Fußball

Die Kommunikation quält den DFB Das Schweigen der Männer

Die deutsche Nationalmannschaft kann auch ihr sechstes Spiel in der Nations League nicht gewinnen. Gegen die Schweiz reicht es wieder nur zu einem Remis. Bundestrainer Joachim Löw setzt auf die Rückkehr der geschonten Triple-Sieger - auch weil sie laut sind.

Es waren keine guten Tage für die Kommunikation. Mal kam sie zu leise und zögerlich, mal kam sie etwas zu forsch. Und aus Sicht des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) tummelten sich die Zurückhaltung und das Vorpreschen dann auch noch auf den gänzlich falschen Spielwiesen. Während die getwitterte Empörung der Reise-Bequemlichkeit per Flugzeug zwischen den nah beieinander liegenden Länderspiel-Orten (rund 260 Kilometer) Stuttgart und Basel noch eilig mit einer arg konstruiert wirkenden Erklärung über mögliche Verletzungsgefahren der belasteten Fußballer gekontert wurde (inklusive zweiter Empörungswelle und weltmeisterlichem Widerspruch), wird das Schweigen der Männer auf dem Feld zunehmend zum Thema. Zum ebenfalls leidigen.

Während DFB-Direktor Oliver Bierhoff versprach, sich als Verband zu hinterfragen wie man "die Aspekte Umwelt und Nachhaltigkeit stärker in den Planungen und Entscheidungen" berücksichtigen könne - was angesichts des zuletzt beworbenen Konzepts zur Nachhaltigkeit sicher eine verdammt gute Idee ist -, hat Bundestrainer Joachim Löw noch keine abschließende Erklärung dazu abgegeben, wie er mit der gefühlten Nonverbalität seines Teams in den kommenden Monaten umgehen will. Ein erster, ein einfacher Schritt ist indes klar: Die gierigen Spieler des FC Bayern zurückholen, die hatten nach dem Triumph in der Champions League für die Nations-League-Spiele gegen Spanien (1:1) und die Schweiz (1:1) eine Pause bekommen.

Allen voran Manuel Neuer, aktueller Kapitän des FC Bayern und der Nationalmannschaft, und Joshua Kimmich, womöglich künftiger Kapitän beider Teams, fehlen der Mannschaft derzeit mit ihrer lauten, bisweilen emotionalen Art. Toni Kroos und Ilkay Gündogan, die beiden Alphatiere und großen Strategen der Nationalmannschaft, sind eben vor allem Strategen und keine mitreißenden Anführer. Ihre Statements sind hochfeine Kunst am und mit dem Ball, aber nicht aufweckender Krach. Zumindest nicht auf dem Feld. In seiner Deutlichkeit durchaus überraschend schimpfte Gündogan, der Spielmacher von Man City, erst nach dem Abpfiff.

Dass sie dennoch nun bei den Geisterspielen zu den wenigen Deutschen zählten, die über die Mikrofone zu hören waren - der lauteste war übrigens Löw selbst (hätte man so vorher auch nicht unbedingt gedacht) - stimmt den Bundestrainer schon ein wenig nachdenklich: "Es ist auch eine Sache von einer gewissen Reife und Persönlichkeit. Wenn man sich gegenseitig coacht, das gibt Energie, das gibt Leben in der Mannschaft, das ist eine Hilfestellung", sagte er nach dem erneut frustrierenden Spiel in Basel. "Manche sind schon ein bisschen zurückhaltend. Auch da müssen wir besser werden."

"... dann ist es lauter, auch im Training"

Es ist offenbar ein Prozess, der viel Geduld erfordert. Bereits in den Trainingstagen hatte Löw lautstark eingefordert, dass sich die Profis untereinander coachen müssen. Vor dem Spiel in der Schweiz wies er noch einmal eindringlich darauf hin - vergeblich. Nach jeweils guten Phasen in beiden Partien baute die Mannschaft jeweils stark ab, spielerisch, physisch und kommunikativ. Mit der Rückkehr der Bayern-Stars, Leon Goretzka ist auch so einer (Serge Gnabry dagegen noch nicht), der mehr und mehr in die Rolle des Leaders wächst, soll es nun wieder lebendiger werden. "Wenn alle Spieler im Oktober wieder da sind, wird auch das besser, dann ist es lauter, auch im Training. Da gibt es schon Spieler, die die Verantwortung übernehmen zu coachen. Manche müssen da noch reinwachsen. Das ist ein Thema, das wir in den nächsten Wochen verstärkt angehen."

Das Vertrauen nicht nur in die immense sportliche Qualität seines jungen DFB-Kaders, sondern auch in eine schnelle Lernfähigkeit beim Thema Leadership, wehrt übrigens auch die nicht abzumoderierende Debatte um eine Rückkehr der wortstarken Anführer Thomas Müller und Mats Hummels ab. Kurioserweise wird Jérôme Boateng, der dritte Mann, den Löw im Frühjahr 2019 aus der Nationalmannschaft blitzte, nicht mehr gehandelt, obwohl er beim FC Bayern eine überragende Rückrunde gespielt hatte. Löw, das hatte er auch zuletzt immer wieder betont, will dieser neuen, hoch talentierten Generation Zeit lassen sich zu entwickeln. So wie er einst Müller, Hummels und Boateng Platz und Zeit gegeben hatte, sich von U21-Europameistern zu einer Weltmeister-Elf zu transformieren.

Mitten im aktuellen Entwicklungsprozess, es war der erste im Pandemie-Jahr 2020, entlarvt Löw bei seinen Hochbegabten andere noch andere Defizite. An vorderster Stelle: der Abschluss. "Was wirklich ärgerlich ist: Dass wir uns mit den guten Chancen, die wir hatten, nicht belohnt haben, nicht das zweite Tor machen. Das war in beiden Spielen das Problem. Wir können die Entscheidung nicht herbeiführen." Ein Déjà-vu? Schon vor der peinlich vergeigten WM 2018 in Russland schleppte das Team eine Torphobie herum. Hinzu kamen in diesen Tagen Ungenauigkeiten und Schludrigkeiten im Passspiel, ein nicht immer konsequentes Pressing. "Wenn wir die Dinge umsetzen, haben wir immer gute Aktionen, gewinnen Bälle, bekommen Chancen. Aber wir machen es nicht über 90 Minuten. Das muss ich der Mannschaft aber nachsehen, das war eine ganz spezielle Woche."

Eine Woche, an deren Ende das sechste (von sechs absolvierten) sieglose Spiel in der Nations League steht. Diese Serie, die den DFB statistisch auf die Größe Andorras schrumpft, wurmt Löw mittlerweile immens. "Ich habe gesagt, Entwicklung ist wichtig, aber natürlich will man die Spiele gewinnen." Sechs (!) Chancen hat die Nationalmannschaft in diesem Jahr noch, jeweils drei im Oktober und November, "das macht es nicht einfacher", sagte Löw, dessen Zorn sich ja zuletzt über die Masse an Terminen entladen hatte. Sein Plan gegen die Überlastung: Nach dem Test gegen die Türkei in Köln (7.10.) soll "nur ein Teil" des Aufgebots in die Ukraine (10.10.) fliegen, damit drei Tage später erneut in Köln gegen die Schweiz (13.10.) ausgeruhte Kräfte bereitstehen - und spätestens dann endlich der erste Nations-League-Sieg glückt, und gerne laut bejubelt wird.

Quelle: ntv.de