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Unfairer Lockdown? Hier ist das Ansteckungsrisiko am höchsten

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Wenn sich ein Friseursalon an die Regeln hält, ist ein Haarschnitt dort ungefährlicher als der Einkauf im Supermarkt.

(Foto: imago images/Sven Simon)

Ein Lockdown ist eine Hammermethode, die nicht berücksichtigt, wo das Ansteckungsrisiko tatsächlich besonders hoch ist. Wie unfair die aktuellen Maßnahmen sind und wie riskant kommende Lockerungen sein könnten, zeigt eine neue Studie der TU Berlin.

Wenn demnächst die Friseursalons wieder öffnen, fragen sich wahrscheinlich viele mit Lockdown-Mähne, wie hoch das Risiko ist, das sie für einen Haarschnitt eingehen. Eine neue Studie der Technischen Universität (TU) Berlin zeigt, dass die Gefahr, sich dabei Covid-19 einzufangen, sehr gering ist. Das trifft auch auf andere Einrichtungen zu, die derzeit geschlossen sind. Das Studienergebnis zeigt, wie unfair der Lockdown eigentlich ist.

Eigentlich. Denn wenn man sich erinnert, galt es vor allem, die Mobilität einzuschränken, die Menschen sollten weniger unterwegs sein. Diesen Aspekt des Lockdowns lässt die TU-Studie außen vor, es geht ausschließlich um das Ansteckungsrisiko durch Aerosolpartikel in Innenräumen.

Eingehaltene AHA+L-Regeln Voraussetzung

Für die Studie sind Anne Hartmann und Martin Kriegel davon ausgegangen, dass die Wahrscheinlichkeit, sich zu infizieren, umso höher ist, desto höher die Dosis der eingeatmeten Aerosolpartikel ist. Dies hängt von Quellstärke (Emissionsrate), Atemaktivität (Quelle und Empfänger), Aerosolkonzentration im Raum und Aufenthaltsdauer ab. Außerdem nahmen sie an, dass die AHA+L-Regeln und Empfehlungen des Umweltbundesamts und der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) zur korrekten Belüftung eingehalten werden.

Um das Risiko zu bestimmen, haben die Wissenschaftler einen Reproduktionswert (R) berechnet, der angibt, wie viele gesunde Personen ein infizierter Mensch in einem Raum anstecken könnte. Sie weisen darauf hin, dass die Berechnung nicht ausreichend evidenzbasiert ist, also mehr oder weniger Personen infiziert werden könnten. Für die vergleichende Bewertung habe dies aber keine Bedeutung, schreiben sie.

Geringstes Risiko im Theater und beim Friseur

Tatsächlich besteht beim Friseurbesuch mit einem R-Wert von 0,6 das zweitgeringste Ansteckungsrisiko überhaupt. Und dabei gingen die Forscher bereits von einem zweistündigen Aufenthalt im Damensalon aus. Waschen, Schneiden, Föhnen beim Herrenfriseur dürfte also entsprechend noch sicherer sein.

Ein noch geringeres Risiko stellten die Wissenschaftler nur in Museen, Opern und Theatern fest (0,5), wenn sie zu 30 Prozent belegt sind und alle Besucher Maske tragen. Steigt die Belegung auf 40 Prozent, sind die Kulturbetriebe immer noch so sicher wie ein Friseursalon.

Viele fahren lieber Auto oder Fahrrad, weil sie denken, dass der öffentliche Personennahverkehr eine Virenschleuder ist. Das bestätigt die Studie der TU ganz und gar nicht. Eine halbe Stunde in Bus oder Bahn ist mit einem R-Wert von 0,8 kaum riskanter als ein Haarschnitt - solange die Belüftung stimmt und keine Maskenmuffel mitfahren. Im Fernverkehr steigt das Risiko bei 3-Stunden-Fahrten in halb vollen Kabinen auf 1,5.

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Schließungen von Kultureinrichtungen und Einzelhandel lassen sich eigentlich nur durch die Einschränkung der Mobilität begründen.

(Foto: TU Berlin)

Wer für den Supermarkteinkauf eine volle Stunde benötigt, kann sich genauso gut einen zweistündigen Film in einem zu 30 Prozent gefülltem Kino ansehen, denn in beiden Einrichtungen ist das Risiko mit R=1 gleich hoch. Wenn man zwei Stunden (!) in einem Laden shoppt, der eine Person pro 10 Quadratmeter zulässt, oder ein Kino besucht, das zu 40 Prozent belegt ist, beträgt der R-Wert auch nur 1,1.

Aufenthaltsdauer ein entscheidender Faktor

Das gleiche Risiko geht man bei einem Restaurantbesuch ein, wenn ein Viertel der Lokalität genutzt werden darf. Weil man sich dort mit geschätzten 1,5 Stunden ziemlich lange aufhält und Masken auf dem Weg zum Klo auch nicht viel helfen, steigt der Wert bei einer 50-prozentigen Belegung gleich auf 2,3.

Ebenso riskant ist es, in einem Schwimmbad zwei Stunden lang seine Bahnen zu ziehen - dabei kann man wie beim Essen keine Maske tragen. Das ist wohl auch so in Fitnessstudios. Aber wenn man die Muckibude nur zu 30 Prozent füllt, ist es mit einem R-Wert von 1,4 gar nicht mal so gefährlich, sich in Corona-Zeiten dort fit zu halten.

Die Aufenthaltsdauer ist ein zentraler Punkt bei der Risikobewertung. Deshalb haben die Wissenschaftler für Büros und Oberschulen die höchsten Risiken berechnet, wo sich Menschen gemäß den Studienvorgaben 6 bis 8 Stunden aufhalten.

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In der Schule beträgt der R-Wert bei halbierten Klassen 2,9. Darf ohne Maske gebüffelt werden, steigt das Risiko sogar auf 5,8. Und kommt ein Bundesland auf die Idee, in Oberschulen den Unterricht in voller Besetzung ohne Masken zu gestatten, könnten sich die Schüler bei einem Wert von 11,5 auch gleich zur Begrüßung ins Gesicht husten.

In Mehrpersonenbüros sieht es ähnlich aus. Bei 20-prozentiger Belegung und Maskenpflicht ist das Risiko mit einem R-Wert von 1,6 noch relativ gering. Ohne Masken in halbvollen Räumen beträgt der Wert aber 8,0. Das bedeutet: Die Praxis, Masken nur zu tragen, wenn man den Schreibtisch verlässt, ist kompletter Unsinn.

Quelle: ntv.de