Fußball

Bester Spieler im Pokalfinale Die Masterclass des Nico Schlotterbeck

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Schlotterbecks Jubel in der 24. Minute.

(Foto: picture alliance/dpa)

Kopfball im Rückwärtslaufen, Rettung für den geschlagenen Torwart, eine traumhafte Grätsche: Nico Schlotterbeck liefert im DFB-Pokalfinale eine herausragende Leistung. Allerdings verpasst es der SC Freiburg, diese auch zu belohnen.

Nach 120 kräftezehrenden Minuten und einem Elfmeterschießen, das für seinen SC Freiburg tragisch geendet war, steht Nico Schlotterbeck alleine vor der Ostkurve des Berliner Olympiastadions. Während die Mannschaft nach der bitteren Niederlage im ersten DFB-Pokalfinale der Klubgeschichte wieder in Richtung des Rasens trottet, bleibt der Innenverteidiger ein wenig länger. "Schlot-ter-beck, Schlot-ter-beck, Schlot-ter-beck", rufen die Fans wieder und wieder, und feiern damit den Mann, dessen herausragende Leistung in diesem Endspiel den Sport-Club so nah an seinen ersten großen Titel überhaupt geführt hat wie nie zuvor.

Während sich die Nacht langsam über die Hauptstadt legt, steht Schlotterbeck nun also da. Es wirkt ein bisschen so, als wüsste er nicht genau, was er in diesem Moment empfinden soll. Da ist die Erschöpfung nach diesem kräftezehrenden Finale. Die Trauer, die Enttäuschung und der Ärger darüber, trotz Führung und mehr als 60-minütiger Überzahl am Ende als Verlierer vom Platz zu gehen. Aber auch der Stolz, eine großartige Saison gespielt zu haben, an der selbst die 3:5-Niederlage nach Elfmeterschießen (1:1, 1:1, 1:0) an diesem sommerlich-windigen Samstagabend nichts mehr ändert.

"Emotional bin ich leer", sagt Schlotterbeck anschließend dem Südwestrundfunk, was bei genauerem Betrachten seines außerordentlichen Pensums nicht verwundert. Denn in den fast drei Stunden zwischen Anpfiff um 20 Uhr und dem entscheidenden Elfmeter-Fehlschuss um 22.47 Uhr liefert der 22-Jährige das ab, was sich im englischsprachigen Raum schlicht als "Masterclass" zusammenfassen lässt. Frei übersetzt ist das eine Meisterleistung, die zugleich als Lehrbeispiel taugt. Wer also einen modernen Verteidiger beobachten will, sollte sich eine Aufzeichnung dieses Finals anschauen.

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So nah dran und am Ende doch nur frustriert auf der Bank.

(Foto: IMAGO/Sven Simon)

Eine Grätsche wie aus dem Bilderbuch

Die prägendste, wenngleich schwer reproduzierbare Szene, liefert Schlotterbeck schon früh im Spiel, wenige Minuten nach dem Freiburger Führungstreffer durch Maximilian Eggestein. Es läuft die 24. Minute, als der Sport-Club im eigenen Strafraum in Not gerät. Am Ende dieser Not kommt Leipzigs Ausnahmestürmer Christopher Nkunku aus kurzer Distanz zum Abschluss, Torhüter Mark Flekken ist schon überwunden. Schlotterbeck aber reagiert blitzschnell, klärt den Ball vor der Linie und jubelt danach im eigenen Tor so emotional, dass die positive Energie auf die bestimmt 30 Meter entfernte Fankurve überspringt.

Der 1,91 Meter große Abwehrmann ist in diesem Finale ohne jeden Zweifel das, was in der Fußballsprache gerne als "Emotional Leader" bezeichnet wird. Schlotterbeck treibt sich selbst an, treibt den Freiburger Anhang an, treibt seine Mitspieler an. Gestenreich, auf der großen Bühne Pokalfinale sicherlich auch öffentlichkeitswirksam, vor allem aber als Leistungsvorbild. Er gewinnt seine Zweikämpfe am Boden, wie in der 72. Minute, als er Konrad Laimer mit einer Bilderbuch-Grätsche in Strafraumnähe vom Ball trennt. Ebenso in der Luft, wie etwa in der 100. Minute, als er im Rückwärtslaufen verhindert, dass Nordi Mukiele den etwas voreilig aus seinem Tor gekommenen Mark Flekken in Bedrängnis bringen kann.

Im Aufbauspiel fordert Schlotterbeck immer wieder den Ball, spielt mit 86 Pässen die meisten aller Freiburger, sucht aber mit zunehmender Spieldauer auch immer wieder das Dribbling - ohne dabei zu sehr ins Risiko zu gehen. Kurz vor Ende der ersten Halbzeit der Verlängerung rückt der Innenverteidiger mit auf, steckt am gegnerischen Strafraum auf Janik Haberer durch, der die Schusschance jedoch vergibt. Sein Stellungsspiel ist über weite Strecken der Partie über jeden Zweifel erhaben, die qualitativ hochwertig besetzte Leipziger Offensive muss sich jede Tormöglichkeit hart erarbeiten. Da klingt es fast schon logisch, dass der Ausgleich aus einem zweiten Ball nach einer Standardsituation und außerhalb von Schlotterbecks Wirkungskreis fällt.

Eine Ehrung, die Schlotterbeck egal ist

Als "brutal intensiv" beschreibt der Nationalspieler, der auch für die vier Juni-Termine der DFB-Elf wieder in den Kader berufen worden ist, seinen letzten Arbeitstag für den SC Freiburg. Zur neuen Saison wechselt Schlotterbeck, dessen Karriere gerade erst begonnen hat, zu Borussia Dortmund. Über die Ablösesumme haben beide Klubs, die sich gegenseitig für die angenehme Verhandlungsatmosphäre lobten, zwar Stillschweigen vereinbart - in übereinstimmenden Berichten ist allerdings von 20 Millionen Euro die Rede zuzüglich der marktüblichen Bonuszahlungen, die von der Entwicklung des Wechselnden abhängig sind.

"Ein bisschen wehmütig", sagt Schlotterbeck, sei er nach seinem 56. und letzten Pflichtspiel im Trikot der Breisgauer. Die Verlockung, den DFB-Pokal als Abschiedsgeschenk zu gewinnen, war groß, und mit der Führung im Rücken und der Überzahl durch die Rote Karte für Leipzigs Marcel Halstenberg kurz nach dem Seitenwechsel schien auch fast alles für den Sport-Club zu laufen. Es sei "schwer zu akzeptieren", so Schlotterbeck bei Sky, "dass wir verloren haben". Ähnlich dürften es die Freiburger Verantwortlichen empfinden, zumal mit dem Eindruck, eine solch außergewöhnliche Leistung nicht in etwas Briefkopffähiges umgewandelt zu haben.

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Wobei am Ende, und das macht den SC vielleicht zum gar-nicht-so-heimlichen Sieger dieses Abends, das Ergebnis auf lange Sicht gar keine übergroße Rolle zu spielen scheint. Die 30.000 Menschen im Olympiastadion, die es mit den Freiburgern halten, sind mit ihrem Applaus für den unglücklichen Finalverlierer über weite Strecken lauter als der Anhang des Finalgewinners, der vor dem Anpfiff das erstaunlich nichtssagende Großbanner "Rasenballsport Leipzig" ausrollt. Im Freiburger Block steht deutlich ausdrucksstärker: "Einzigartiger Verein - So wie du soll Fußball sein". Zugleich ein unübersehbarer Seitenhieb in Richtung des Gegners, der als Marketingvehikel des Getränkekonzerns eines österreichischen Rechtspopulisten gegründet wurde und mehr Spieler im Kader als stimmberechtigte Vereinsmitglieder hat.

Eine Ehrung erhält Schlotterbeck an diesem Abend dann übrigens doch noch, die ist ihm reichlich egal. Der 22-Jährige wird zum "Man of the Match" gewählt, wie der DFB den Spieler des Spiels nennt, und jede andere Wahl wäre schlicht eine Frechheit gewesen. Schlotterbeck allerdings ist das herzlich egal. Er betont lieber mit Blick auf seinen Abschied vom Sport-Club, dass ihm "der Verein so an Herz gewachsen" sei. Und wer sich dann noch einmal die Bilder anschaut, wie Schlotterbeck von den Fans gefeiert wird, wie er danach aus der Kurve zurück zu seiner Mannschaft und sich die Hände vors Gesicht hält, um vielleicht auch ein paar Tränen zu vergießen, der ahnt: da lohnt es sich, dranzubleiben.

Quelle: ntv.de

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