Fußball

Großer Druck für Salihamidzic Der gefährliche Kader-Plan des FC Bayern

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Die Kaderplanung von Bayerns Sportdirektor Hasan Salihamidzic wird kritisch beäugt.

(Foto: dpa)

Was plant Hasan Salihamidzic? Plant der Sportdirektor des FC Bayern überhaupt irgendetwas? Und ob er das tut. Er verfolgt einen Plan über den Moment hinaus und leiht sich die Fußballprofis, die der Bundesligist aktuell braucht, eben aus. Das ist nicht ohne Risiko, aber strategisch klug.

Sportdirektor Hasan Salihamidzic hat im Moment keinen einfachen Job an der Säbener Straße. Erst lechzen Trainer, Spieler und Umfeld nach neuen Spielern. Und als dann der FC Bayern am Mittwoch Alvaro Odriozola präsentiert, war das vielen Fans in den sozialen Netzwerken ebenfalls nicht genug. Keine Kaufoption, keine Spielpraxis, keine Perspektive - die Vorwürfe sind unterschiedlich, aber sie alle haben gemein, dass sie zu kurz greifen.

Zum Autor
  • Justin Kraft ist freier Autor und Blogger bei miasanrot.de.
  • Als Jahrgang 1993 durch die "Generation Kahn" mit dem FC Bayern in Kontakt gekommen.
  • Fußball-sozialisiert mit der "Generation Lahmsteiger", der er 2019 sogar ein nach ihr benanntes Buch widmete.

Denn ein Teil der Wahrheit ist, dass der Fußball-Bundesligist einen mittelfristigen Plan hat, der kurzfristige Transfers erschwert. Im Sommer waren die Münchner sich mit Leroy Sané einig. Die Geschichte ist bekannt: Der Flügelstürmer verletzte sich in letzter Sekunde und der Deal platzte - vorerst. Das grundsätzliche Interesse an dem Spieler von Manchester City ist dadurch weiter vorhanden. Salihamidzic und die weiteren Verantwortlichen des FC Bayern ließen sich davon nicht beirren.

Sie hätten auch für viel Geld Nicolas Pepe, Hakim Ziyech oder andere Profis kaufen können. Allerdings waren sie von keinem Spieler so überzeugt wie von Sané. Eine nachvollziehbare Entscheidung, ist der 24-jährige nicht nur deutscher Nationalspieler, sondern auch mit großem Talent gesegnet. Der Kompromiss: Ivan Perisic und Philippe Coutinho kamen auf Leihbasis. Salihamidzic baute damit kurzfristig die bestmögliche Brücke vom Sommer 2019 zum Sommer 2020. Das ist keine Optimallösung, aber eine, die Zeit verschafft.

Auch das längst bekannte Interesse am Leverkusener Kai Havertz spielt hier wahrscheinlich eine Rolle. Nun ist das Duo Perisic/Coutinho nicht so klanghaft wie das Duo Sane/Havertz. Während Perisic seine besten Jahre hinter sich hat, gelingt Coutinho der Sprung in die Weltklasse nicht so richtig. Das Leihkonzept ist dennoch eine smarte Lösung, weil es mit erheblich weniger Risiko belastet ist und Positionen, die in der Planung erst 2020 besetzt werden können, nicht mit zu vielen Spielern zugebaut werden. Und für die Mindestziele im nationalen Bereich sind sie eine klare Verstärkung für den Kader.

Odriozola ist ein kleines Eingeständnis

Und doch ist die dritte Leihgabe, Odriozola von Real Madrid, ein kleines Eingeständnis. Eines, das ein großes Versäumnis des vergangenen Sommers korrigieren soll. Damals einigte sich der Klub mit Niko Kovac darauf, den Kader nicht zu breit zu gestalten. Die Konflikte, die der Trainer in seinem ersten Bayern-Jahr mit einigen Ersatzspielern hatte, führten zu der falschen Erkenntnis, man müsse mit weniger Profis in die Saison gehen.

Kovac forderte seinerzeit sogar noch einen Sechser, bekam diesen aber nicht, weil Rodri zu Man City sowie Josep Guardiola wechselte und Marc Roca den Anforderungen im Defensivbereich nicht entsprach. Hier verzichtete der Klub auf eine B-Lösung. Gegen Ende der Hinrunde bekamen die Münchner dafür die Quittung. Als Hansi Flick übernahm, entschied er, dass Joshua Kimmich im Mittelfeld spielt. Die Folge: Mit Benjamin Pavard blieb nur ein Rechtsverteidiger übrig, der eigentlich gelernter Innenverteidiger ist.

Nun korrigierten die Bayern ihren Fehler, so gut man ihn auf dem schwierigen Wintermarkt eben korrigieren kann. Odriozola ist eine Wundertüte. Umso besser ist auch hier aber das Leihkonzept, das die Bayern mit Madrid vereinbarten. Zeigt er gute Leistungen, wird man aufgrund der guten Beziehungen mit den Königlichen und deren Überbesetzung auf dieser Position eine faire Lösung finden. Kann er auch in München nicht überzeugen, ist eine Trennung unkompliziert.

Große Herausforderung für Salihamidzic

Am liebsten hätte Salihamidzic den ersten großen Deal mit Sané trotzdem längst über die Bühne gebracht. Auf die veränderten Umstände hat er aber gut reagiert. Nicht alles im Fußball ist planbar, und dann braucht es Spontaneität. In diesem Fall ist diese durch drei Leihgaben gekennzeichnet, als Brücke zur kommenden Saison. Spätestens dann steht der designierte Sportvorstand aber vor einer großen Herausforderung. Der Druck ist enorm.

Die Erwartungen des Umfelds: Sané und Havertz (oder gleichwertige Alternativen) kommen nach München, bleiben aber nicht die einzigen Transfers. Denn nach den aktuellen Erfahrungen ist kaum damit zu rechnen, dass der Klub erneut mit nur 16 bis 17 gestandenen Profis plant. Kommen die beiden Wunschkandidaten, ist eine feste Verpflichtung von Philippe Coutinho zudem unwahrscheinlich, würde der Brasilianer das Budget doch arg sprengen.

Neben Coutinho sind ab Sommer auch noch Perisic, Jérôme Boateng, Javier Martinez und Odriozola Wackelkandidaten. Gehen sie sogar alle, würde der Kader auf 14 Profis schrumpfen. Ausgenommen sind hier noch Fiete Arp, Michael Cuisance, Lukas Mai und Joshua Zirkzee, weil sie alle bisher kaum Einsatzzeiten bekamen. Mit Sané und Havertz wäre man bei 16 und auch die Rückkehr von Adrian Fein ist bereits geplant. Wobei sich erst zeigen muss, ob er schon jetzt das Niveau für die Bayern hat. Keine einfache Aufgabe für den Klub, wenn man bedenkt, dass allein Sané und Havertz über 200 Millionen Euro binden könnten und man dann je nach Bewertung der jüngeren Spieler bei 16 bis 18 Spielern stehen würde. Hinzu kommt noch die wichtige Trainerfrage.

Insbesondere Salihamidzic wird sich deshalb am kommenden Sommer messen lassen müssen. Aktuell scheint es, als verfolge er einen klaren Plan. Die Leihgaben sind nicht zwingend als Schwäche oder Eingeständnis und erst recht nicht als Planlosigkeit zu deuten, sondern vielmehr als smarte Idee davon, wie man die Zeit sinnvoll bis Sommer überbrücken kann. Dann müssen seine theoretischen Vorstellungen von der Zukunft in die Praxis umgesetzt werden.

Mit Alphonso Davies, Lucas Hernandez und Pavard hat Salihamidzic bereits drei wichtige Spieler für die Zukunft verpflichtet - das wird gern mal unter den Tisch gekehrt. Jetzt geht es darum, die letzten Schritte des Kaderumbruchs zu gehen und auch die Offensive zu verstärken. Schafft es der 43-Jährige, den Kader entscheidend zu verstärken, kann er auf viele kluge Entscheidungen zurückblicken und alle Zweifel an ihm verstummen lassen. Schafft er es aber nicht, blickt der Klub auf mindestens ein weiteres verschenktes Jahr zurück. Das Risiko ist groß, eine Strategie aber zu erkennen. Und das darf bei aller Kritik, die Salihamidzic einstecken muss, auch mal positiv erwähnt werden.

Quelle: ntv.de