Fußball

BVB ist da, wenn Bayern patzt Hassfigur Marco Reus zerlegt Union Berlin

274447456.jpg

Marco Reus könnte bald Dortmunder Rekordtorschütze sein.

(Foto: picture alliance / Dennis Ewert/RHR-FOTO)

Es kracht bei Borussia Dortmund- darüber kann auch der Transfer von Niklas Süle nicht hinwegtäuschen. Alles wird hinterfragt: der Trainer, der Kapitän, der Kader und der Sinn des Daseins. Das Spiel gegen Union Berlin ist wegweisend. Der BVB gewinnt souverän. Marco Reus überragt. Alles gut jetzt?

Die Grauen der Vorwoche schwebten über Borussia Dortmund, als sie an diesem wunderbaren frühlingshaften Sonntag in der Alten Försterei in Berlin-Köpenick aufs Spielfeld liefen. Nach dem 2:5 gegen Bayer Leverkusen und dem Verlust der Deutschen Meisterschaft hatte es in Dortmund mal wieder gekracht. Die Demütigung im eigenen Stadion war ein derartiger Tiefschlag, der sogar Zweifel am Favoritenstatus im Spiel bei Union Berlin säte. Umso überraschender war die Reaktion der Borussia. Mit einem überzeugenden 3:0 (2:0) meldete sich der BVB zurück unter den Lebenden - und nach Bayerns desolatem Auftritt in Bochum sogar ein ganz kleines bisschen zurück im Meisterschaftskampf.

"Das tut sehr gut", sagte der zweifache Torschütze Marco Reus nach dem Spiel bei DAZN. Er blickte direkt in die wutverzerrten Gesichter der Union-Fans, die sich nur wenige Meter von ihm entfernt an der Bande aufgebaut hatten. Sie beschimpften ihn als "Penner" und wüteten minutenlang gegen den Dortmunder Kapitän, dem sie eine Elfmetersituation aus dem vergangenen April nicht verziehen haben. Aber Reus blieb cool und freute sich viel mehr über den ersten Dortmunder Sieg in der Alten Försterei im dritten Anlauf. "Wir wollten diesen Kampf annehmen. Das haben wir hier in den letzten Jahren zu selten getan", sagte er, während das Stadion dann Hass über ihn auskübelte.

Unter der Woche war die Stimmung in Dortmund am Boden. Zwar konnte mit dem Niklas-Süle-Coup nach außen zumindest ein wenig Ruhe im Klub vorgespielt werden, doch intern war man von der Leistung beim 2:5 gegen Bayer Leverkusen alles andere als getan. Da krachte es heftig. Die "Süddeutsche Zeitung" sparte nicht mit an Kritik an Trainer Marco Rose, dem es in dieser Saison bislang nicht gelungen sei, seine Vorstellung vom idealen Fußball an den Kader anzupassen.

Der Chefscout auf dem Weg nach Berlin

Das Beharren auf das hohe Pressing, die fehlende Absicherung im defensiven Mittelfeld sei ein Grund für die unzähligen Gegentreffer in dieser Spielzeit. Unter der Woche fiel auch immer wieder der Name Robert Andrich, der im vergangenen Sommer die Alte Försterei nicht in Richtung Dortmund, sondern in Richtung Leverkusen verlassen hatte. In den lokalen Medien wurden unterdessen die alternden Stars Mats Hummels und Marco Reus infrage gestellt. Schon vorher war immer mal wieder von Unstimmigkeiten im Kader zu hören. Von verschiedenen Spielern, die Zweifel an den Führungspersönlichkeiten der Mannschaft äußerten. Die sich daran störten, dass den Worten nur noch selten Taten folgten. Unruhe also. Die nach einer Klatsche wie gegen Leverkusen auch kaum noch unter den Teppich gekehrt werden konnte.

Kein Stimmungsaufheller war mit Sicherheit auch die Nachricht, dass der Tabellenzweite im Sommer mit Chefscout Markus Pilawa einen wichtigen Mitarbeiter verlieren könnte. Bereits im vergangenen Oktober kam es im Rahmen eines Zukunftsworkshops zu einem Treffen zwischen Pilawa und Hertha BSC. Der 44-Jährige gilt als Favorit auf die Nachfolge von Sportdirektor Arne Friedrich. In Dortmund bereitet man sich auf den Abschied des Scouts vor. Noch ist unklar, ob und wie Pilawa ersetzt werden könnte. Pilawa hatte sich in Dortmund Hoffnungen gemacht, Michael Zorc zu ersetzen. Der hört im Sommer bekanntlich auf und wird vom ehemaligen BVB-Kapitän Sebastian Kehl abgelöst werden, und eben nicht vom aktuellen Chefscout. In Dortmund hält man weiterhin große Stücke auf Pilawa, doch sind mit Blick auf die BVB-Transferbilanz in den vergangenen Jahren auch Zweifel zu vernehmen.

Und dann war da noch die Personalie Erling Haaland, der zwar immer noch nicht zurück auf dem Platz ist, der aber weiterhin von außen für Unruhe sorgt. Vielleicht nicht einmal, weil er es will, sondern vielmehr, weil Abgänge dieser Natur immer für Unruhe sorgen. In Berlin ging es also mal wieder um die Zukunft dieses stets manisch-depressiv daherkommenden Ruhrpott-Giganten.

Reus bald Rekordtorschütze

Umso erstaunlicher also, mit welcher Leichtigkeit die Dortmunder die unruhige Vorwoche in Berlin abschütteln konnte. Dabei war ihnen bei den zwei bisherigen Auftritten in der Alten Försterei wenig eingefallen. Zwei Niederlagen und fünf Gegentore standen vor diesem Sonntag zu Buche. Wenig sprach dafür, dass dem BVB der erste Bundesliga-Sieg bei Union Berlin gelingen würde. Nach den Ausfällen von Thomas Meunier und Marius Wolf stand Rose ohne Rechtsverteidiger da. In Ermangelung an Alternativen war Innenverteidiger Manuel Akanji, um den sich England-Gerüchte ranken, die Alternative auf der Außenposition. Auch Gio Reyna hatte passen müssen, der Belgier Thorgan Hazard war gar aus Leistungsgründen aus dem Kader gestrichen worden. Auf der Gegenseite musste Union-Trainer Urs Fischer auch wegen mehrerer Corona-Fälle gleich fünfmal im Vergleich zum 0:2 in Augsburg umstellen.

Doch der wichtigste Union-Spieler fiel nicht aufgrund eines Corona-Falls aus, sondern aufgrund seines Wechsels zum VfL Wolfsburg. Der Abgang des Freigeists Max Kruse schmerzt die Eisernen sichtlich. Mit Sven Michel wurde zwar schnell ein Nachfolger präsentiert, doch ersetzen kann der Ex-Paderborner den "Zocker" Kruse nicht. Dessen Kreativität und dessen Überraschungsmomente fehlten Union an allen Ecken und Ende und so war es der von den 10.000 Fans in der Alten Försterei schon weit vor dem Spiel ausgepfiffene Marco Reus, der das Spiel prägte.

Die Dortmunder Nummer 11 drehte auf, dirigierte die Offensivbewegungen seiner Mannschaft und traf, gleich doppelt. Es waren seine Pflichtspieltreffer 150 und 151 für den BVB, nur noch acht fehlen ihm jetzt auf zum Rekordtorschützen Manfred Burgsmüller und sieben auf Michael Zorc, einem seiner Vorgänger als Kapitän, und wie Reus ein gebürtiger Dortmunder. Der in der Kritik stehende Nationalspieler arbeitet weiter an seinem Legendenstatus. Der dem Verein in der aktuellen Situation natürlich wenig hilft. Aber "Mister 1:0" traf. Erst, in der 18. Minute, zum 1:0, und dann sieben Minuten später zum 2:0. Da war Reus plötzlich "Mister 2:0" Zum ersten Mal in dieser Saison gelang ihm ein Doppelpack.

Borussia hatte Unions rechte Abwehrseite als Schwachstelle ausgemacht, attackierte auch angetrieben vom umtriebigen, aber abschlussschwachen Donyell Malen immer wieder über die eigene linke Seite und fand so die Löcher in Unions Abwehrseite. Reus genoss das Berliner Publikum sichtlich, signalisierte ihnen nach seinem zweiten Treffer, dass er die Pfiffe wahrgenommen hatte.

Was für Reus jetzt wichtig ist

Die Gastgeber hatten dem Dortmunder Spiel wenig entgegenzusetzen, kamen zwar energischer und mit Interesse am eigenen Torerfolg aus der Pause, konnten sich jedoch nie entscheidend in Szene setzten. Der BVB agierte kontrolliert, wollte nicht jeden Konter ausspielen, lieber Ballverluste vermeiden und den Köpenickern nicht die Chance überlassen, mit langen Bällen die Dortmunder Abwehr auszuhebeln.

Stattdessen kam der BVB durch Guerreiro noch zu einem dritten Treffer. Die prompte Antwort von Union, das 1:3 aus Berliner Sicht durch Kevin Möhwald, wurde vom sonst guten Schiedsrichter Matthias Jöllenbeck nach Begutachtung der Videobilder aufgrund eines Foulspiels zurückgenommen. Eine kontroverse Entscheidung, die von den Tribünen mit "Schieber, Schieber" bedacht wurde. Es blieb beim 3:0 für Borussia Dortmund und einer überraschenden Erkenntnis.

Zweimal hatten die Bayern in dieser Saison an einem Spieltag mit einer Pleite vorgelegt und zweimal hatte der BVB den Patzer ausnutzen können. Auf Bayerns Niederlage in Augsburg folgte Dortmunds 2:1 gegen Stuttgart und das 1:2 des Rekordmeisters gegen Borussia Mönchengladbach beantworteten die Dortmunder mit einem 3:2 in Frankfurt. Eine ungewöhnliche Statistik für eine Mannschaft, über der immer der Hauch des Versagens schwebt. Doch wieder waren sie da, als die Bayern patzten.

Nach fünf Spieltagen in der Rückrunde hat der BVB den Bayern drei Punkte abgeknöpft, ist mal wieder nur noch sechs Punkte hinter dem ewigen Meister. Für ganz oben mag es auch in diesem Jahr nicht reichen, doch der überzeugend herausgespielte Sieg befriedet Dortmund für den Moment. "Jetzt ist es wichtig, dass wir den Sieg auch mal genießen. Dass wir den ganzen Frust, den wir uns beim letzten Spiel und unter der Woche aufgebaut haben, hier rauslassen konnten. Wir hatten eine sehr, sehr unruhige Woche", sagte Reus, und damit lag er wohl sehr richtig.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen