Fußball

Skandal vor dem Champions-Finale Das gefährliche Sicherheitsversagen der UEFA

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Das Chaos vor dem Stadion soll die Schuld der Fans sein - sagt die UEFA. Die Beschuldigten sehen das anders.

(Foto: dpa)

Vor dem Finale der Champions League verkauft die UEFA nur einen Bruchteil der Karten an die Fans von Real Madrid und den FC Liverpool. Die Tickets kosten so viel wie ein Kurzurlaub. Vor dem Sieg der Spanier bricht vor dem Stadion das Chaos aus. Die Geschichte eines Versagens.

Am Ende waren natürlich die Fans schuld. Wie immer bei solchen Ereignissen. So das Narrativ der UEFA. Dieser äußerte ihr Mitgefühl für die, die unverschuldet in die Situation geraten waren, aber schob alles auf die Zuschauer. Die hätten sich eben versucht, mit gefälschten Eintrittskarten Einlass zum Finale der Champions League verschaffen wollen. Das sei nicht möglich gewesen und daher das Chaos.

Dieses Chaos hatte zu einem um 37 Minuten verschobenen Anstoß geführt und dafür gesorgt, dass noch weit nach Beginn des größten Spiels weltweit im Vereinsfußball Tausende von Fans vor den Toren des Stade de France in Paris standen und trotz weiter Anreise und exorbitant hohen Eintrittspreisen große Teile der Partie verpassten. Die dazu verfügbaren Bilder waren schauderhaft und legten eine ganze Reihe an Gründen nahe, warum es dazu gekommen war.

Bereits über zwei Stunden vor Anpfiff waren die Probleme beim Einlass laut zahlreicher englischer Medienberichte offensichtlich geworden. Dabei hatten die Veranstalter alles richtig machen wollen. Sie hatten schon weit vor dem Stadion die Zugangsberechtigung für das Spiel kontrollieren wollen, doch dies an einer Stelle vorgenommen, die die Fans in einen Flaschenhals getrieben hatte. Als die Situation dort gefährlich wurde, wurde diese Kontrollstation aufgegeben und die Fans gelangten bis vor die Tore des Stadions.

Pressvertreter müssen Aufnahmen löschen

Dort hätten einige Fans den Sicherheitszaun überklettert, doch der Großteil sei in den Schlangen geblieben. Die Polizei hatte mit dem Einsatz von Pfefferspray geantwortet. Um das Überklettern der Zäune zu verhindern, und die Menschenmassen aufzulösen. "Dabei war nicht wirklich ersichtlich, wohin sich die Massen hätten auflösen sollen", kommentierte der "Guardian" in einem kurz nach Spielende veröffentlichten Bericht, der sich wie eine Anklageschrift las. Ähnliche Texte erschienen beim "Telegraph", in der "Times", auf "ESPN" oder im "Liverpool Echo". Hatten sie alle etwas anderes gesehen als die Einsatzkräfte rund um das Stadion?

Ein Reporter der Associated Press berichtete von Einschränkungen der Pressefreiheit: "Ich wurde von einem Security-Mitarbeiter in einen Raum mitgenommen und musste dort meine Akkreditierung entfernen", schrieb Steve Douglas. "Dann wurde ich gezwungen, das Videomaterial über die Probleme beim Einlass zu löschen. Sonst würde man mir den Wiedereintritt ins Stadion verwehren." Sein Kollege Rob Harris berichtete über das Einschreiten einiger UEFA-Mitarbeiter, die verhindern wollten, dass Security-Mitarbeiter Filmaufnahmen des Tränengas-Einsatzes machten.

In der "Süddeutschen Zeitung" war zusätzlich noch von "zahlreichen Handydiebstählen" die Rede. Mit den so erworbenen Telefonen hätten einige versucht, sich Zugang zum Stadion zu verschaffen. Dazu muss man wissen, dass neben den vor Jahren noch üblichen Hard-Tickets spätestens mit der Rückkehr der Zuschauer nach der Pandemie die digitale, auf dem mobilen Endgerät gespeicherte Variante der Eintrittskarte zum Einsatz kommt. Immer wieder war im Zusammenhang mit dem Chaos auch von lokalen Jugendlichen die Rede, die die Situation hatten ausnutzen wollen und sich während des Chaos Zugang zum Stadion verschaffen wollten.

Hard-Tickets hatten die, die dann in einem der verstörenden Videos rund um das Finale auftauchten. Eine Gruppe von Liverpool-Fans zeigte diese in die Kamera eines ESPN-Reporters und kämpfte zeitgleich mit dem von der Polizei offenbar in rauen Mengen versprühten Tränengas. Ein anderes Video zeigte ein Kind im Zidane-Trikot. Das irrte orientierungslos vor dem Stadion umher, nachdem es ebenfalls in einen Tränengas-Einsatz geraten war. Polizisten und eine weitere Person eilen dem Jungen auf dem Video zur Hilfe.

20.000 Gästefans, 238 Verletzte

Beide Klubs hatten für das Finale genau 19.618 Tickets und zusätzliche 382 VIP-Karten erhalten. Die Preisspanne für die begehrten Eintrittskarten lag zwischen 70 Euro und 690 Euro. Ein Großteil dieser Karten, 55,7 Prozent laut Liverpool, lag bei ungefähr 180 Euro. Von den restlichen Tickets waren 12.000 über das Portal der UEFA verfügbar gemacht und 23.000 überhaupt nicht in den Verkauf gegeben worden.

Bereits im Vorfeld hatte es gerade aufseiten des englischen Klubs großen Unmut über das zu geringe Kontingent gegeben. Wenngleich die Reds auf offiziellem Wege von einer Reise nach Paris ohne Ticket abgeraten hatten, konnte Trainer Jürgen Klopp sich in die Anhänger hineinversetzen. "Es ist einfach enorm, was sie da verlangen", hatte der ehemalige Mainz-Coach über die Eintrittspreise und die wenigen Eintrittskarten gesagt und den Fans zumindest nicht von einer Anreise ohne Karte abgeraten. "Paris ist groß genug, um dort auch ohne Ticket hinzufahren. Benehmt euch und feiert", hatte Klopp Anfang Mai gesagt.

Feiern konnten die Fans der Reds nach dem Spiel nicht, aber benommen haben sie sich, nach allem, was am Samstag zu sehen und zu hören war. Das wird am Ende eine größere Katastrophe verhindert haben. Trotzdem bleibt die Zusammenfassung des Abends eine düstere: In einer "vorläufigen" Bilanz registrierte die Pariser Polizei 68 Festnahmen und 238 Verletzte rund um das Finale, wobei es sich bei den Verletzten um "leichte" Blessuren handeln soll.

Was diese Zahlen jedoch nicht abbilden können, ist der weitere Verlust des Vertrauens in die Organisatoren des Fußballs, die zudem die Schuld von sich wiesen und mit Strohmannargumenten immer wieder auf das Fehlverhalten der Zuschauer hinweisen. Erst waren sie zu spät gekommen, dann hatten sie versucht, mit gefälschten Tickets in das Stadion zu gelangen. Zwar kündigten sie eine Aufarbeitung der Vorfälle an, doch das seien die eigentlichen Probleme gewesen. Das sahen nicht alle so.

"Die Fans beim Finale der Champions League tragen keine Verantwortung für das Fiasko am heutigen Abend", schrieb Football Supporters Europe, eine Interessensvertretung der organisierten europäischen Fans, noch während des Spiels. "Tausende stehen immer noch vor dem Stadion, bleiben im Angesicht der völlig unangemessenen Situation ruhig. Wir fordern die zuständigen Behörden auf, die Sicherheit aller Fans zu gewährleisten." Auch Liverpool zeigte sich wenig erfreut und forderte schon während des Spiels eine Untersuchung der "inakzeptablen Probleme" und die England-Legende Gary Lineker nannte die Worte der UEFA schlicht "Bullshit".

Probleme, immer wieder Probleme

Die Probleme rund um die Organisation eines Finalspiels sind nichts Neues bei der UEFA. Erst in der Vorwoche hatten die angereisten Fangruppen der Glasgow Rangers und der Frankfurter Eintracht beim Endspiel der Europa League über eben jene inakzeptablen Probleme geklagt. Zwar waren sie rechtzeitig zum Spiel ins Estadio Ramón Sánchez Pizjuán in Sevilla gelangt, standen dort jedoch bei Temperaturen von 30 Grad vor geschlossenen Getränkeständen. "Die Leute mussten auf die Toilette, um Wasser zu bekommen. Das war ein Desaster und aus meiner Sicht absolut unverantwortlich", hatte Michael Gabriel, der Leiter der bundesweiten Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS), gesagt und die Situation aus "gesundheitlicher Sicht und aus Sicherheitsaspekten" als "hochgefährlich" eingeschätzt.

Beim Finale der Europameisterschaft 2020 im Juli 2021 wiederum hatten sich vor dem Spiel zwischen England und Italien ebenfalls gefährliche Szenen auf dem Wembley Way, einem schmalen Weg zwischen U-Bahn und Einlass ins Wembley-Stadion abgespielt. In der "Süddeutschen Zeitung" war später von im Angesicht "eines mit chauvinistischem Pathos und allerlei Rauschmitteln aufgeputschten Mobs" überforderten Sicherheitskräften die Rede. Eine vierstellige Anzahl an Fans war an diesem Tag ohne Karten ins Stadion gelangt. Der englische Sommerregen, die Niederlage Englands und die im Anschluss daran tobenden rassistischen Anfeindungen rückten das Organisationsversagen zu diesem Zeitpunkt in den Hintergrund.

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In allen Fällen blieben den Fans gravierende Verletzungen oder weitaus schlimmere Dinge erspart. Das unterscheidet den Fußball der 2020er noch von dem der 1980er, das Jahrzehnt, in dem es auch in Europa zu mehreren Tragödien gekommen war. Die Hillsborough von 1989, die Toten von Heysel in 1985 - ausgerechnet am 29. Mai - sind ein Mahnmal dieser dunklen Zeit.

Doch das Versagen der UEFA und der jeweiligen Veranstalter, das mitverantwortlich zu machen ist für die hochgefährlichen Situationen rund um die Endspiele, ist allen drei Finals gemein. Hohe Eintrittspreise, viel zu wenig Eintrittskarten und immer auch ein Störfaktor: Die Europäische Fußball-Union zeigte sich auch an diesem Abend wieder einmal vollkommen überfordert, wenn sie mit der Realität der Fußballbegeisterung konfrontiert wird. Die gibt es immer noch. Doch Verbände und lokale Organisatoren arbeiten kräftig daran, ihnen diese Leidenschaft zu rauben. Der Fußball wandelt auf dünnem Eis.

Quelle: ntv.de

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