Politik

Lauterbach für Schul-Einsatz Streit um Heilsbringer Schnelltest entbrannt

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Eine Schülerin nimmt in einem Klassenraum im "Ökumenischen Domgymnasium" einen Selbsttest vor.

(Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild)

Der Bund will mit Schnell- und Selbsttests den Weg zu mehr Lockerungen bereiten. Doch gerade der Einsatz an Schulen stößt auf Kritik bei Ärzten. SPD-Gesundheitspolitiker Lauterbach betont im Gespräch mit ntv die Vorteile der Selbsttests.

Wenn die Chefs von Bund und Ländern am Mittwoch über den weiteren Weg durch die Pandemie beraten, stehen Schnell- und Selbsttest im Zentrum der Debatte. Eine umfassende Teststrategie, so die Hoffnung vieler, könne den Weg zu mehr Normalität ebnen. Gerade Bundesgesundheitsminister Jens Spahn steht hier nach vollmundigen Ankündigungen in der Bringschuld. Tatsächlich sieht ein Entwurf des Bundesgesundheitsministeriums, der ntv vorliegt, zu einer solchen Strategie zweierlei vor: vom Bund finanzierte flächendeckende und kostenlose Schnelltestangebote sowie die Freigabe und Beschaffung von Selbsttests. Der Umgang mit beidem aber ist umstritten.

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) und drei weitere Verbände wenden sich in einer gemeinsamen Stellungnahme gegen ein breites Testen an den Schulen, sowohl mit Antigen-Schnelltests als auch mit Selbsttests. Die zu erwartende hohe Zahl an falsch negativen und falsch positiven Ergebnissen würde mehr Schaden anrichten als nutzen. Zudem bestehe die Gefahr, dass sich die Kinder und Jugendlichen in falscher Sicherheit wögen und Abstands- und Hygieneregeln weniger konsequent eingehalten würden. Zudem fürchten die Autoren psychische Belastungen durch ständiges Testen.

Ein Entwurf zum Corona-Gipfel sieht vor, "dass das Personal in Schulen und Kinderbetreuung sowie alle Schülerinnen und Schüler pro Präsenzwoche das Angebot von (...) kostenlosen Schnelltests einschließlich einer Bescheinigung über das Testergebnis erhalten". Das Bundesgesundheitsministerium hält zusätzliche Schnelltests für geeignet, um an Schulen, in der Berufswelt und vor privaten Treffen zusätzliche Sicherheit zu schaffen.

"40 Prozent fallen durchs Raster"

Im Gespräch mit ntv räumt auch der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach die höhere Unzuverlässigkeit von Schnelltests ein: "Der Test ist nicht genau genug, um jeden einzelnen Fall zu verhindern. Ungefähr 40 Prozent derjenigen, die angesteckt sind, fallen bei so einem Test, der selbst durchgeführt wird, durchs Raster." Allerdings würden Infektionscluster dennoch zuverlässig entdeckt, wenn an Schulen oder in Betrieben Gruppen getestet werden. Nach einem positiven Ergebnis könnten die jeweiligen Gruppen noch immer einem ordentlichen Test unterzogen werden.

Auf Twitter wandte Lauterbach sich explizit gegen die Kritik der Kinder- und Jugendärzte: Auch die Schnelltests, die von geschultem Personal vorgenommen werden müssen, seien zumutbar, weil Proben anders als bei PCR-Tests nicht im Rachenbereich, sondern der Nase entnommen werden. Die Auswirkungen falsch positiver Ergebnisse von Schnelltests seien ebenfalls gering, weil 99 Prozent der positiven Ergebnisse korrekt seien. Anders als die vier Verbände gehört Lauterbach zu der Fraktion von Experten, die das Infektionsgeschehen an Schulen und Kitas sehr wohl für einen relevanten Treiber der Pandemie halten.

Schnelltests für 3,4 Milliarden Euro

Die Antigen-Schnelltests sollen nach Vorstellung des Ministeriums unter der Ägide von Jens Spahn noch im März im ganzen Land angeboten werden. Demnach könnten Ärzte und Apotheken diese Dienstleistung genauso durchführen wie private Anbieter, sofern sie die entsprechenden Qualifizierungen vorbringen. Das Ministerium kalkuliert mit Kosten von 6 Euro pro Test sowie einer Vergütung von 12 Euro pro Test und Ausstellung eines Ergebnisses.

Würden wie in anderen EU-Ländern pro Tag 2,0 bis 2,5 Prozent der Bevölkerung das Angebot nutzen, könnte der Bund hierfür bis zu 810 Millionen Euro im Monat zahlen. Der Entwurf sieht vor, erst einmal bis zum 30. Juni zu testen. Gesamtkosten bis dahin: bis zu 3,4 Milliarden Euro. Diesen Kosten stehen die immensen Schäden eines anhaltenden Lockdowns gegenüber, sei es psychologisch-pädagogischer Natur wie durch die Schulschließungen, seien es die Wirtschaftsschäden in Einzelhandel, Kultur, Gastronomie oder Tourismus. Entsprechend groß sind die Hoffnungen, breites Testen erlaube Öffnungen.

Lauterbach: Es kommt aufs Konzept an

Auch Lauterbach bestätigt diese Möglichkeit im Gespräch mit ntv: Es sei vorstellbar, dass der Einzelhandel für frisch getestete Kunden geöffnet werde. Aber: "Zum jetzigen Zeitpunkt können keine Lockerungen vorgenommen werden." Erst einmal gelte es, eine Impfinfrastruktur aufzubauen und eine Strategie zu etablieren. Das Beispiel der Lockerungen in Österreich bei gleichzeitigem, massenweisen Testen zeige, dass die Ansteckungszahlen wieder massiv steigen könnten. "Wir brauchen ein gutes Testkonzept", so Lauterbach. Es bestehe das Risiko, dass sonst die Bevölkerung falsch teste oder die Dauer der Gültigkeit eines Negativergebnisses überschätze. Zudem seien Selbsttests unnütz, wenn Positivergebnisse ignoriert würden .

In welchem Umfang überhaupt zeitnah Schnelltests zur Verfügung stehen, ist weiter unklar. Das Bundesgesundheitsministerium ist in seinem Strategieentwurf optimistisch: "Die Erfahrung zeigt (…), dass die Mechanismen des Marktes hier wirken und sich die Nachfrage in kurzer Zeit entsprechendes Angebot schafft." In der Fraktionssitzung von CDU und CSU trat Bundeskanzlerin Angela Merkel auf die Bremse: Es seien noch immer nicht ausreichend Schnelltests verfügbar, sagte sie laut Teilnehmerkreisen am Dienstagnachmittag. 96 Anträge auf Zulassung eines Schnelltests seien derzeit in der Prüfung.

Quelle: ntv.de