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Pragmatischer Klubboss Watzke Der gefeierte BVB-Retter mit dem Masterplan

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Watze ist Boss: Was der BVB-Geschäftsführer sagt, gilt in Dortmund.

(Foto: imago images / Thomas Bielefeld)

In Dortmund wird Hans-Joachim Watzke von vielen Fans verehrt. Der Geschäftsführer gilt als Sanierer, Macher und Malocher. Sein Wort ist beim BVB Gesetz. Einzig der Dissens mit Ex-Trainer Tuchel sorgte für Misstöne. Nun feiert "Aki" Watzke seinen 60. Geburtstag.

Wenn man Hans-Joachim Watzke, seinen Job und seine Liebe zu Borussia Dortmund mit einer einzigen Partie beschreiben müsste, dann wäre es das Spiel des BVB vom 30. April 2013 im Estadio Santiago Bernabéu. Damals, im Halbfinal-Rückspiel der Champions League, saß der Vorsitzende der Geschäftsführung der Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA auf der Tribüne von Real Madrid. Neben ihm hatte der König von Spanien Platz genommen. Und als der Monarch feststellte, dass sein Nachbar vor Nervosität fast ohnmächtig zu werden drohte, griff er nach Watzkes Hand und hielt sie fest. Dem BVB-Boss gefiel das - und es half. Eine gute Zeit lang. Doch nachdem Real in der 83. Minute durch Karim Benzema das erste Tor erzielt hatte und weiter tüchtig auf den Kasten des BVB zustürmte, hielt es "Aki" Watzke nicht mehr auf seinem Stuhl. Er rannte in die Katakomben und schloss sich auf einer Toilette ein. Erst nachdem die Borussia trotz eines 2:0-Sieges der Madrilenen aufgrund des sensationellen 4:1-Triumphs im Hinspiel ins Finale eingezogen war, öffnete Watzke die Klotür und jubelte mit der Mannschaft.

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Da ahnte er noch nichts: Watzke auf dem Platz vor dem legendären 4:1 im Hinspiel gegen Real Madrid im Champions-League-Halbfinale 2013.

(Foto: imago sportfotodienst)

Dass der BVB-Boss bei den Partien seines Vereins stets mit vollem Einsatz dabei ist, zeigt auch ein Zitat nach einer mitreißenden Begegnung beim VfB Stuttgart. Hinterher sagte Watzke: "Das war ein Spiel, bei dem man völlig nass geschwitzt ist. Dabei stand ich ja gar nicht auf dem Platz." Dem "Spiegel" erklärte der Geschäftsführer der Borussia einmal: "Mit jeder Stunde, die ein Spiel näher rückt, mit jeder Minute werde ich angespannter, und dann bin ich immer pessimistisch. Unser Sportdirektor Michael Zorc sagt schon: 'Aki, wenn deine Prognosen eingetroffen wären, dann wären wir in der dritten Liga.'"

Mit "Masterplan" zum Geschäftsführer

Seit 2001 ist "Aki" Watzke beim BVB. Der Kontakt zum Verein soll damals über Matthias Sammer entstanden sein. Recht bald nachdem er den damaligen BVB-Manager Michael Meier kennenlernte, ergab sich die Möglichkeit für Watzke, in den Vorstand der Borussia aufzurücken - denn kurzfristig und überraschend war der Posten des Schatzmeisters frei geworden. Watzke ergriff diese Chance sofort. Kenner des BVB meinen heute noch, dass der gebürtige Sauerländer damals wohl eine Art "Masterplan" gehabt habe, um sein Ziel - Mitglied des Vorstands - zeitnah zu realisieren. Doch Watzke kam in einem Moment zum BVB, als dieser kräftig ins Straucheln geraten war. Die finanzielle Schieflage nahm bedrohliche Züge an. Ab einem gewissen Zeitpunkt war allen in Dortmund klar: Die Zeit von Präsident Gerd Niebaum und Manager Meier war zu Ende. Die Verbindlichkeiten des Klubs wuchsen jeden Tag um unglaubliche 72.000 Euro. Und sportlich lief es in der Hinrunde der Saison 2004/05 ebenfalls überhaupt nicht. Nach dem 17. Spieltag war der BVB nur 14.. Ein Fan-Plakat drückte die Stimmung in Dortmund am besten aus: "Im Keller ist es dunkel, macht das Licht an!"

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Mit Jürgen Klopp wurde Watzke 2011 deutscher Meister.

(Foto: imago sportfotodienst)

Damals wurde in Deutschland über den BVB gelacht. Comedian Michael Mittermeier spottete: "Was haben der BVB und Karstadt gemeinsam? Beide sind pleite. Aber Karstadt hat die bessere Sportabteilung." Doch, wie man nicht nur in Dortmund weiß: In Zeiten der Krise bieten sich auch Chancen. Anfang Februar 2005 wurde Watzke schließlich tatsächlich Geschäftsführer bei der Borussia. Und sofort übte der neue Boss einen Fulltimejob aus, obwohl er damit nichts verdiente. Watzke verzichtete nach eigenen Angaben wegen der leeren Kassen bei seinem Arbeitgeber auf sein komplettes Gehalt. Und nicht nur das. Auch alle anfallenden Kosten für Benzin, Telefon und Übernachtungen bezahlte er aus der eigenen Tasche: "Ich bringe im Moment jeden Monat knapp 2.000 Euro mit!"

*Datenschutz

Von nun an war "Aki" Watzke als Sanierer unterwegs. Noch heute erzählt er gerne aus dieser Zeit, die ihm in Dortmund niemand vergisst. Diese Monate der Rettung der Borussia sind das Fundament der Verehrung, die Watzke heute unter weiten Teilen der Fans erfährt. Damals, im Jahr 2005, konnte dies noch niemand absehen. Denn gleich eine seiner ersten Amtshandlungen - der Verkauf der Stadionrechte - führte zu massiven Fanprotesten. Doch Watzke sah diesen Schritt rein pragmatisch und emotionslos: "Wenn man im Vorraum der Pathologie liegt, hat man wenig Alternativen." Und in der Tat war die Lage so dramatisch, dass nicht wenige Anhänger froh waren, dass endlich wieder angepackt wurde. Viele Borussen entwickelten zudem ein starkes Vertrauen in das Handeln Watzkes - schließlich hatte der Sauerländer und Vorsitzende seines Heimatvereins Rot-Weiß Erlinghausen selbst ein erfolgreiches Unternehmen für Arbeitsbekleidung aufgebaut. Der Mann schien sich also mit Finanzen auszukennen.

"Der BVB ist von Natur aus sexy"

Zu Watzkes Kernkompetenzen gehört es, dass er nicht nur ein Händchen dafür hat, gute Leute um sich zu scharren und sich selbst als Malocher und ehrlicher Arbeiter zu inszenieren, sondern auch seine Fähigkeit, Menschen für sich einzunehmen. So mag ihn in Dortmund nicht nur die Wirtschaft, sondern auch ein Großteil der Fans lässt auf ihren "Aki" nichts kommen. Geschickt versteht er es, die eigene Arbeit selbst zu würdigen - indem er sie gegen unliebsame Gegner abgrenzt: "Wie heißt diese THG oder TSG doch gleich? Wo wären die ohne den weißen Ritter aus Hoffenheim? Wir können eben nicht sagen, lieber Dietmar Hopp, lass es Geld regnen!" Legendär in diesem Zusammenhang ist auch dieser Spruch Watzkes: "Wolfsburg oder Hoffenheim müssen das große Geld auspacken, um sexy zu sein. Der BVB ist von Natur aus sexy!" Auch kleine und wohl überlegte Sticheleien gegen den Nachbarklub ("Wir haben die Schale nach NRW geholt - das schafft hier ja sonst niemand") helfen dabei, das eigene Ansehen bei den Anhängern zu mehren: "Ich kann Felix Magath gut leiden und wünsche ihm ein langes und gesundes Leben. Ob er allerdings noch so lange lebt, dass er mit Schalke Meister wird - da bin ich skeptisch."

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Legten sich miteinander an: Watzke und Ex-Coach Tuchel.

(Foto: imago/DeFodi)

Doch die Welt des "Aki" Watzke besteht nicht nur aus eitel Sonnenschein. Neben seinen regelmäßigen und schlagzeilenträchtigen Auseinandersetzungen mit wechselnden Führungsträgern des FC Bayern München sorgte zuletzt die Fehde mit dem Ex-Trainer des BVB, Thomas Tuchel, für Schlagzeilen. In einem Interview mit der "WAZ" hatte Watzke damals auf die Frage, ob ein Dissens zwischen ihm und Tuchel bestehe, ohne Not, aber dafür klar und völlig unmissverständlich geantwortet: "Das ist so, ja." Später klärte sich auf, dass es am Abend des Anschlags auf den BVB-Mannschaftsbus zum Riss zwischen Tuchel und Watzke gekommen war. Tuchel hatte sich damals medial gegen Watzke gestellt - was dieser, angesichts der besonderen Situation, der damals alle ausgeliefert waren - seinem Trainer sehr übel nahm. Die öffentlich umstrittene Entlassung des Coachs war am Ende zwangsläufig.

Heute feiert der Geschäftsführer und uneingeschränkte Chef des BVB seinen 60. Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch und Glück auf!

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Quelle: n-tv.de

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