Fußball

Das Türkei-Spiel im Schnellcheck "Angefressen": DFB-Elf entnervt sich selbst

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Zu spät: Ozan Tufan trifft in dieser Szene zum 1:1.

(Foto: imago images/Moritz Müller)

Dreimal in Führung gegangen und doch nicht gewonnen - die deutsche Fußball-Nationalmannschaft verlernt offenbar das Gewinnen. Gegen die Türkei zeigt sie trotz neuen Spielern alte Schwächen und ein Muster, das schon gegen Spanien und die Schweiz die Stimmung verhagelte.

Was ist im Stadion in Köln passiert?

Der vermutlich angenehmste Teil des Tages beim Deutschen Fußball-Bund. Schließlich gab es am frühen Morgen Hausdurchsuchungen in der Verbandszentrale in Frankfurt am Main und bei sechs "gegenwärtigen und ehemaligen" Funktionären. Der Verdacht: schwere Steuerhinterziehung. Die Beteiligten sollen laut Staatsanwaltschaft Einnahmen aus der Bandenwerbung bei Länderspielen in den Jahren 2014 und 2015 "bewusst unrichtig als Einnahmen aus der Vermögensverwaltung erklärt haben, damit der DFB insoweit einer Besteuerung in Höhe von etwa 4,7 Millionen Euro entging. In Hessen, Bayern, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz waren mehr als 200 Beamte beteiligt. Hätte DFB-Präsident Fritz Keller diese allesamt ins Stadion eingeladen, die Kulisse in Köln hätte sich nahezu verdoppelt.

Denn die Domstadt erlaubte nur maximal 300 Zuschauer im Stadion, zu viele Neuansteckungen mit dem Coronavirus hatte es im Vorfeld dort gegeben. Trotzdem ist das eine Rekordkulisse für die deutsche Nationalmannschaft im Jahr 2020, schließlich fanden die Spiele gegen Spanien (1:1) und in der Schweiz (1:1) vor komplett leeren Rängen statt. Bundestrainer Joachim Löw sagte vor dem Anpfiff bei RTL, dass er die triste Aussicht auf die Tribüne "natürlich absolut schade" finde.

Ähnlich schätzen vermutlich auch diverse Vereinstrainer die Tatsache ein, dass der DFB im ohnehin vollgepackten Kalender noch ein Test-Länderspiel unterbringt. Die Hoffnung des Verbands war, damit noch ein paar Einnahmen zu generieren. Doch mit einem fast-leeren Stadion geht dieser Plan nur bedingt auf und so bleibt angesichts der Entwicklungen des Tages nur die Hoffnung, dass der DFB seine Einnahmen inzwischen so deklariert, dass Ermittlungsbehörden keinen Verdacht auf Straftaten darin erkennen.

Sportlich gesehen verzichtete Löw auf zahlreiche Profis, die am Samstag in der Ukraine und am Dienstag wiederum in Köln gegen die Schweiz zum Einsatz kommen sollen. (Jeweils vorausgesetzt, dass Corona-Fälle die Austragung nicht verhindern.) Denn dass die Startelf mit Bernd Leno im Tor, Robin Koch in der Verteidigung, Florian Neuhaus - der 108. Debütant der Ära Löw - im Mittelfeld und Luca Waldschmidt im Sturm so noch einmal für Deutschland aufläuft, ist eher unwahrscheinlich. Auch deshalb, weil mit Antonio Rüdiger, Nico Schulz und Julian Draxler gleich drei Profis dazu gehörten, die in ihren Klubs zuletzt nur selten den Anpfiff auf dem Feld erlebten. Weshalb Löw nach zudem nur einer einzigen Trainingseinheit auch "keine Wunderdinge" erwartete.

Teams und Tore

Deutschland: Leno - Can, Koch, Rüdiger (59. Tah) - Henrichs, Neuhaus (79. Dahoud), Brandt (86. Stark), Schulz (70. Gosens) - Havertz (90. Amiri), Waldschmidt, Draxler (59. Hofmann). - Trainer: Löw
Türkei: Günok - Sangare, Demiral, Ayhan (76. Kabak), Kaldirim - Tufan, Okay (63. Karaman) - Karaca (70. Tekdemir), Yazici (46. Toköz), Kilinc (46. Cengiz Ünder) - Enes Ünal (85. Ömür). - Trainer: Günes
Schiedsrichter: Benoit Bastien (Frankreich)
Tore: 1:0 Draxler (45.+1), 1:1 Tufan (50.), 2:1 Neuhaus (58.), 2:2 Karaca (67.), 3:2 Waldschmidt (81.), 3:3 Karaman (90.+4)
Zuschauer in Köln: 300
Gelbe Karten: Rüdiger, Draxler, Can - Cengiz Ünder

Spielfilm

6. Minute, kein Tor für Deutschland: Kapitän Julian Draxler spielt den Ball aus der Mitte auf die rechte Seite, der Neu-Leipziger Benjamin Henrichs flankt scharf nach innen, wo Luca Waldschmidt komplett frei zum Abschluss kommt. Mert Günok pariert diese erste Großchance und der nachgerückte Draxler trifft danach zwar das Tor, steht dabei aber knapp im Abseits.

11. Minute: Emre Can verhindert die Führung für die Türkei. Efecan Karaca zieht aus zwölf Metern ab und Bernd Leno wäre wohl machtlos gewesen. Wie gut, dass Can zwischen Ball und Tor steht und den Schuss mit seinem Körper abwehrt.

13. Minute: Die nächste dicke Chance für die Gäste: Yusuf Yazici hat nach einem Vorstoß der Türkei über die linke Seite ganz viel Platz im Strafraum, verzieht aber deutlich. Es könnte hier auch schon 0:1 stehen.

18. Minute: Gelb für Rüdiger. Der Abwehrspieler, der den FC Chelsea zwar verlassen durfte, aber keinen neuen Klub gefunden hat, räumt Karaca ab. Die Karte hat er sich verdient.

23. Minute: Gelb für Draxler. Mit der Sohle erwischt er seinen Gegenspieler, die Türkei bekommt einen Freistoß zentral rund 30 Meter vor dem Tor. Die deutsche Mannschaft kommt bislang auf mehr Verwarnungen als Abschlüsse aufs Tor. Die kreative Variante - Lupfer über die Mauer, dann direkter Abschluss - verpufft, Leno fängt den Ball sicher.

26. Minute: Die türkische Elf stört das deutsche Aufbauspiel oft sehr gut, diesmal aber nicht. Draxler bekommt den Ball im Sechzehner, legt zurück an die Strafraumkante, Brandt zielt flach aufs linke Eck - doch Günok ist da. Weiter torlos mit leichten Vorteilen für die in Rot spielenden Gäste.

37. Minute: Löw hatte ja "keine Wunderdinge" erwartet, aber dass seine Mannschaft das gleich so konsequent umsetzt ...

41. Minute: Gefährlich wird's nach einem Fehler von Günok im Aufbau, an dessen Ende der Keeper den Waldschmidt-Schuss in Richtung Eckfahne entschärft.

45+1. Minute: TOR FÜR DEUTSCHLAND: Henrichs erobert den Ball in der eigenen Hälfte, Brandt legt zu Havertz, dessen brillanter Vertikalpass überspielt die türkische Abwehr, Draxler läuft frei auf Günok zu und vollendet zur Führung. Dann ist Halbzeit. Im Parallelspiel führt Liechtenstein zur Pause übrigens 1:0 in Luxemburg, es wäre der dritte Sieg für Liechtenstein im vierten Duell zwischen Fürstentum und Großherzogtum.

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Draxler traf erstmals seit drei Jahren wieder für Deutschland.

(Foto: imago images/Moritz Müller)

Halbzeit: "Bisschen schneller spielen, es ist zu viel quer-quer", sagt RTL-Experte Lukas Podolski, damit hat er recht. Der deutschen Elf fehlt die Zielstrebigkeit im Angriff, wobei es gegen eine offenbar gut vorbereitete Defensive auch nur wenige Räume gibt.

50. Minute: TOR FÜR DIE TÜRKEI: Die Gäste pressen, Schulz spielt den Fehlpass, dann geht es ähnlich schnell wie beim Führungstreffer. Kaan Ayhan findet Ozan Tufan, der sich erst um die eigene Achse dreht aus 20 Metern sehenswert in den rechten Winkel zirkelt. Schöner Treffer, verdienter Ausgleich.

53. Minute: Zur Halbzeit eingewechselt, versucht sich Cengiz Ünder daran, das Spiel zu drehen. Leno aber wehrt den Schuss ab.

58. Minute: TOR FÜR DEN DEBÜTANTEN: Florian Neuhaus bringt Deutschland wieder in Führung. Diesmal geht es durch die Mitte. Can auf Waldschmidt, der nach hinten auf Neuhaus ablegt. Der wiederum bekommt den Pass von Havertz direkt zurück, steht frei vor Günok - und trifft.

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Neuhaus zeigte ein höchst solides Debüt.

(Foto: imago images/Uwe Kraft)

62. Minute: Günok verhindert das 1:3 - die DFB-Elf über links, Jonas Hofmann leitet über links ein, aber Brandt scheitert aus 15 Metern am Torhüter.

67. Minute: TOR FÜR DIE TÜRKEI: Karaca mit hartem Einsteigen gegen Neuhaus, der Schiedsrichter lässt weiterlaufen und auch Karaca läuft weiter. Nämlich mit dem Ball zum Tor, um diesen dort hineinzuschießen. Die Deutschen hätten gerne einen Freistoß, aber Schiedsrichter Bastien gibt das Tor und Can die gelbe Karte, weil er zu vehement nachhakt. Allerdings durchaus zurecht, mit VAR hätte dieser Treffer wohl nicht gezählt.

77. Minute: Gelb für Ünder, weil er das Trikot von Brandt auf Strapazierfähigkeit testet - und gewinnt, denn das DFB-Jersey reißt. Die Verwarnung gibt es dennoch, Brandt holt sich kurz darauf ein neues Oberteil ab.

81. Minute: DEBÜT-TOR FÜR DEUTSCHLAND: So wünscht sich das ein Stürmer. Ozan Kabak klärt maximal unsauber, nämlich genau zu Waldschmidt. Der nimmt erst den Ball und dann Maß und trifft erstmals für die A-Nationalmannschaft.

87. Minute: Karaman ganz nah am erneuten Ausgleich. Niklas Stark patzt im Aufbau, Kenan Karaman sucht das Tor und findet den Querbalken. Glück für die deutsche Abwehr.

90+2. Minute: Fast ein folgenschweres Handspiel von Leno. Der DFB-Keeper fängt den Ball ab, überquert aber dabei die 16-Meter-Linie - und schafft es, den Ball rechtzeitig abzulegen, ohne ihn außerhalb des Strafraumes noch mit der Hand zu berühren.

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Karaman zerstörte die Sieghoffnungen der deutschen Mannschaft.

(Foto: AP)

90+4. Minute: TOR FÜR DIE TÜRKEI: Viel Zeit, viel Platz, bitteschön. Die deutsche Abwehr lädt ein, Karaman nimmt dankend an. Er vollendet die Kombination, nachdem Ömür von halblinks zurücklegt. Aus zehn Metern trifft er durch die Beine von Leno. Damit bleibt die Mannschaft von Joachim Löw in diesem Jahr weiter sieglos - auch wenn es erst das dritte Spiel war. Der Vollständigkeit halber übrigens: Liechtenstein schlägt Luxemburg mit 2:1.

Was war gut?

Dass es um nichts ging und der späte Ausgleich damit kein unmittelbarer Rückschlag ist wie die Unentschieden gegen Spanien und in der Schweiz. Schon die Aufstellung machte die überschaubare sportliche Bedeutung klar, schließlich fand sich darin kein Spieler des FC Bayern München, der ansonsten gleich mehrere Stammspieler stellt. Es war ein Test-Länderspiel, das rein sportlich niemand so wirklich brauchte, schließlich sind die freien Tage in der verspätet gestarteten Saison rar gesät.

Ansonsten aber zeigte Kai Havertz, warum der FC Chelsea ihn unbedingt verpflichten wollte. Beim ersten Tor durchschnitt sein Zuspiel die türkische Defensive und Julian Draxler hatte nur noch wenig Mühe, die Führung zu erzielen. Auch den zweiten deutschen Treffer bereitete der 21-Jährige vor, per Doppelpass mit Debütant Florian Neuhaus. Allerdings ließ auch Havertz durchblicken, dass es eben doch nur ein Testspiel war, die letzte Konsequenz fehlte ihm.

Ohnehin war es ein Abend der Debüts. Neuhaus erzielte im ersten Spiel gleich sein erstes Tor, auch Luca Waldschmidt traf erstmals für die deutsche Nationalmannschaft. Außerdem verschaffte der Bundestrainer Jonas Hofmann und Mahmoud Dahoud ihre ersten Minuten im DFB-Trikot und schraubte das Konto der Neulinge unter seiner Führung auf 110. Wobei diese Zahl nur so lange unglaublich erscheint, bis man feststellt, dass die ersten Debütanten - darunter Clemens Fritz, Jan Schlaudraff und Simon Rolfes - ihre Karrieren längst beendet haben.

Was war schlecht?

Das, was schon länger nicht funktioniert in der deutschen Mannschaft. In allen drei Spielen dieses Jahres führte die DFB-Elf, kein einziges Mal verließ sie den Platz als Sieger. Gegen Spanien und nun auch gegen die Türkei fiel der Ausgleich erst Sekunden vor dem Ende. Sicherlich sind die Umstände in dieser eigenartigen Zeit außergewöhnlich, eine Ausrede kann das aber nicht sein. Schließlich war auch Löw nach Abpfiff am RTL-Mikro sichtbar "angefressen" und "enttäuscht", denn: "Das ist ein Problem, das uns begleitet." Die DFB-Elf ist aktuell nicht in der Lage, einen Vorsprung zu verwalten, weil sie nicht in der Lage ist, defensiv nachhaltig stabil zu stehen. Die 270 Minuten gegen Spanien, die Schweiz und die Türkei zusammengenommen, ging das deutsche Team fünfmal in Führung und kassierte fünfmal den Ausgleich.

Sicher, die Mannschaft wird nie wieder in der Zusammensetzung wie heute spielen, das aber kann keine Ausrede sein. "Wunderdinge" hatte Löw zwar ausgeschlossen, aber doch darauf gehofft, dass sich der eine oder andere empfiehlt für die nächsten Nations-League-Aufgaben. Doch auch Löw muss sich fragen lassen, ob sein System zum Personal passt. Wieder setzte er auf die Dreierkette, die in der Rückwärtsbewegung zur Fünferkette werden soll. Immer wieder aber setzte die Türkei den Spielaufbau früh unter Druck, und das erfolgreich. Aber woher soll die Abstimmung auch kommen, wenn es einerseits nur eine einzige gemeinsame Trainingseinheit für dieses Spiel gab und andererseits gleich mehrere Profis auf dem Feld stehen, die auch in ihren Vereinen nur sporadisch zum Einsatz kommen?

Was sagen die Beteiligten?

Bundestrainer Joachim Löw: "Wieder in der letzten Minute, deswegen ist man jetzt erst mal enttäuscht und angefressen" und: "Das ist ein Problem, das uns begleitet."

Interims-Kapitän Julian Draxler: "Wir haben die Türken eingeladen, Tore zu schießen" und:"Es fängt schon vorher an. Wenn du 2:1 führst, musst du es souveräner spielen. Das haben wir nicht geschafft, das ist enttäuschend."

Der Tweet zum Spiel

Quelle: ntv.de

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