Fußball

Die Super League wird konkret Die verlogenen Retter des Fußballs

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Real-Präsident Perez.

(Foto: imago images/Manuel Cedron)

Europas Fußball steht vor einem aberwitzigen Einschnitt. Einem Einschnitt, den es so noch nie gegeben hat. Denn zwölf Topklubs wollen eine eigene Superliga gründen und sich damit von allen bestehenden Strukturen emanzipieren.

Ist die Krise des europäischen Spitzenfußballs wirklich so groß, dass es ein Dutzend Robin Hoods braucht, um ihn aus den krustigen Fingern der UEFA zu reißen? Ja, sagen zwölf der größten und reichsten Klubs in Europa - angeführt von Real Madrid - und machen aus der Drohkulisse Super League einfach eine Realität. Sie gründen eine neue, eine eigene Liga. Eine auf höchstem sportlichen Niveau, eine mit dem höchsten Profitstreben. Im August soll es losgehen. Aberwitzig viel Kommerz schlägt absurd viel Kommerz. Schöne neue Rettermission.

In der gemeinsamen Erklärung der Superreichen heißt es: "In den vergangenen Monaten hat ein umfassender Dialog mit den Interessenvertretern des Fußballs über das zukünftige Format der europäischen Wettbewerbe stattgefunden. Die Gründungsvereine sind der Meinung, dass die im Anschluss daran vorgeschlagenen Lösungen grundlegende Probleme nicht lösen. Das schließt die Notwendigkeit ein, qualitativ hochwertigere Spiele und zusätzliche finanzielle Mittel für die gesamte Fußball-Pyramide bereitzustellen. […] Wir haben uns in diesem kritischen Moment zusammengefunden, um den europäischen Wettbewerb zu verändern und das Spiel, das wir lieben, auf eine nachhaltige Basis für seine langfristige Zukunft zu stellen." Edle Retter! Mit verlogenen Motiven.

Die Gründungsmitglieder der Super League

FC Liverpool
Manchester United
Manchester City
Tottenham Hotspur
FC Arsenal
FC Chelsea
Real Madrid
Atlético Madrid
FC Barcelona
Juventus Turin
Inter Mailand
AC Mailand

Schön für die Klubs. Noch schöner für die Fans! Schließlich würden vier Milliarden (!) von ihnen - so bescheiden schätzen die Gründer ihr weltweites Potenzial ein - von den so vielen Topspielen profitieren. Die meisten wohnen wahrscheinlich auf dem amerikanischen und asiatischen Kontinent. Neue Märkte, neue Möglichkeiten. Die Zitrone wird ausgepresst. Die Spieler auch. Denn sie werden noch mehr gefordert. Sie müssen noch mehr spielen (wenn es nicht gar ähnlich zur Euroleague im Basketball sogar zwei Teams in einem Klub gibt), deutlich mehr, als in der bisher stramm getakteten Champions League.

Mehr, deutlich mehr als in der Champions League gibt es für die Klubs in der Super League natürlich auch zu verdienen. Auch zum Abmindern der Pandemie-Folgen. Ein Affront gegen jeden kleineren Klub (gegen jedes Unternehmen)! Was dann auch weniger verlockend als einfach nur dreist ist. Denn schon die Summen in der Königsklasse sind aberwitzig absurd. Und tatsächlich steckt das und nur das dahinter. Es ist eine Erkenntnis, die null Überraschungswert hat. Aber es ist eben eine, die einmal mehr, und vielleicht so deutlich wie nie zuvor entlarvt, woran der Fußball interessiert ist. Nicht an Vorbildfunktion, nicht am politischen Statement (siehe Boykott-WM-Katar-Debatte), nicht an gesellschaftlicher Verantwortung. Das gilt indes nicht nur die "Zwölf", sondern auch für die großen Verbände.

Was bringen die Sanktionen?

Denn nun hat sich aber auch die durch die Pläne brüskierte UEFA in den vergangenen Jahren nicht durch Demut und Zurückhaltung beim Thema Geld und Gier ausgezeichnet. So etwa auch durch ihre Kompromisslosigkeit bei mindestens umstrittenen Entscheidungen. Wenn sie nun also gegen die Pläne eskaliert, dann ist auch das mit Vorsicht zu betrachten. Dass sie aber wütend ist, das ist ihr gutes Recht. Denn nicht nur der neue Wettbewerb düpiert den europäischen Fußballverband, auch der Zeitpunkt ist eine Frechheit aus Sicht der UEFA. Denn am Tag nach der Gründung (am Sonntagabend) will der Verband seine Pläne zur Reform der Champions League vorstellen: noch mehr Teams, noch mehr Spiele, noch mehr Geld. Die Reform ist auch ein Entgegenkommen an jene Klubs, die sich nun umorientieren.

Dass sich der FC Bayern und Borussia Dortmund klar gegen die Pläne stellen und sich zur (Reform der) Champions League bekennen, das darf und muss unbedingt erwähnt werden. Auch, wenn für beide Klubs natürlich ein Platz in der schönen neuen Fußballwelt freigehalten wird. Dennoch: In Zeiten der Pandemie, in Zeiten, in denen der Fußball mehr Demut zeigen wollte, ist das zumindest ein kleinstes Zeichen der Solidarität.

Denn die Eskalation, die nun droht, wenn die Super League bis zum tatsächlichen Anpfiff durchgeboxt wird, ist verheerend. Ungeachtet, ob die Sanktionen der UEFA und ihrer nationalen Verbände juristisch dann wirklich haltbar sind: Ausschluss der Vereine aus den nationalen Ligen, Ausschluss von den internationalen Wettbewerben (auch bereits in dieser Saison, sonst ist es ja eh egal für die Klubs) und ein Verbot für die Spieler, an den Großturnieren EM und WM teilzunehmen!

Die Klubs haben sich bereits in Stellung gebracht und wollen die Drohungen der UEFA und der FIFA nicht so hinnehmen. Sie meinen es tatsächlich ernst. Die Folgen für die nationalen Ligen sind ihnen damit egal. Dass die Attraktivität des nationalen Wettbewerbs leidet, es schert sie nicht. Solidarität? Von wegen. Die angekündigten Solidaritätszahlungen - ein vergiftetes Zuckerl für die nationale Konkurrenz die natürlich noch weiter abgehängt würde. Die ohnehin schon manifestierten (langweiligen) Verhältnisse würden endgültig zementiert.

"Die Profiteure sind die Hedge-Fonds"

Joel Glazer, Co-Vorsitzender von Manchester United und Vize-Präsident der Super League sagt: "Die Super League wird ein neues Kapitel für den europäischen Fußball aufschlagen. Sie bringt außerdem höhere finanzielle Zuwendungen, die der gesamten Fußball-Pyramide zugutekommen." Aber sehr wahrscheinlich eben nicht sehr gerecht. Schließlich müssen einige Gründer erstmal ihre unfassbaren Schulden tilgen (auf Pump gekaufter Erfolg). Robin Hood muss eben sehen wo er bleibt. Vor allem wenn er zwölf Mal daherkommt, am Ende sogar 20 Mal. So viele Klubs sollen es ja werden.

Florentino Perez, Präsident von Real Madrid und 1. Vorsitzender der Super League, sagt: "Wir werden dem Fußball auf jeder Ebene helfen und ihn an seinen rechtmäßigen Platz in der Welt bringen. Fußball ist die einzige globale Sportart mit mehr als vier Milliarden Fans, und unsere Verantwortung als große Vereine ist es, auf ihre Wünsche einzugehen." Ein Satz, der die ganze Verlogenheit der Retter des Fußballs entlarvt. Belegt durch die ablehnenden bis vernichtenden Reaktionen aus Politik, Fußball und Fan-Kreisen.

In ihrem "Kampf" steht die UEFA also nicht allein. Die sonst so zerstrittenen Vertreter aus den verschiedenen Lagern haben sich zusammengefunden. Neben dem Weltverband FIFA machen die großen Verbände wie der Deutsche Fußball-Bund, die wichtigsten Ligen wie die Deutsche Fußball-Liga und die Fangruppierungen gemeinsam Front.

Wie groß der Frust angesichts dieses irren Größenwahns ist, hat die europäische Vereinigung "Football Supporters Europe" bereits am Sonntagabend in einem Statement veröffentlicht: "Die einzigen, die davon profitieren, sind Hedge-Fonds, Oligarchen und eine Handvoll bereits reicher Klubs, von denen viele in ihren heimischen Ligen trotz ohnehin vorhandenen Wettbewerbsvorteils schlecht abschneiden." Tja, so ist es. Und hier nochmal in Zahlen, die Summe die in der Super League an die iteilnehmenden Vereine ausgeschüttet werden soll in Euro: 3.500.000.000! Hate Fact: Künftig bekommen die Klubs als Antrittsprämie für die Super League das, was der aktuelle Sieger der Königsklasse bekommt. Was für edle Retter!

Quelle: ntv.de

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