Fußball

Bayern-Verfolger vor Umbruch Nagelsmann lässt Leipzig kräftig beben

Julian Nagelsmann verlässt RB Leipzig und geht zum FC Bayern. Nicht nur der Trainer geht, auch Sportdirektor Markus Krösche verlässt den Klub. Welche Auswirkungen haben diese Abgänge auf Ambitionen, Kader, Spielstil und Machtgefüge des Fußball-Bundesligisten?

Julian Nagelsmann liebt die Bühne auf dem Pressepodium von RB Leipzig eigentlich. Es gibt wohl keinen anderen Cheftrainer in der Bundesliga, der auch in heiklen Phasen so cool rüberkommt und stets einen lässigen Spruch auf den Lippen hat. Doch am Dienstagnachmittag fühlte sich der 33-jährige Noch-Trainer von RB Leipzig und künftige Coach des FC Bayern München sichtlich unwohl in seiner Haut. Nagelsmann wirkte angespannt und nervös und taute erst zum Schluss auf, als er grinsend überlegte, wie er eigentlich im Sommer nach München komme - ohne eigenes Auto.

Einen T6-Bus wolle er sich mieten, in dem auch sein Intimus Benjamin Glück (Videoanalyst und Co-Trainer) und Timmo Hardung (Leiter Lizenzspielerabteilung/Teammanager) mitfahren dürften. Sonst, beteuerte Nagelsmann, werde er allein schon aus Dankbarkeit für die Freigabe keine weiteren Akteure aus Leipzig "einpacken". Dennoch hinterlässt das Beben vom Cottaweg, das RB zu Beginn dieser Woche mit den Abgängen von Nagelsmann und Sportdirektor Markus Krösche durchschüttelte, weitere Risse in der Konstruktion des Tabellenzweiten.

Zuallererst natürlich hinsichtlich der Meisterambitionen, die Nagelsmann im Bulli mit nach München überführt. Zwar betonte Klubboss Oliver Mintzlaff: "Wir sind im Angriffsmodus. Julian wird uns spüren." Es werde in der nächsten Saison "vollen Angriff auf Julian Nagelsmann und den FCB" geben. "Wir schrauben unsere Ambitionen nicht herunter", so der RB-CEO. Tatsächlich aber entschied sich Mintzlaff durch die Freigabe für Nagelsmann eher dafür, den Überholvorgang abzubrechen, wieder rechts einzuscheren und dem Boliden Bayern mittelfristig den Vortritt in der Meisterschaft zu lassen.

Drei Kandidaten stehen schon fest

Natürlich wäre es auch mit Nagelsmann für RB schwer geworden, in den nächsten beiden Jahren Meister zu werden, doch der weltweit gefragte Trainer-Genius hätte die Leipziger peu á peu näher herangeführt. Nun sind die Leipziger durch den Abgang von Nagelsmann nicht nur geschwächt, sondern haben den ärgsten Konkurrenten auch noch gestärkt - ein verlorenes Sechs-Punkte-Spiel sozusagen, freilich mit reichlich finanzieller Kompensation. Natürlich werden die Leipziger auch mit einem Trainer aus dem Shortlist-Kandidaten-Trio Jesse Marsch (Salzburg), Oliver Glasner (Wolfsburg) und Pellegrino Matarazzo (Stuttgart) in die Champions League kommen, doch ein Ausnahmekönner wie Nagelsmann ist keiner der Drei.

Der Leipziger Spielstil wird sich sicher wieder ein Stück weg vom Ballbesitzfußball Nagelsmanns bewegen, der sich immer mehr Manchester City annäherte. Das muss jedoch nicht schlecht sein, da es die Leipziger bisweilen mit Ballbesitzorgien übertrieben und bisweilen wenig Schnelligkeit und Wucht im Angriff hatten. Die Schraube diesbezüglich eine halbe Umdrehung zurückzudrehen, kann durchaus Sinn machen.

Im RB-Kader wird es einen Umbruch geben. Am Interessantesten wird sein, wie Jungstars wie Dani Olmo, Christopher Nkunku und Angeliño auf die Enttäuschung reagieren, die allesamt wegen Nagelsmann zu RBL gekommen sind. Mintzlaff betonte, dass in der kommenden Saison 21 statt wie bisher 25 Spieler im Aufgebot stehen sollen. Drei Neuzugänge stehen bereits fest; zudem verriet Mintzlaff, "über den ein oder anderen Zugang" nachzudenken. Heißt, dass wohl mehr als eine Handvoll gehen muss/darf.

Leipzig verliert einen Trumpf

Einige wie die wechselwilligen Marcel Sabitzer und Ibrahima Konaté dürfte Nagelsmanns Abgang eher in ihrer Entscheidung bestärken, den Klub zu verlassen. Für andere wie Nationalspieler Marcel Halstenberg könnte der Platz im abgespeckten Kader eng werden. Doch in einem gewissen Maße ist der Umbruch ist von der RB-Klubführung mit eingepreist, schließlich muss der Klub auch mal Transfermillionen einnehmen, um Schulden bei Investor Red Bull abzutragen, dem Financial Fairplay gerecht zu werden, den teuren Stadionumbau zu finanzieren und weiter in neue Spieler zu investieren. Etwa die Stürmer Patson Daka (Salzburg) und Adam Hlozek (Sparta Prag) sind im Gespräch. Doch den Trumpf Nagelsmann (zuvor: Rangnick) kann RB in Vertragsgesprächen nun nicht mehr spielen.

Den Kompetenzverlust durch den Abgang von Sportdirektor Markus Krösche kann Rasenballsport verschmerzen. Der Ex-Paderborner kam in seinen zwei Jahren bei RB nie über eine Nebenrolle hinaus. Im Hintergrund sollen ohnehin eher andere wie Chefscout Christopher Vivell die Fäden gezogen haben. Auch Florian Scholz, kaufmännischer Leiter Sport, gewinnt immer mehr an Einfluss. Da es bei dieser Trio-Konstellation bleiben soll, wird der neue Mann eher kein ganz prominenter Name sein, da Einfluss und Macht des Sportdirektors bei RB begrenzt sind.

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Nicht zu vernachlässigen ist die gewaltige Wirkung der Entscheidung auf die RB-Fans. Die schäumen gerade in den sozialen Netzwerken über vor Wut. "Wir sind menschlich zutiefst enttäuscht von dir, Julian Nagelsmann", schreibt der Bulls-Club, einer der ältesten und größten Fanclubs bei Twitter. Ein anderer Anhänger kommentiert die Erklärungen von Mintzlaff und Nagelsmann als "gehaltlose Plattitüden, kein Wort zu den Fans oder dem wochenlangen Schmierentheater, das uns hier vorgespielt worden ist. Eure Außenwirkung ist einfach verheerend."

Und ein anderer beschreibt Nagelsmann als den "größten Irrtum in der Geschichte von RBL". Die "rationalen Gründe", die Mintzlaff für die Trennung anführte, sind den emotionalen Anhängern, die sich mit Nagelsmann und den Meisterambitionen identifiziert hatten und nun schwer enttäuscht wurden, nur schwer vermittelbar. Gerade in Zeiten, in denen die Distanz ohne Stadionbesuche groß ist. Es wird dauern, bis die Risse des Bebens in Leipzig gekittet sind.

Quelle: ntv.de

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