Fußball

Auch Ex-Präsident im Fokus Steuerrazzia bei DFB-Verantwortlichen

Wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung in besonders schweren Fällen durchsucht die Staatsanwaltschaft Frankfurt/Main die Geschäftsräume des Deutschen Fußball-Bundes. Auch Privatwohnungen von DFB-Verantwortlichen werden gefilzt. 200 Beamte sind im Einsatz.

Wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung in besonders schweren Fällen hat die Staatsanwaltschaft Frankfurt/Main am heutigen Mittwoch die Geschäftsräume des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) sowie Privatwohnungen von DFB-Verantwortlichen durchsucht. An den Maßnahmen in Hessen, Bayern, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz waren insgesamt rund 200 Beamte beteiligt, wie die Staatsanwaltschaft Frankfurt mitteilte. Dabei gehe es um Einnahmen aus der Bandenwerbung von Heimländerspielen der Fußball-Nationalmannschaft aus den Jahren 2014 und 2015.

Die Staatsanwaltschaft legt sechs ehemaligen und gegenwärtigen Verantwortlichen des DFB zur Last, Einnahmen "bewusst unrichtig als Einnahmen aus der Vermögensverwaltung erklärt zu haben, damit der DFB insoweit einer Besteuerung in Höhe von etwa 4,7 Mio. EUR entging." Auch das Wohnhaus des ehemaligen DFB-Präsidenten Reinhard Grindel wurde durchsucht, meldet die "Bild"-Zeitung. Im fraglichen Zeitraum war Grindel Schatzmeister des DFB. Auch bei Ex-DFB-Vize und BVB-Boss Reinhard Rauball, DFB-Vize Rainer Koch, Ex-Generalsekretär Helmut Sandrock, Schatzmeister Dr. Stephan Osnabrügge und Generalsekretär Friedrich Curtius seien die Beamten gewesen.

Die Staatsanwaltschaft hatte die Namen der Verdächtigen nicht genannt. Präsident des größten Sportfachverbandes der Welt war damals Wolfgang Niersbach, der wegen des immer noch nicht restlos aufgeklärten "Sommermärchen"-Skandals um die WM 2006 dann 2015 zurücktrat. Niersbach ist aber derzeit nicht unmittelbar von den Ermittlungen betroffen. "Bei mir hat keine Durchsuchung stattgefunden. Ich habe auch ansonsten keinerlei Kenntnis", sagte Niersbach der Deutschen Presse-Agentur am Mittwoch.

Das Amt übernahmen Ende 2015 interimsmäßig die damaligen Vizepräsidenten Reinhard Rauball und Rainer Koch. Schatzmeister war zum fraglichen Zeitpunkt Reinhard Grindel, dem im April 2016 - nach dessen Aufstieg zum DFB-Präsidenten - Stephan Osnabrügge nachfolgte. Als Generalsekretär fungierte Helmut Sandrock, der im März 2016 von Friedrich Curtius abgelöst wurde. Präsident, Generalsekretär und Schatzmeister sind beim DFB für die Abzeichnung der Steuererklärung verantwortlich.

"Steuervorteil von großem Ausmaß"

Im Dezember 2013 hatte der DFB die Rechte zur Vergabe der Werbeflächen in den Spielstätten von Länderspielen der Fußball-Nationalmannschaft für den Zeitraum 2014 bis 2018 an den Schweizer Sportvermarkter Infront verpachtet. Infront zahlte Geld an den DFB, bekam dafür die Einnahmen aus dem Sponsoring. Weil aber der DFB laut der Staatsanwaltschaft Einfluss auf die Auswahl der Sponsoren nahm und entschied, welche Unternehmen zu sehen waren, hätte der Verband selbst die Einnahmen versteuern müssen.

Nach den bisherigen Ermittlungen bestünde der Verdacht, "dass die Beschuldigten von dieser steuerlichen Unrichtigkeit wussten, sie aber bewusst wählten, um dem DFB hierdurch einen Steuervorteil von großem Ausmaß zu ermöglichen."

DFB-Präsident Fritz Keller will die Ermittlungen der Frankfurter Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung "allumfänglich unterstützen". Dies sagte der 63 Jahre alte Spitzenfunktion am Mittwoch bei der Bundespressekonferenz in Berlin. Dort war er wegen der Initiative #MeineStimmeGegenHass der Deutschlandstiftung Integration per Video zugeschaltet.

"Ich bin für Aufklärung, um eine saubere Zukunft für den Fußball zu haben", sagte Keller weiter. Er sei vor einem Jahr angetreten mit einer Generalinventur, die im letzten Dezember eröffnet worden sei und eine vollumfängliche interne Aufklärung zu allen Vorgängen der letzten Jahre bis zurück in 2003 umfasse, erklärte der 63-Jährige. "Ich kann nur sagen, dass wir vollumfänglich kooperieren werden in der Angelegenheit." Er sei angetreten "auch für eine Öffnung und für eine vollkommene Transparenz, und eigentlich kann ich eine staatliche Unterstützung in den Untersuchungen nur begrüßen."

Durch die neuen Ermittlungen hat der DFB ein weiteres Steuerverfahren an Hals. Denn im Gegensatz zu den Schweizer Behörden hat die Frankfurter Staatsanwaltschaft die Akten des Sommermärchenskandals noch nicht geschlossen. Beschuldigte sind dabei Niersbach, sein Vorgänger Theo Zwanziger sowie der langjährige Generalsekretär Horst R. Schmidt.

"Klare Unregelmäßigkeiten"

Wegen der Partnerschaft zwischen dem DFB und Infront hatte es schon mehrfach Ärger gegeben. Um den Deal zu bekommen, soll Infront Mitarbeiter des DFB bestochen haben. Von Jobs für Familienmitglieder und Luxusuhren ist die Rede. Über die zwielichtige Zusammenarbeit hatte der "Spiegel" im Juni berichtet. Unmittelbar darauf war die Zusammenarbeit mit Infront von DFB-Seite mit sofortiger Wirkung beendet worden. Als Grund hatte der DFB "klare Unregelmäßigkeiten im Zusammenhang mit dem Zustandekommen und der Erbringung von Vertragsleistungen von Infront sowie unrechtmäßige Einflussnahmen auf DFB-Vertreter" genannt.

Der Verband habe bereits im Mai 2019 Hinweise auf mögliche schädigende Handlungen der Firma Infront gegenüber dem DFB erlangt, hieß es weiter. Untersuchungen des Beratungsunternehmens Esecon hätten dies bestätigt. Tatsächlich wirft der Ermittlungsbericht der Berliner Beratungsfirma ein schlechtes Licht auf den Verband.

Demnach soll der DFB Infront im Jahr 2013 mit der Beschaffung von Bandenwerbepartnern beauftragt haben, obwohl eine andere Firma für das lukrative Geschäft bis zu 18 Millionen Euro mehr geboten habe. Für den Deal soll die damalige Führung des DFB Gegenleistungen erhalten haben. Darüber hatte der "Spiegel" zuerst berichtet. So soll im Monat des Zuschlags der Sohn des damaligen DFB-Generalsekretärs Helmut Sandrock eine Stelle bei Infront bekommen haben.

Quelle: ntv.de, ter/dpa