Fußball

Werder wundert BVB aus DFB-Pokal Coach Kohfeldt macht's wie einst Klopp

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Werder-Coach Florian Kohfeldt nahm sich eine Motivations-Anleihe bei Jürgen Klopp.

(Foto: dpa)

Die Rollenverteilung vor dem Achtelfinale des DFB-Pokals ist klar: Borussia Dortmund ist der turmhohe Favorit - und Werder Bremen der chancenlose Herausforderer. Aber: Wunder gibt's immer wieder. Begünstigt wird das indes durch einen Aufstellungspoker.

Verwirrt rieben sich die 42.100 Zuschauer im Bremer Weserstadion die Augen. Ungläubig schüttelte ein jeder den Kopf und schaute seinen Nebenmann an, dem es genauso ging. Zur Halbzeit führte Werder Bremen auf mitreißende Art und Weise im Pokal-Achtelfinale mit 2:0 gegen Borussia Dortmund - aber war das wirklich dieses Werder Bremen, das in den vergangenen sieben Spielen nur einen eigenen Treffer erzielt hatte? Und sollte das die Übermacht aus Dortmund und aus der Spitzengruppe der Fußball-Bundesliga sein, die dieser Tage jeden Gegner in Grund und Boden rennt und mit mindestens fünf Toren abwatscht? Manch ein Werderaner wähnte bis zum Schlusspfiff vielleicht gar einen schlechten Scherz zum 121. Geburtstag des Vereins hinter dem 3:2 (2:0)-Sieg.

Für eine erste Verwunderung sorgten bereits vor dem Spiel beide Trainer mit ihren Aufstellungen. Der Dortmunder Lucien Favre setzte Torgarant Erling Haaland auf die Bank, der Bremer Florian Kohfeldt brachte den zuletzt extrem Formschwachen Yuya Osako, aber Ömer Toprak und Nuri Sahin, die beide in der ersten Elf erwartet wurden, mussten draußen bleiben. Auch Neu-Borusse Emre Can saß erstmal auf der Bank. Auch die 22 Spieler auf dem Feld schienen fast verwirrt, als die Grün-Weißen durch Davie Selke in Führung gingen und anschließend mehr und mehr Kontrolle über das Spielgeschehen gewann. In der 16. Minute hatte der BVB den Ball nicht aus dem Sechszehner klären können, Rashica bedankte sich mit einem Haken und zog ab. Marwin Hitz, der Roman Bürki im Tor vertrat, konnte den Schuss nur nach vorne lenken, Selke stand da wo eine Nummer neun stehen muss und netzte locker ein. Zögerliche Hoffnung auf ein Wunder machte sich auf der Tribüne breit. Aber: Es war ja noch so lange zu spielen.

Bremen - Dortmund 3:2 (2:0)

Bremen: Pavlenka - Veljkovic, Vogt, Moisander - Bittencourt, Maximilian Eggestein, Klaassen, Friedl - Osako (89. Bartels), Selke (50. Sargent), Rashica (90.+5 Toprak). - Trainer: Kohfeldt
Dortmund: Hitz - Akanji, Hummels, Zagadou (66. Reyna) - Hakimi, Brandt, Witsel, Schulz - Sancho, Reus (89. Can), Hazard (46. Haaland). - Trainer: Favre
Schiedsrichter: Guido Winkmann (Kerken)
Tore: 1:0 Selke (16.), 2:0 Bittencourt (30.), 2:1 Haaland (67.), 3:1 Rashica (70.), 3:2 Reyna (78.)
Zuschauer: 41.616
Gelbe Karten: Bittencourt, Moisander - Schulz (2), Reus, Reyna

Doch Werder presste auf einmal sogar am Dortmunder Strafraum. Der BVB wirkte überrascht, kam nicht in die Zweikämpfe und brachte kein Tempo auf den Platz. Jadon Sancho, Marco Reus und Thorgan Hazard rannten sich in der kompakten Werder-Defensive immer wieder fest. Spätestens beim 2:0 (30.) realisierten die Bremer auf dem Rasen und den Rängen aber, dass hier was ging. Und die Dortmunder, dass dies ein Abend werden könnte, wie sie ihn sich weder gewünscht noch vorstellen hatten können. Die erste Werder-Ecke wurde nach außen geklärt, 20 Meter vom Tor flog der Ball auf Leonardo Bittencourt zu, der ihn unsauber annimmt und nach dem Spiel zugab: "Bei der Annahme dachte ich: 'Oh kacke, hoffentlich kein Konter.'" Dann ließ er aber solch einen Strahl Richtung linkes Dortmunder Toreck sausen, dass Hitz dem Geschoss nur hinterherschauen konnte. Die Schwarz-Gelben wirkten geschockt, der SVW behielt die Spielkontrolle und hätte durch Selke sogar noch um ein Tor erhöhen können. "Da muss er das 3:0 machen", sagte Sportdirektor Frank Baumann im Anschluss an die Partie.

Überragendes Gegenpressing

Kohfeldt verriet nach dem Spiel seine letzten Sätzen vor der Partie an seine Mannschaft. Es waren Sätze, die an Jürgen Klopps Ansprache vor dem phänomenalen Rückspiel im Halbfinale der Champions League 2019 seines FC Liverpool gegen den FC Barcelona erinnerten: "Es gab in letzter Zeit kein Spiel, das vom Kräfteverhältnis vorher so ungleich war. Aber wenn für jemanden bei diesen Voraussetzungen ein Sieg möglich ist, dann hier für uns." Bittencourt betonte später die Wichtigkeit dieser Ansprache. Dass das Kräfteverhältnis wirklich positiv zu Seiten des BVB stand, wollte die Borussia in Halbzeit zwei beweisen und kam aus der Kabine mit Schwung und Erling Haarland. Wo auch immer der erst 19-jährige Norweger auftauchte, wurde es sofort gefährlich. Zunächst köpfte, klärte und schrie Werders neuer Abwehrchef Kevin Vogt alles hinten raus (Kohfeldt: "Das Gegenpressing hat er überragend organisiert."). In der 67. Minute gelangt der Borussia aber der verdiente Anschlusstreffer durch Haaland - natürlich.

Dem Weserstadion stockte der Atem, weil es diese Momente nur zu gut aus der Saison kannte: Die Grün-Weißen spielen gut, aber zerfallen bei jedem kleinen Rückschlag panisch in ihre Einzelteile. Anders diesmal: Keine drei Minuten nach dem Dortmunder Anschlusstreffer passte der in den vergangenen Woche unglaublich formschwache und körpersprachlich überhaupt nicht präsente Osako einen Ball aus dem zentralen Mittelfeld so zentimetergenau in die Beine von Milot Rashica, dass dieser seinen Turbo zünden konnte und allein vor Hitz einschießen konnte (70.). Werder hatte sich nur kurz beeindruckt gezeigt und war dann direkt wieder da. Das Weserstadion wunderte sich erneut.

Abermaliger Schwung von der BVB-Bank kam mit der Einwechslung von Giovanni Reyna. Der Jungspund ließ mit einem feinen Solo am linken Strafraumeck gleich mehrere Bremer aussteigen, bevor er die Kugel ansatzlos in den Winkel schlenzte (78.). Ein Traumtor - das musste auch Kohfeldt anerkennen, der nach dem Spiel zugab, "eine perfekte Sicht auf das Tor" gehabt und "selten schönere Treffer im Weserstadion" gesehen zu haben. Spätestens jetzt bot sich den Zuschauern ein Pokal-Spektakel. Der BVB bäumte sich in der Schlussphase noch einmal auf. Aber - entgegen des Trends der letzten Monate - der SVW fiel nicht. Er wankte nur noch einmal gewaltig, als sich Kapitän Niklas Moisander fünf Minuten vor Schluss in ein Handgemenge mit Reyna einließ, als dieser einen Elfmeter schinden wollte. Nach VAR-Einsatz gab’s für beide Akteure Gelb.

"Ob wir unseren Fußball wirklich wiedergefunden haben?"

Werder will nun den Sieg als Initialzündung mitnehmen für die Bundesliga, aber hütet sich gleichzeitig, das Pokal-Wunder zu überbewerten. "Wir wollten mutig mit dem Ball spielen und das haben wir endlich mal wieder getan", sagte ein sichtlich erleichterter Kohfeldt. "Wir haben uns gezeigt, dass wir unseren Fußball noch spielen können. Aber erst die nächsten Wochen werden zeigen, ob wir unseren Fußball wirklich wiedergefunden haben." So betonten Moisander, Bittencourt und Sportchef Baumann unisono, dass man die Euphorie jetzt in die nächsten Wochen tragen wolle, aber "Union Berlin am Samstag ein ganz anderer Gegner ist" und man "diese Leidenschaft von heute auch gegen nicht so große Mannschaften wie Dortmund" zeigen müsse. Baumann warnte, dass der Pokal eben "ein ganz anderer Wettbewerb" als die Bundesliga sei und man "befreiter aufspielen" habe können. Zum Abschluss urteilte Kohfeldt: "Auf die Frage, ob Werder wieder lebt, antworte ich erst nächsten Samstag um 17.45 Uhr."

Dass Dortmund im Pokal nicht mehr auferstehen kann, ist dafür sicher, der erste Titel der Saison ist pfutsch. Entsprechend geknickt zeigten sich die Borussen. Haaland stapfte schon in die Katakomben, als die Mannschaften sich auf dem Feld noch abklatschen und ward nicht mehr gesehen. Mats Hummels trabte kommentarlos an den Journalisten vorbei in die Kabine. Niemand außer Marwin Hitz stellte sich den Fragen der Medien. Lucien Favre erklärte auf der Pressekonferenz die erste Halbzeit als "überhaupt nicht gut" und endete seinen kurzen Monolog schmalspurig mit: "Ich bin sehr enttäuscht."

Nach dem perfekten Start in die Rückrunde setzte es an diesem Abend den ersten Dämpfer. Und vielleicht musste der BVB auch anerkennen, dass die bisherigen Gegner Union Berlin, Köln und Augsburg nicht die allerschwersten waren. Und dass Werder - wenn es zur Verwunderung der Fans endlich mal wieder das auf den Platz bringt, was in der Mannschaft steckt - besonders in K.o.-Spielen ein achtbarer Gegner ist. Wenn aber auch noch längst nicht von dem Format von Bayern München, RB Leipzig oder Paris Saint Germain, mit denen man sich eigentlich auf Augenhöhe befinden und messen will. Ein spezielles Mysterium ereignete sich noch in der allerletzten Minute vor dem Abpfiff: Haaland ließ tatsächlich eine Großchance liegen, als er per Kopf an Pavlenka scheiterte. Spätestens dann hatten alle Bremer auch realisiert, dass ihr eigenes Wunder wahr geworden war.

Quelle: ntv.de