Fußball

Stunde null in der "Hölle" Die neue Wahrheit des FC Barcelona

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Pierre-Emerick Aubameyang ist Teil des neuen FC Barcelona, zumindest bis zum Saisonende.

(Foto: imago images/Sports Press Photo)

Der FC Barcelona steht vor einer schmachvollen Chance: In der Europa League kämpft der Großklub um einen Titel, den man noch nie gewann und nie gewinnen wollte. Denn man sieht sich natürlich in anderen Dimensionen. Der Wettbewerb ist dennoch ungeheuer wichtig für die Katalanen.

Die Europa League ist ein hochkarätiger Wettbewerb, das gilt insbesondere in diesem Jahr. Mit Borussia Dortmund stößt überraschend der deutsche Vizemeister nach der Gruppenphase dazu, RB Leipzig ist jetzt dabei, der FC Porto, Lazio Rom, der SSC Neapel und viele weitere einstige und aktuelle Topklubs veredeln die K.o.-Phase. Der größte und strahlendste Name im Rennen ist aber der FC Barcelona. Die Spanier sind einer der größten Klubs der Welt mit der spannendsten Vita und einem prallgefüllten Trophäenschrank. Fünfmal gewannen die Katalanen die Champions League (bzw. den Europapokal der Landesmeister), 26 spanische Meisterschaften und 31 nationale Pokalsiege stehen in den Geschichtsbüchern des Großklubs, der in der eigenen Wahrnehmung mehr als ein Klub ("Més que un club") ist. Die Europa League (oder zuvor den UEFA-Cup), die stellte man sich aber noch nie in den Trophäenschrank.

Und sie verkaufen die bittere Rückkehr in den Wettbewerb nach beinahe 20 Jahren auch so. Als Chance, eine Leerstelle in der Klubgeschichte zu füllen. "Auch wenn das Ausscheiden aus der Champions League damit nicht wettgemacht werden kann, so ist es doch eine spannende Herausforderung für das Team", schreibt man auf der Klubseite mit Blick auf das hochspannende Playoff-Hinspiel gegen den SSC Neapel (Donnerstag, 18.45 Uhr/ Live bei RTL+ und im Liveticker auf ntv.de). Es ist eine Trophäe, die der Verein noch nie gewonnen hat, obwohl er schon lange mit dem Wettbewerb in seinen verschiedenen Formen verbunden ist.

Für Barça schlägt Stunde null

Auch wenn man sich tapfer gibt, die gefühlte Wahrheit ist natürlich eine andere. Mit einem frustrierenden 0:3 gegen eine 1b-Version des FC Bayern verabschiedete sich der FC Barcelona im Dezember aus der Champions League in die Europa League. Die heimische Presse beschrieb den Vorgang drastisch: "Ab in die Hölle" ging es laut "AS" für Barça, "Marca" sah den Abstieg als "Untergang". Selbst Trainer Xavi gab sich nach dem desillusionierenden Auftritt blank an Aufbruchstimmung: "Leider sind wir jetzt in der Europa League, die nicht der richtige Ort für uns ist." Der große Mann einer stilprägenden Barça-Generation sah die eigenen Nachfolger ganz unten: "Wir fangen bei null an."

Nun ist es, wie es ist, die "Stunde null" schlägt jetzt. Die Lage des Klubs, der so dramatisch in Schieflage geraten ist, dass sogar der ewige Superstar Lionel Messi unter Tränen von Bord musste, entspannt sich ganz langsam. Sportlich hat Xavi, der im Herbst den glücklosen Ronald Koeman beerbte, zumindest dafür gesorgt, dass die stolzen Katalanen halbwegs stabilisiert sind und die ganz große Depression für den Moment überwunden scheint.

Die Europa League ist daher kein Schaulaufen, kein Ärgernis, sondern eine wichtige Chance, schnell wieder an die prallgefüllten Geldtöpfe der Champions League zu kommen. Seit drei Jahren wird der Europa-League-Champion mit einem Startplatz für die Champions League belohnt. Geld gibt es in der Europa League nicht zu verdienen, zumindest nicht in den Dimensionen, in denen der FC Barcelona denkt. Rund 15 Millionen Euro sind noch drin. Zum Vergleich: Alleine für den Start in eine Champions-League-Saison überweist die UEFA jedem Klub knapp 16 Millionen Euro.

Ein Duell, an dem man wachsen kann

In der Liga hat sich der FC Barcelona inzwischen auf Platz vier vorgearbeitet, dem letzten Rang, der die Champions-League-Qualifikation bedeuten würde. Doch es ist keinesfalls ausgemacht, dass man diesen Platz bis zum Schluss verteidigen kann: Titelverteidiger Atlético Madrid lauert punktgleich im Nacken. Gleichzeitig ist es für die neuformierte Mannschaft mit vielen jungen Spielern auch eine gute Gelegenheit, auf hohem europäischen Niveau Erfahrungen zu sammeln und weiter zusammenzuwachsen. Pedri, Gavi, Nico Gonzalez Araujo und Eric Garcia können in europäischen K.o.-Duellen Erfahrungen sammeln und wachsen. Auch ohne die Champions-League-Hymne als Soundtrack. Mit dem SSC Neapel hat man den wohl schwersten Gegner aus dem Lostopf gefischt. Es ist ein Königsklassen-Duell im Europa-League-Gewand.

Die Europa League ist also immens wichtig, nicht nur wegen der Leerstelle in der Trophäensammlung. Zugeben wird das bei den stolzen Katalanen niemand, aber natürlich geht es weiterhin um Strohhalme, die man greifen muss. Der Verein hatte selbst bestätigt, mit 1,2 Milliarden Euro verschuldet zu sein, ohne die lukrative Champions League wird die finanzielle Gesundung des Klubs nicht signifikant voranschreiten können. Auch wenn Präsident Joan Laporta in den kommenden Tagen einen Deal mit dem Streaminggiganten Spotify verkünden wird, der in den kommenden drei Jahren 280 Millionen Euro in die leeren Kassen spülen wird.

So richtig niedergeschlagen hat sich die miese Kassenlage im gerade geschlossenen Transferfenster allerdings nicht, der Angriff auf die mehrfach interessante Trophäe startet mit einem prominent verstärkten Kader. Vier Neue kamen im Winter. So viele, dass der prominenteste von ihnen gar nicht spielen darf: Dani Alves, 119-facher brasilianischer Nationalspieler und mit dem FC Barcelona dreimaliger Gewinner der Champions League, wurde vom Klub nicht für die Europa League gemeldet. Denn nur drei Neuzugänge dürfen im Winter nachgemeldet werden, so wollen es die Regularien. Stattdessen dürfen die neuen Stürmer Ferran Torres und Pierre-Emerick Aubameyang sowie Flügelstar Adama Traore den auf vielfache Weise wichtigen Titel jagen.

Seit dem Knall läuft der Neuaufbau

Als der FC Barcelona seine letzte Stunde null erlebte, damals im März 2004, als man sich mit einem 0:0 im Camp Nou gegen Celtic Glasgow für 18 Jahre aus dem UEFA-Cup und der Europa League verabschiedete, startete man in die erfolgreichste Ära der Vereinsgeschichte. Lionel Messi stieß 2005 zur ersten Mannschaft, ein Jahr später gewann die große Generation um Xavi, den genialen Andrés Iniesta, Klublegende Carles Puyol und all die anderen den ersten von vier Champions-League-Titeln bis 2015.

Der FC Barcelona stieg über die Jahre aus der eigenen Asche zur bedeutendsten Fußballmannschaft der Welt auf, während man hinter den Kulissen schnell, hart und erfolgreich am eigenen finanziellen Niedergang arbeitete. Das sichtbarste Zeichen des totalen Zusammenbruchs war der Abgang des ewigen Klubidols Lionel Messi vor Saisonbeginn. Man konnte sich den Argentinier, den man all die Jahre mit wahnwitzigen Fantasieverträgen an den Klub gebunden hatte, seit Jahren eigentlich nicht mehr leisten, zum Schluss schoben die Ligaregularien einer Weiterverpflichtung den Riegel vor. Seit dem Knall läuft der Neuaufbau.

Bei Borussia Dortmund, einem weiteren enttäuschten Champions-League-Sieger in der Europa League, haben sie schon eine Haltung zum neuen Wettbewerb entwickelt: "Der Titel fehlt uns auf der Autogrammkarte. Warum nicht dafür kämpfen?", sagte Lizenzspielerchef Sebastian Kehl. Beim FC Barcelona geht es da um sehr viel mehr.

Quelle: ntv.de

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