Fußball

Hundertwasser baut Fertighäuser Klinsmann pfeift auf Fußball mit der Hertha

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Geschafft: Jürgen Klinsmann.

(Foto: dpa)

Jürgen Klinsmann feiert mit Hertha BSC den ersten Sieg in der Bundesliga. Alles andere ist egal, ordentlicher Fußball zum Beispiel. Bei den visionären Ambitionen des Trainers ist das so, als hätte einer den Künstler Friedensreich Hundertwasser gezwungen, Fertighäuser zu bauen.

Da war er endlich, sein erster Sieg. Und Jürgen Klinsmann? Der Trainer von Hertha BSC strahlte, ballte kurz beide Hände zu Fäusten, umarmte seinen Assistenten Alexander Nouri, er schüttelte Hände, er klatschte ab und machte sich flugs auf den Weg in die Kabine. Mit 1:0 (0:0) hatte seine Mannschaft am Samstagnachmittag gegen den SC Freiburg gewonnen. Es war ein schmuckloser Sieg in einem verkrampften Spiel, aber es war genau das, was er und die Berliner gebraucht hatten. Der ehemalige Freiburger Vladimir Darida hatte, nach einem Doppelpass mit dem Kollegen Davie Selke, acht Minuten nach der Pause in seinem 100. Ligaspiel für die Hertha das Tor erzielt, ein schöner Schuss aus 20 Metern in einer hässlichen Partie, quasi aus dem Nichts wie es in der Sprache der Fußballer heißt.

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Angefressen: Christian Streich.

(Foto: imago images/Nordphoto)

Mit den drei Punkten klettern die Berliner an diesem 15. Spieltag der Bundesliga zwei Plätze auf Rang 13, da der 1. FSV Mainz und der SV Werder Bremen ihre Spiele gegen Borussia Dortmund und beim FC Bayern klar verloren. Hauptsache gewonnen. Alles andere, ordentlicher Fußball zum Beispiel, ist den Herthanern im Kampf gegen den Abstieg egal. Das haben sie nicht exklusiv. Aber gemessen an Klinsmanns visionären Ambitionen ist das in etwas so, als hätte jemand den Künstler und Architekten Friedensreich Hundertwasser gezwungen, Fertighäuser zu bauen.

Freiburgs Trainer Christian Streich fasste die Partie treffend zusammen: "Das war ein Spiel, wo man schon gesehen hat, dass Hertha in der letzten Zeit nicht so viele Erfolgserlebnisse hatte. Und wir waren nicht in der Lage, daraus Profit zu schlagen." Daher sei er schon arg angefressen. "Wir sind sehr enttäuscht, weil wir dieses Spiel niemals hätten verlieren dürfen." Aber im letzten Drittel vor des Gegners Tor sei sein Team "fußballerisch einfach nicht gut genug" gewesen. Immerhin stehen die auswärtsschwachen Freiburger noch auf Rang sechs und damit auf einem Europapokalplatz. Klinsmann mochte seinem Kollegen, den er nach der Pressekonferenz herzlich umarmte, nicht direkt widersprechen.

Immerhin, die Tendenz zeigt nach oben

Seine Mannschaft hatte meist tief gestanden, dem Gegner den Ball überlassen, wenig bis nichts riskiert - und am Ende doch gewonnen. "In unserer Situation geht es nur über Kampf, über Aufopferungsbereitschaft, Kameradschaft und Kompaktheit." Und am Ende sei es so gewesen: "Gott sei Dank hat sich der Vladi ein Herz gefasst und ein wunderschönes Tor erzielt." Damit ist die Geschichte dieses Spiels im Grunde erzählt, mit dem die Herthaner die vierte Heimniederlage hintereinander vermieden - und damit die Einstellung eines Vereinsnegativrekords in der Bundesliga. Und Klinsmann? Er versteht sich ja als Visionär, als Erneuerer, als Macher. Er hat große Ziele, die sich mit denen des Investors decken.

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Sein Mann sitzt auf der Trainerbank: Investor Lars Windhorst am Samstag im Olympiastadion.

(Foto: imago images/Contrast)

Lars Windhorst hat sich seit dem Sommer für 224 Millionen Euro knapp die Hälfte der Profiabteilung des Vereins Hertha BSC gekauft und Klinsmann Anfang November in den Aufsichtsrat beordert. Der sprach davon, Hertha sei das "spannendste Fußballprojekt Europas". Keine drei Wochen später entließen die Berliner Trainer Ante Covic, Klinsmann übernahm. Er tut das mit dem ihm eigenen Optimismus, lächelt unentwegt alle Probleme weg und scheute sich nicht vor gewagten Vergleichen. Den Fans des Klubs attestierte er ein Potenzial auf Topniveau.

Er glaube, dass die Identifikation mit dem Klub "genauso sein kann und vielleicht auch schon so ist, wie du sie in Liverpool fühlst, wenn du durch Liverpool gehst". Dass Hertha gegen Freiburg mit nur 40.000 Zuschauern kalkulierte, mochte er nicht glauben. "Das geht ja gar nicht." Viel mehr müssten es doch sein bei so einem wichtigen Spiel. Es kamen 37.343 Besucher an diesem ungemütlichen Dezembernachmittag ins zugige Olympiastadion, das damit halb leer blieb. Viele pfiffen zur Halbzeit lautstark, hinterher aber waren die meisten von ihnen prächtig gelaunt. Nach dem 1:2 gegen Borussia Dortmund und dem 2:2 bei Eintracht Frankfurt saß der Visionär Klinsmann zum dritten Mal auf der Bank. Dass er dort als Pragmatiker gefragt ist, ist ihm durchaus klar. "Wir brauchen unbedingt drei Punkte", hatte er vorher gesagt. "Wir brauchten die drei Punkte", sagte er hinterher.

"Wenn man schlecht spielt, kommen solche Sachen."

Das Vokabular eines Abstiegskämpfers beherrscht er also auch. Und es lässt sich nicht leugnen, dass die Tendenz nach oben zeigt. Viel einfacher wird es bis zu Winterpause allerdings nicht. Am Mittwoch geht es (ab 18.30 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) zu Bayer 04 Leverkusen, und am Samstag drauf, drei Tage vor Heiligabend, kommt mit Borussia Mönchengladbach die Mannschaft nach Berlin, die zurzeit die Tabelle der Liga anführt. Und wo wir schon einmal dabei sind: Zum Rückrundenauftakt am 19. Januar kommenden Jahres gastiert der FC Bayern München im Olympiastadion.

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"Ich bin zu lange dabei": Vedad Ibisevic.

(Foto: imago images/Jan Huebner)

Um gerüstet zu sein, hat Klinsmann den Urlaub gekürzt. Das bestätigte der Verein am Samstag. Nun müssen die Profis schon wieder am 29. Dezember trainieren. Ursprünglich sollten sie bis zum 2. Januar freihaben. Kapitän Vedad Ibisevic, der überraschend in die Startelf rutschte und mit Selke eine wenig wirkungsvolle Doppelspitze im Angriff bildete, gab vor, das zu verstehen: "Ich bin zu lange dabei. Ich weiß, dass das eine mit dem anderen zusammengeht: Wenn man schlecht spielt, kommen solche Sachen."

Und Klinsmann? Kam nicht los von seinen drei Punkten. Für die Mannschaft seien die nämlich enorm wichtig. "Jetzt geht es alles ein bisschen einfacher, es geht leichter, die Köpfe werden leichter." Und das sei, so hofft der Trainer, die Voraussetzung dafür, dass seine Spieler in Zukunft nicht mehr so nervös seien und nicht so viele Fehler machten, "die eigentlich nicht normal sind". Schritt für Schritt wolle man sich nun aus dem Keller hocharbeiten. Dann würden die Fans auch nicht mehr pfeifen und zahlreicher erscheinen. Vor allem aber sei er froh, "dass wir jetzt hier sitzen und die drei Punkte haben". Hier spricht der Pragmatiker.

Quelle: ntv.de