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Jung und hungrig nach Erfolg: Der künftige Leipzig-Coach Julian Nagelsmann.
Jung und hungrig nach Erfolg: Der künftige Leipzig-Coach Julian Nagelsmann.(Foto: AP)
Samstag, 23. Juni 2018

Ein Typ nach Rangnicks Geschmack: Nagelsmann ist der perfekte RB-Coach

Von Ullrich Kroemer, Leipzig

RB Leipzig kann sich durch den künftigen Trainer Julian Nagelsmann mittelfristig perfekt weiterentwickeln und umgekehrt. Weshalb die ehrgeizige Liaison zwischen Trainer-Jungstar und dem Klub eine Traum-Verbindung ist.

Dietmar Hopp soll am Mittwoch nach ntv.de-Informationen noch einmal alles versucht haben, um Julian Nagelsmann doch noch umzustimmen. Aber die Entscheidung des 30-Jährigen, Hopps TSG Hoffenheim im kommenden Sommer zu verlassen, war bereits gefallen und unumstößlich. Tags darauf verkündete zunächst Hoffenheim Nagelsmanns Abschied im kommenden Sommer und kurz darauf RB Leipzig die Verpflichtung des begehrten Trainers für 2019.

Kehrt Ralf Rangnick nochmal zurück auf die Coaching-Bank?
Kehrt Ralf Rangnick nochmal zurück auf die Coaching-Bank?(Foto: dpa)

Für Rasenballsport ein Trainer-Transfer-Coup, der ein deutliches Signal an die Topklubs der Liga sendet und sogar europaweit ein Ausrufezeichen setzt. Schließlich hatte Nagelsmann Begehrlichkeiten in München, Dortmund und zuletzt sogar bei Real Madrid geweckt. Dass nun RB Leipzig den Zuschlag erhielt - aufgrund der klaren Spielphilosophie und der Perspektive des Klubs, wie es aus Vereinskreisen heißt -, ist durchaus überraschend. Für die Leipziger ist Nagelsmanns Bekenntnis mittelfristig gesehen wohl der entscheidende Baustein überhaupt in der Weiterentwicklung des Klubs.

Leipzigs Sportdirektor Ralf Rangnick und Klubboss Oliver Mintzlaff, die die Gespräche mit Nagelsmann und dessen Berater Marc Kosicke führten, ist diese Verpflichtung so wichtig, dass sie sogar ein Jahr auf den Trainer-Jungstar warten bis dessen Ausstiegsklausel greift und Nagelsmann für eine Ablöse von fünf Millionen Euro gehen kann. Bis dahin sollen entweder Rangnick höchstpersönlich oder Jesse Marsch von Schwesterklub New York Red Bulls die Saison gemeinsam mit Co-Trainern aus dem RB-Nachwuchs überbrücken. Die Gründe, die Julian Nagelsmann so wertvoll für RB Leipzig machen:

1. Spielphilosophie: Nagelsmann hat den Pressing-Gegenpressing-Fußball von der Pike auf gelernt und seit seinen Anfängen als blutjunger Trainer verinnerlicht. Zunächst als Nachwuchs-Co-Trainer unter Thomas Tuchel bei 1860 München, seit 2010 bei der TSG Hoffenheim. Als Bundesligacoach steht der jüngste Cheftrainer der Ligahistorie für ein kompaktes, gut organisiertes Abwehrnetz - mal höher, mal tiefer postiert - und ein geradliniges Spiel nach vorn. In vielen Spielen der abgelaufenen Saison verordnete Nagelsmann seinem Team genau die richtige Dosis zwischen Ballbesitz (50,6 Prozent) und Konterspiel.

Ralph Hasenhüttl hat eine Spielidee, die Ralf Rangnick offenbar nicht passte.
Ralph Hasenhüttl hat eine Spielidee, die Ralf Rangnick offenbar nicht passte.(Foto: imago/Contrast)

Dass Ex-Leipzig-Trainer Ralph Hasenhüttl von der reinen Rangnick’schen Lehre abgerückt war, sich das Team in der vergangenen Saison durch zu viel Ballbesitz festspielte und unter anderem von Nagelsmanns Hoffenheimern überrannt wurde, sorgte für Dissenz zwischen Trainer und Sportdirektor. Nagelsmann setzt klarer auf Balleroberung und schnelles Umschalten mit strukturiertem Positionsspiel und perfektem Passspiel (81,5 Prozent). Mit 1,71 Punkten pro Bundesligaspiel ist der gebürtige Landsberger der erfolgreichste aktuelle Bundesligatrainer. In der Ligahistorie seit 1963 rangiert er auf Rang 14. Im Training setzt Nagelsmann in Hoffenheim mindestens ebenso detailversessen und akribisch wie die Leipziger auf modernste Trainingstechnik und -methodik.

2. Alter und Status: Julian Nagelsmann wird zwar erst 31 Jahre sein, wenn er bei RBL seinen Dienst antritt. Doch das Ausnahme-Trainertalent wird dann bereits zehn Jahre im Job sein. Das konnte in dem Alter nicht einmal Ralf Rangnick vorweisen. Zudem kann Nagelsmann dann bereits zwei Jahre Europapokal-Erfahrung vorweisen - nicht unerheblich, wie die abgelaufene Saison bei RB gezeigt hat. Dass Nagelsmann so jung ist, hilft ihm im Umgang mit dem jüngsten Kader der Liga. Aufgrund seines Status’ als begehrtester Jung-Trainer Europas kann Nagelsmann in Kombination mit Rangnick dazu beitragen, begehrte Spieler anzuziehen.

3. Außendarstellung und Wirkung: Der 1,89 Meter große ehemalige Abwehrspieler verbindet lockeres, emotionales und witziges mit forschem, selbstbewusstem und enorm ehrgeizigem Auftreten. Doch Nagelsmann wirkt dabei immer frei, nie verkrampft. Was seine rhetorischen Fähigkeiten angeht, ist er mindestens ebenso gut, überzeugend und schlagfertig wie Vorgänger Hasenhüttl - im Umgang mit seinen Spielern ebenso wie mit der Öffentlichkeit. Zu den Spekulationen über seinen möglichen Wechsel zu Bayern München sagte er 2017: "Ich bin in ganz engem Austausch mit Ralph Hasenhüttl und Thomas Tuchel. Wir einigen uns noch, wer Co-Trainer und wer Cheftrainer wird nächstes Jahr." Für den umstrittenen und bisweilen zu bürokratischen Leipziger Klub ist es für die Außendarstellung immens wichtig, einen Sympathieträger und authentischen Trainer-Typ zu beschäftigen.

4. Der Rangnick-Faktor: Nagelsmann weiß, worauf er sich einlässt. Zu Hasenhüttl pflegte der Trainer des Jahres 2017 einen engen, fast freundschaftlichen Draht. Beide werden sich auch über die Arbeitsbedingungen bei RB ausgetauscht haben. Und auch Rangnick kennt Nagelsmann bereits aus gemeinsamen Tagen in Hoffenheim persönlich. 2010 wechselte er unter Rangnicks Führung ins Kraichgau. Dort arbeiteten zwar beide nur noch ein halbes Jahr zusammen. Doch seither schätzen sich die beiden ähnlich tickenden Fußballexperten. "Natürlich sind die Anfänge (unter ihm) hier noch zu spüren. Der Name wird hier nie gelöscht, dafür sind seine Verdienste zu groß", sagte Nagelsmann der "Süddeutschen Zeitung" in Bezug auf Rangnick. Zudem ist Nagelsmann jung und klug genug, um von dem fast doppelt so alten Sportdirektor Ratschläge anzunehmen, damit er sich als Trainer weiterentwickelt.

Fazit: Julian Nagelsmann ist völlig zu Recht RB Leipzigs absoluter Wunschtrainer. Ein echter Trainer-Typ, dessen Strahlkraft und Expertise mit der von Ex-Chefcoach Ralph Hasenhüttl mindestens mithalten kann und perfekt ins Leipziger System passt. Riskant ist für beide Seiten lediglich die zu überbrückende Zeit bis zur Zusammenarbeit im Sommer 2019, da sich aktuell noch nicht absehen lässt, welche Unwägbarkeiten durch die ungewöhnliche Konstellation noch entstehen.

Quelle: n-tv.de