Politik

Amtsärzte für lokale Bekämpfung Es braucht "keinen harten Lockdown"

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Für vorsichtige, kontrollierte Öffnungen sprechen sich Berliner Amtsärzte in einem Strategiepapier aus.

(Foto: imago images/IPA Photo)

Die Chefs mehrerer Berliner Gesundheitsämter sprechen sich gegen einen harten Lockdown aus und für regionale Maßnahmen, angepasst an die Lage vor Ort.

Weg von den Inzidenzen - drei Berliner Gesundheitsämter fordern, die Fixierung auf die 7-Tages-Inzidenzen zu lösen, um Schutzmaßnahmen gegen Covid-19 zu begründen. Die Politik sollte stärker auf Eigenverantwortung der Bürgerinnen und Bürger setzen und das Durchbrechen von Infektionsketten. Es brauche "als Erstantwort keinen harten Lockdown" gegen die Virusmutationen, heißt es in einem Positionspapier, das ntv.de vorliegt. Die "politische Beratung" habe sich an den Wocheninzidenzen verbissen, dabei würden viele andere Aspekte außer Acht gelassen.

Die "harten Obergrenzen", so die Leiter der Gesundheitsämter Neukölln, Lichtenberg und Reinickendorf, seien keine epidemiologischen Maßzahlen und definierten "heute nicht mehr die Arbeitsfähigkeit der Gesundheitsämter". Damit argumentieren sie in Richtung des vom Robert-Koch-Institut entwickelten Öffnungsplans, der neben der Inzidenz auch die Auslastung der Intensivbetten, die Zahl der schweren Fälle bei älteren Menschen und die Quote der nachverfolgten Kontakte durch die Gesundheitsämter berücksichtigt. Die Berliner Amtsärzte gehen allerdings in ihrer Differenzierung noch ein Stück weiter.

"Nicht jede Intervention ist zu jedem Zeitpunkt und in jeder Region gleichermaßen effektiv", schreiben die Amtsleiter. Sie plädieren dafür, sehr viel genauer zu beurteilen, wie ein steigender Inzidenzwert zustande kommt - ob durch Einzelfälle ohne Symptome, durch größere Infektionsherde, ob in medizinischen Einrichtungen, durch Ausbrüche in Alten- und Pflegeheimen oder durch diffuses Infektionsgeschehen im Privaten. Die dezentrale Aufstellung der Gesundheitsämter erlaube es aber, auf die Infektionslage regional angepasst zu reagieren. Der reine Inzidenzwert hingegen unterscheide nicht zwischen einem Amt in Berlin und dem eines Landkreises in Mecklenburg-Vorpommern.

Nach Alter und Gruppen differenzieren

Viele Ausbruchscluster könnten "regional effektiv eingedämmt werden", so die Verfasser des Positionspapiers. Dazu müsse man die Infektionen auch nach Alter der Betroffenen und nach Gruppenzugehörigkeit differenzieren. Die Aufgabe der Gesundheitsämter müsse es sein, "all diejenigen zu erreichen, bei denen sich die größte Infektionsdynamik abzeichnet". Die Arbeit der Ämter beinhalte auch das "Empowerment" der Bürgerinnen und Bürger.

Die drei Amtschefs plädieren dafür, dass die Teams der Gesundheitsämter zurückkehren zu ihren eigentlichen Aufgaben: die Bevölkerung aufzuklären, Vulnerable zu betreuen, dem Infektionsgeschehen vorzubeugen. Voraussetzung dafür, dass die Teams der Gesundheitsämter das leisten können, sei jedoch, dass der Mindestpersonalschlüssel zur Unterstützung der Ämter auch umgesetzt werde. Er liege bei fünf geschulten Mitarbeitern pro 20.000 Einwohner, werde jedoch nicht überall umgesetzt.

Begleitend zu Interventionen ist es nach dem Positionspapier ebenfalls nötig, jede Maßnahme durch unabhängige Wissenschaftler bewerten zu lassen. Bürger müssten in der Pandemie "Selbstwirksamkeit" erfahren. Ein zentrales Modul dabei sind aus Sicht der Verfasser die Schnelltests. Sie wirkten "wie ein Passierschein, zumindest für ein paar Stunden". Die Aufgabe der Gesundheitsämter müsse es sein, deren Anwendung zu erklären, Übersetzungen anzubieten und auch zu helfen, "die Ergebnisse richtig zu interpretieren".

Quelle: ntv.de, fni