Fußball

Zuschauergarantie trotz Corona Die UEFA versteht das Virus nicht

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Aleksander Ceferin, UEFA-Boss und Visionär.

(Foto: imago images/PA Images)

Die Fußball-EM in diesem Jahr findet statt. Daran lässt die UEFA keinen Zweifel. Sie lässt auch keinen Zweifel daran, dass die Spiele vor Zuschauern ausgetragen werden sollen. Dass sie dafür aber eine Garantie von den Spielorten haben will, ist weltfremd.

Was der Politik (noch) nicht gelingt, das will nun die Europäische Fußball-Union (natürlich auch aus wirtschaftlichem Eigeninteresse) schaffen: Sie will den Menschen, zumindest denen, die dem Fußball zugetan sind, Normalität schenken. Sie will alle Partien der EM im Sommer unbedingt vor Zuschauern austragen lassen. An jedem der zwölf Standorte.

Das ist angesichts der dritten Corona-Welle, die mit immer stärker werdender Wucht über Europa rollt, schon reichlich absurd. Noch absurder wird es indes durch die Forderung, dass jede Stadt, in der gespielt werden soll, garantieren muss, dass Fans ins Stadion kommen. Alles andere ist nicht zu akzeptieren. Aleksander Ceferin, der Verbandsboss, hat das so gesagt! Dabei ist doch eine Lehre aus dieser Pandemie, und das gilt längst nicht nur für den Fußball: Wer Garantien fordert, der hat dieses Virus nicht verstanden.

Interessant vor dem Hintergrund der Ansage: Das Exekutivkomitee der UEFA hatte vor drei Wochen entschieden, die U19-Europameisterschaften der Männer und Frauen aufgrund der Pandemie und deren Auswirkungen auf die Ausrichtung von Turnieren abzusagen. In der Begründung hieß es: "Bei seinem Beschluss wurde der Tatsache Rechnung getragen, dass sich Reisen der Mannschaften sowie die Ausrichtung von Miniturnieren vor dem Hintergrund der aktuell bestehenden staatlichen Beschränkungen als sehr schwierig erweisen würden." Nun ist es so: Mit der U19-EM verdient die UEFA kaum Geld, im Gegensatz zur Männer-EM.

Seriöse Entscheidung ist nicht zu treffen

Der aktuelle Vorstoß von Ceferin ist nicht nur deshalb eigensinnig und ignorant. Während die meisten Länder in Europa auf dem schmalen Grat zwischen Lockdowns und Öffnungsplänen wandeln, will die UEFA bis zum 20. April eine endgültige Entscheidung von den Ausrichtern haben. Dabei sollen sich die Orte dazu bekennen, welche Form der Auslastung in den Stadien vorstellbar ist. Dafür gibt es ein Vierstufen-Modell. Die letzte Stufe: keine Zuschauer. Die Konsequenz: keine EM. Eine vernünftige Begründung für diesen Druck gibt es nicht. Es ist ein Druck, der die Städte ins Dilemma zwischen Aufgabe oder verantwortungslosem Handeln zwingt.

Angesichts von stark steigenden Inzidenzzahlen, von Virus-Mutationen und unvorhersehbaren Problemen beim Impfen, wie das aktuelle Beispiel des Vakzins Astrazeneca zeigt, ist eine seriöse und sinnvolle Entscheidung über Fans in den Arenen aktuell nicht zu treffen. Unter keinen Umständen. Dass erste Städte wie München bereits mitteilen, dass sie kein Verständnis für das Gebaren der UEFA haben, ist allzu verständlich und mutig.

Und sollten Städte wie München nun freiwillig zurückziehen, wäre das aus pandemischer Perspektive höchst wünschenswert. Je mehr Orte sich von den paneuropäischen Spielen zurückziehen, desto sinnvoller ist das für die Eindämmung des Virus. Immer wieder haben Experten das Reisen als großen Pandemietreiber ausgemacht. Und immer wieder hat ausgerechnet der Fußball diese These belegt. Denn wie oft kamen nach Reisen zu Länderspielen Nachrichten über neue Corona-Infektionen.

Doch nur ein Austragungsort?

Dass im Sommer 24 Nationalmannschaften mitsamt ihrer großen Betreuerstäbe quer durch Europa und bis nach Aserbaidschan fliegen - eigentlich unfassbar. Trotz aller sicher sehr gut durchdachten Hygienekonzepte. Wie anfällig so eine Blase trotzdem sein kann, das hat gerade erst wieder die Handball-WM in Ägypten gezeigt. Zum nächsten Stresstest werden zunächst die kommenden Länderspiele in der WM-Qualifikation Ende März sowie die Gruppenphase der U21-EM vom 24. bis zum 31. März in Ungarn und Slowenien. Beide Länder werden durch das Robert-Koch-Institut derzeit als "Hochinzidenzgebiete" ausgewiesen.

Ein sehr realistischeres Szenario ist tatsächlich die Konzentration des EM-Turniers auf ein Land, auf eine Region. So hat Großbritannien bereits angedeutet, alle Spiele ausrichten zu können. Auch mit Zuschauern. Angesichts der Erfolge und großen Fortschritte beim Impfen und des angekündigten Endes aller Corona-Maßnahmen im Sommer wären Pläne in diese Richtung immerhin verantwortungsvoll. Ob sie sinnvoll sind, nun, das weiß aktuell niemand.

Quelle: ntv.de

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