Fußball

Gigantensiege zum Klassenerhalt Der VfL Bochum erschüttert den BVB und die Liga

a4b33804c58d301a1a433b603173771f.jpg

Trainer Thomas Reis ist der Vater des Bochumer Fußball-Wunders.

(Foto: IMAGO/Nordphoto)

Das Revier erlebt eines der spektakulärsten Derbys der vergangenen Jahre. Am Ende triumphiert der VfL Bochum und feiert sein Klassenerhalts-Wunder, während sich die Dortmunder um den dreifachen Torschützen Erling Haaland die Quittung vor der Südtribüne abholen.

Der VfL Bochum feiert sein Fußball-Wunder. In der Nachbarschaft. In Dortmund. Bei der Borussia. Mit 4:3 (2:2) gewinnt der Aufsteiger beim Tabellen-Zweiten der Bundesliga und feiert am 32. Spieltag den Klassenerhalt. Eine verrückte Geschichte, serviert in einem verrückten Spiel. Nach acht Minuten führte der VfL mit 2:0. Sebastian Polter und Gerrit Holtmann versetzten das mit 81.365 Zuschauern ausverkaufte Westfalenstadion in erstauntes Entsetzen. Per Kopf und per Kunst. Erling Haaland drehte die Partie. Er versenkte zwei Handelfmeter und schoss sich einmal gewinnbringend selbst an. Als alles nun so zu laufen schien, wie es die Kraft dieser Klubs prophezeit hatte, platzierten der eingewechselte Jürgen Locadia mit einem sehr geschmeidigen Move und Milos Pantovic (per Handelfmeter) den nächsten Doppelschock im lautesten Tempel des Landes.

Das Westfalenstadion kochte. Es kochte aber auf der "falschen" Seite. Auf der Nordtribüne. Dort wo die Fans der Bochumer in Massen standen, mindestens 8000 hatten Karten für das sehnsüchtig vermisste kleine Revierderby bekommen. Im Süden dagegen, wo die schwarzgelbe Wand steht, erst Schweigen, dann Pfiffe. Das sorgte für Unmut. "Ich kann den Ärger der Leute nachvollziehen. Aber die Jungs haben es nicht verdient, beschimpft zu werden", sagte BVB-Trainer Marco Rose bei "Sky". "Das eine, ist das Spiel zu verlieren, das andere, sich zu Recht auspfeifen zu lassen", urteilte BVB-Profi Julian Brandt. "Die beiden Gegentore am Ende waren mega unglücklich."

Der BVB, personell nicht im Vollbesitz seiner Kräfte, hatte sich gegen den giftigen Zwerg von nebenan blamiert. Die Fußballer der Borussia hatten ihrer wankelmütigen Saison ein weiteres bitteres Leiden hinzugefügt. Zu befürchten haben die Dortmunder allerdings nichts mehr, die Vizemeisterschaft ist ihnen nämlich nur noch rechnerisch durch Bayer Leverkusen und RB Leipzig zu nehmen. Und so wankt der BVB aus dieser Saison, wieder mit der Hoffnung, dass in der nächsten Spielzeit alles besser wird. Wohl ohne Tor-Gigant Haaland, der an diesem Samstagnachmittag den Tod seines Beraters Mino Raiola verarbeiten musste, mit einem größeren personellen Umbruch und der Sehnsucht nach Fußballern, die das schwarzgelbe Gefühl tief in sich tragen. Wie so ein Kader aussehen kann, das haben sie an diesem Samstag gesehen. Zumindest auf leidenschaftlicher Ebene.

Der Baumeister ist gefragt

99267e6fa776529441faa18c401830b8.jpg

Zaun-Party.

(Foto: IMAGO/Nordphoto)

Den könnte es auch beim VfL geben. Aber die Motive sind gänzlich unterschiedlich. Der BVB braucht im Jahr eins ohne den ewigen Sportdirektor Michael Zorc frische Kräfte für neue Erfolge, Kerle mit Mentalität und Kraft, Kerle, die richtig Bock auf diesen Klub haben. Die Bochumer werden dagegen neue Leute brauchen, weil einige Spieler in dieser Saison vielleicht schon etwas zu groß für diesen VfL geworden sind. Die Innenverteidiger Maxim Leitsch und Armel Bella-Kotschap etwa. Oder Milos Pantovic, den Kunstschuss-Experten. Oder Holtmann, der nun nicht mehr nur schnell ist, sondern auch Tore schießt und Vorlagen gibt. Und dann sind da noch Leihspieler wie Elvis Rexhbecaj (vom VfL Wolfsburg), der ein Anführer ist - aber auch teuer. Viel Arbeit für Baumeister Sebastian Schindzielorz, dem es aber bereits zu dieser Spielzeit gelungen war, den Aufsteiger in der Spitze und Breite gut zu verstärken und unter anderem den Abgang von Robert Zulj, dem alles überragenden Spielmacher, zu kompensieren. Allerdings dürfte die Arbeit in diesem Sommer noch knackiger werden.

Wie Union? Oder wie Bielefeld?

Gedanken für das Morgen. Nicht für das Heute. Das war reserviert für einen blauweißen Tanz in den Mai. Völlig enthemmt, völlig euphorisch. Wie Trainer Thomas Reis. Der konnte sein Lachen in den Sekunden vor dem Abpfiff nur mit viel Körperbeherrschung gerade noch verbergen. Und als der Pfiff der Erlösung. Der Pfiff zum "Wunder", als das hatten sie den Klassenerhalt immer ausgerufen, nach 94 Minuten ertönt war, da brach es aus ihm heraus. Er rannte mit geballten Fäusten zu den Fans und der Rest der Bochumer folgte. Eine Party, die Kapitän Anthony Losilla, das größte Phänomen dieser Mannschaft, oberkörperfrei im Block verfolgte. Ebenso wie Torwart Manuel Riemann, auch so eine Legende dieses Teams. Der 34-Jährige, der den VfL mit herausragenden Paraden gegen Marco Reus und Haaland zuvor im Spiel gehalten hatte, ließ sich von den Anhängern eine Sonnenbrille und das Megafon reichen, dann sangen sie gemeinsam: "Die Nummer eins im Pott sind wir", während sich nebenan, an den Westfalenhallen, leise die Beats der Mayday zum Neustart warm wummerten.

Gemessen an den Ergebnissen gegen den BVB (Hinrunde 1:1) - und der Zweitligazugehörigkeit des FC Schalke 04 - ist das eine korrekte Einschätzung. Gemessen an den Ansprüchen, den Leistungen der Vergangenheit und der Strahlkraft der Vereine allerdings nicht. Dortmund will den FC Bayern endlich mal wieder richtig herausfordern und in Europa für magische Nächte sorgen, Bochum sich in der Liga etablieren. Wie schwer das in einer zweiten Saison wird, dafür finden sich in der Geschichte des Oberhauses reichlich Nachweise. Arminia Bielefeld liefert den aktuellsten. Wie anders es laufen kann, erzählt Union Berlin. Mit einem guten Plan spielt die Mannschaft in ihrer dritten Saison erneut um Europa. Und ist die Nummer eins in der Hauptstadt.

52974f4f0ab2d963d0316f07a866c391.jpg

Mit seinem leidenschaftlichen Spiel hat Elvis Rexhbecaj den VfL bereichert.

(Foto: IMAGO/Nordphoto)

Doch die Wunder der anderen, die interessieren in den Kneipen und an den Trinkhallen zwischen der Castroper Straße und dem Bermuda-Dreieck niemanden. Hier erzählen sie sich die Geschichten ihrer Protagonisten. Von Coach Reis, der im September 2019 Robin Dutt beerbte, über den man sich erst lange wunderte und dann nur noch über ihn staunte. Bis zur Corona-Pause im Frühjahr 2020 stand über seiner Arbeit ein dickes Fragezeichen. Danach ein noch dickeres Ausrufezeichen. Er hatte aus einem Kader aus Individualisten und kleinen Grüppchen ein Kollektiv geformt. Und er hatte eine kluge Idee entwickelt. Mit schnellen Außen und einem kompakten Zentrum. Diese Idee beflügelte das Tempo des Spiels. Das Tempo der Wiederauferstehung des Klubs, der in der Zweiten Liga eingerostet war und immer noch der Sehnsucht des längst überholten Mythos, doch eigentlich "unabsteigbar“ zu sein, nachhing.

Mit Reis ging und geht plötzlich alles. Corona-Meisterschaft, Aufstieg, Klassenerhalt. Beim großen Revierrivalen. Ein besonders lecker schmeckender Triumph - der amtlich begossen wird. "Es ist die Krönung der Saison. Wenn du mit einem Sieg beim BVB den Klassenerhalt klarmachst - das wird gefeiert", versprach Reis und ließ die Reise der vergangenen zweieinhalb Jahre nochmal an sich vorbeilaufen: "Als ich nach Bochum zurückkam, befand sich der Verein in einer schwierigen Situation. Wir haben gemeinsam unseren Weg zurückgefunden und gezeigt, dass man zusammenhalten muss, um etwas zu erreichen. Ich werde ein paar Tage brauchen, um das zu realisieren. Ich bin einfach nur stolz, dass ich diese Mannschaft trainieren darf." Gefeiert wurde übrigens im so legendären Kneipenviertel Bermuda-Dreieck. Mitten in der Stadt, mitten zwischen den Fans. Mit kultigen Ugly-Trikots aus der doch eigentlich verbotenen Mottokiste des Vereins.

Eine Gier frisst sich in das Team

Reis, der als Spieler 199 Spiele für den Klub "vonne Castroper" absolviert hatte und als Trainer im VfL-Nachwuchs aktiv war, ehe er zwischenzeitlich zur U19 des VfL Wolfsburg wechselte, hatte der Mannschaft der komplizierten Charaktere ein gemeinsames Gefühl gegeben. So wie es einst die Kumpel der Region unter Tage in sich getragen hatten. Manchmal hart zueinander, aber immer ehrlich. Verbal robust, körperlich auch anpackend. So wie der ultraehrgeizige Torwart Riemann oder Kapitän Losilla, der mit 36 Jahren zum ersten Mal Bundesliga spielte, und das auf herausragende Weise tat. Über diese beiden Mentalitätsgiganten und den strengen Trainer Reis, der Nachlässigkeiten oder allzu große Fantasien seiner Spieler mit Auszeiten auf der Bank und gar einem kurzzeitigen Kader-Bann begegnete und austrieb, hatte sich eine Gier in diese Mannschaft gefressen, mit der nicht nur der BVB überwältigt wurde, sondern im Februar auch der FC Bayern (4:2).

Die Münchner hatten dem VfL in der Hinrunde gewissermaßen den rechten Weg auf dem ungewohnten Erstliga-Terrain gewiesen. Nach einem krachenden 0:7, als die Bochumer bereits zum fixen Absteiger ernannt worden war, biss sich dieses Team im Oberhaus fest. Reis setzte wieder stärker auf ein sehr mutiges Pressing, auf den blitzschnellen Umschaltfußball über Riemann, der mit seiner Spieleröffnung eine erstaunliche Waffe im Agieren des Aufsteigers ist. Reis setzte auf Gier, Maloche, Disziplin - und Teamgeist. Die Egos im Team zu bändigen, das ist vielleicht der größte Verdienst seines bisherigen Wirkens, das vertraglich noch bis zum Sommer 2023 andauert. Eine Verlängerung von beiden Seiten, durchaus angestrebt. Aber es gibt auch veränderte Erwartungen.

Mehr zum Thema

Die Mannschaft erspielte sich gute Ergebnisse, Selbstvertrauen - und dann einen Rausch, der mehrere kleinere und größere Heldengeschichten schrieb. In der Liga. Im Pokal. Es sind Geschichten von Traum-Solos (Holtmann bereits am 2. Spieltag), von 50-und-mehr-Meter-Toren (Pantovic), von gigantischen Paraden und verwandelten Elfmetern (Riemann), von leidenschaftlichen Kämpfern wie Christian Gamboa oder den Comebacks von längst abgeschriebenen Fußball-Unikaten wie dem Strafraum-Tanker Sebastian Polter sowie mitreißenden Siegen und einer unerschütterlichen Stehauf-Mentalität nach Rückschlägen wie zuletzt gegen den SC Freiburg und den FC Augsburg.

Der VfL pendelt an diesem 30. April 2022 nicht mehr zwischen den Welten. Er bleibt ein Fußball-Erstligist, an diesem Abend kraftvoll, laut und stolz. Stolz auf (s)ein kleines Fußball-Wunder zwischen der A40, dem ewig verstopften Sozialäquator des Ruhrgebiets, und der Krümmede, dem alten Knast. In den Kneipen, in den Gärten und den Wohnungen, da sang Herbert Grönemeyer. Die Hymne der Stadt. Vereint als "du und dein VfL..."

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen