder gar Kampagnen gegen sie gestartet werden, ist bitter für die Wissenschaftler, aber keine Überraschung. Sie alle haben mehr oder weniger schlechte Nachrichten zu überbringen. Oder wie es die Virologin Melanie Brinkmann mal gesagt hat: "Es gibt nur blöde Wege aus der Pandemie."

Manche Wissenschaftler haben sich deshalb fast komplett aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, andere springen nach wie vor über jedes Stöckchen, das man ihnen hinhält. Und was oft vergessen wird: Die Wissenschaftler im Rampenlicht repräsentieren nicht unbedingt die vorherrschende Meinung ihrer Zunft.

Alle lagen irgendwann mal falsch

Fehler haben fast alle Beteiligten in der Pandemie schon gemacht beziehungsweise eine Entwicklung falsch eingeschätzt. Das Virus hat oft genug gezeigt, dass man immer mit Überraschungen rechnen muss und es sich wenig um Theorien, Erfahrungen oder Modelle schert. Vor allem im Sommer und im Herbst wurde sehr viel falsch gemacht und beraten - von beiden Seiten.

Beispielsweise setzten einige Wissenschaftler viel Energie dafür ein, Schulen als Null-Problem-Zonen darzustellen, während andere trotz der vielen Toten im Frühjahr die Gefahr für Pflegeheime unterschätzten. Und eine zweite Welle war in vielen Köpfen im Sommer kein Thema oder keine Gefahr - man hatte die erste ja so toll gemeistert, dass die Welt Deutschland bewunderte. So verstrichen wertvolle Monate, in denen man nicht nur versäumte, Schulen, Pflegeheime oder Gesundheitsämter vorzubereiten.

Im Herbst ging das Trauerspiel weiter, Schulen lüfteten sich in einen viel zu zaghaften Lockdown hinein und Altersheime erhielten noch lange nicht die erst am 15. Oktober zugesagten regelmäßigen Schnelltests. Letztendlich mussten dann die schließen, die sich wirklich vorbereitet hatten, unter anderem Gaststätten, Friseure oder Hotels. Der Rest durfte nach Regeln weiter wirtschaften, die größtenteils noch auf Erkenntnissen aus dem Frühjahr beruhten.

Aus Fehlern muss man lernen

Bis zum Bund-Länder-Beschluss vom 25. November gab es beispielsweise keine allgemeine Verpflichtung, eine Maske in allen Arbeits- und Betriebsstätten zu tragen. Bei genügend Sicherheitsabstand kann man sie am eigenen Arbeitsplatz immer noch absetzen - Aerosole hin oder her. Das ist nicht nur Schuld der Politik, die Wissenschaft hat auch viele Studien nicht gemacht oder durchgesetzt, die als Entscheidungsgrundlagen bitter fehlten oder immer noch fehlen.

Aus Fehlern und Rückschlägen kann und muss man lernen, besonders in der Wissenschaft. Wer verspottet wird, weil er danebenlag, wagt vielleicht keinen zweiten Versuch, der möglicherweise einen Durchbruch bringen würde. Muss wirklich der Gesundheitsminister daran erinnern, dass wir uns nach der Pandemie so einiges zu verzeihen haben?

Die Realität erfordert einen Kompromiss

Außerdem sollten beide Seiten die Realität nicht aus den Augen verlieren. So zeigt der aktuelle Lockdown sehr wohl, dass niedrige Inzidenzen auch im Winter möglich sind, viele Kreise liegen schon deutlich darunter. Andererseits sieht man an der tschechischen Grenze, dass eine europäische No-Covid-Strategie schon am ersten Nachbarland scheitert. Und dass die Behörden "grüne Zonen" virenfrei und offen halten können, wo ein isoliertes Australien bei Einzelfällen schon komplette Großstädte in einen knallharten Lockdown schicken muss, ist mehr als zweifelhaft.

Da gibt es die Realität, dass Wirtschaft und Menschen einfach nicht mehr mitmachen wollen. Was passiert, wenn die Bevölkerung keinen Bock mehr auf Corona-Regeln hat, sieht man in Tschechien, wo der Regierung die Situation völlig außer Kontrolle geraten ist. Alleine schon das Chaos an der Grenze führt dazu, dass Lieferketten unterbrochen werden könnten. Was würde erst passieren, wenn man auch Betriebe in den Lockdown schickte?

Doch Wissenschaftler treffen keine Entscheidungen, das ist den verantwortlichen Politikern vorbehalten. Auf sie lastet jetzt ein so großer Druck, beim nächsten Bund-Länder-Treffen konkrete Stufenpläne vorzulegen, dass es kaum vorstellbar ist, dass sie es nicht tun werden. Sie könnten jetzt also wirklich eine wissenschaftliche Beratung brauchen, die dabei alle möglichen Aspekte berücksichtigt. Das ist weit mehr, als Virologen, Epidemiologen, Hygieniker oder Infektiologen wissen können.

Breiter wissenschaftlicher Dialog nötig

Von Pandemie und Lockdown ist die gesamte Gesellschaft in sehr vielen Bereichen betroffen. Sie besteht aus zahlreichen großen und kleinen Systemen, die sich alle gegenseitig beeinflussen. Oder altmodisch ausgedrückt: Ein Zahnrad greift ins andere. Wer an einer Stelle ein bisschen ändert, kann an einer anderen eine große Wirkung erzielen, die gar nicht beabsichtigt war.

Mehr zum Thema

Es müssen also Wissenschaftler aus möglichst vielen Fachbereichen beteiligt werden, vor allem auch Soziologen, Politologen und Psychologen. Sie dürfen nicht nur, sie sollen unterschiedliche Auffassungen haben. Denn nur wenn man die Probleme aus vielen Perspektiven betrachtet und angeht, kann man ein komplexes System, das unsere Gesellschaft darstellt, einigermaßen heil durch die Krise bringen.

Die Wissenschaftler sollten nicht einer nach dem anderen im Kanzleramt oder bei den Landesregierungen vorsprechen oder alle zusammen bei den Ministerpräsidenten-Konferenzen dabei sein. Es gilt, Gremien zu bilden, vorbereitende Gespräche zu führen und dann "Abgesandte" mit wenigen, dafür aber durchdachten Kompromissvorschlägen zu schicken. Dabei kann auch mal die eine oder andere Seite mehr oder weniger gewichtet werden - abwägen und entscheiden müssen ohnehin die Politiker. Mit dem sturen Entweder-oder muss jetzt aber schnell Schluss sein, denn es bleibt nur noch sehr wenig Zeit.

Quelle: ntv.de