Fußball

"CR wer?" Juve kann ohne Star Ronaldo(s Körper) ist nicht mehr unantastbar

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Cristiano Ronaldo und Juventus-Coach Maurizio Sarri hatten zuletzt ein eher angespanntes Verhältnis.

(Foto: imago images/Sportimage)

Ist Cristiano Ronaldo verzichtbar? Der Megastar von Juventus Turin wird ausgewechselt, verpasst mit einem verletzten Knie Spiele und trifft nicht mehr so, wie man es von ihm kennt. Dabei will er immer noch besser werden - gut, dass jetzt Lieblingsgegner Atlético Madrid wartet.

Es glich einer Majestätsbeleidigung: Als Cristiano Ronaldo vor der Länderspielpause am 10. November beim Erstligaspiel gegen den AC Mailand zehn Minuten nach Wiederanpfiff ausgewechselt wurde, stapfte er fluchend vorbei an seinem Trainer Maurizio Sarri. Er nahm nicht auf der Bank Platz, sondern zog sich um und verließ sogar noch vor Spielende das Stadion. Seine Fußballmannschaft, Juventus Turin, sicherte sich ohne ihn den Sieg - der für Ronaldo eingewechselte Paulo Dybala markierte das entscheidende 1:0.

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Ging fluchend in die Kabine: Ronaldo nach seiner Auswechslung in der 55. Minute beim Spiel gegen den AC Milan.

(Foto: imago images/Gribaudi/ImagePhoto)

Der Starstürmer antwortete auf seine ihm eigene Art, indem er in beiden Länderspielen für Portugal gleich viermal traf. Gegen Litauen und Luxemburg ging es allerdings gegen unterklassige Gegner - und zurück bei seinem Verein fehlte Ronaldo am vergangenen Samstag im Spitzenspiel bei Atalanta Bergamo sogar komplett. Der Körper konnte nicht mehr. Doch Juventus kann es mittlerweile auch ohne Ronaldo, gewann dank der Tore der Argentinier Gonzalo Higuain und Dybala mit 3:1 und führt weiter die Tabelle der italienischen Serie A vor Inter Mailand an.

Schon als der Portugiese in der Champions League gegen Lokomotive Moskau beim Stand von 1:1 zehn Minuten vor Schluss ausgewechselt worden war, hatten die Turiner die Partie noch gedreht. Ist Ronaldo verzichtbar geworden? Es gibt eine Geschichte, die veranschaulicht, wie fit Ronaldo sein muss: Der Fettgehalt im Juve-Kader soll seit seiner Ankunft im Sommer 2018 gesunken sein, weil die anderen Spieler so aussehen wollen wie er, sagte sein Kollege Douglas Costa. Nun muss der eigentlich stets überfitte Stürmer, der im Februar 35 Jahre alt wird, erstmals in seiner Karriere kürzertreten, weil sein Körper nicht mehr wie gewohnt mitmacht. Er plagt sich seit Oktober mit einer Knieverletzung herum, die er nach einem Schlag im Training erlitten hat und die auch den Adduktoren zu schaffen macht.

"Seit drei Jahren niemanden ausgedribbelt"

Der extrem ehrgeizige Portugiese spielte trotzdem, aber gibt nach den Länderspielen zu, angeschlagen zu sein: "Ich bin es gewohnt, 50 oder 60 Spiele zu machen. Aber ich habe aktuell einfach Beschwerden, die es verhindern, bei 100 Prozent zu sein." Ronaldos Körper, eine seiner stärksten Waffen, ist nicht mehr unantastbar. Die Verletzung spiegelt sich auch in der Form wieder. In 14 Spielen in Serie A und Champions League hat Ronaldo sechs Tore erzielt. Für jeden anderen ist das ein Top-Wert, für Ronaldo - vor allem für seine eigenen Ansprüche - ist das zu wenig. "Er ist aktuell nicht wirklich in guter Verfassung", sagte Turins Trainer Sarri schon vor Wochen.

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Eine andere Trainerlegende, Fabio Capello, wählte heftigere Worte. "Die Wahrheit ist, dass Ronaldo schon seit drei Jahren niemanden mehr ausgedribbelt hat", sagte der Experte für Sky Sport Italia nach Ronaldos früher Auswechslung gegen AC Mailand: "Ich erinnere mich noch, als er an seinen Gegenspielern nur so vorbeigeflogen ist." Diese Zeit sei jetzt aber vorbei. Die englische "Sun" wollte nach der Partie sogar schon einen Wechsel herbeischreiben und überlegte, welche Adressen (Manchester United? Real Madrid? Oder gar China?) infrage kämen. Und am Wochenende titelte die "Gazzetta dello Sport" nach den drei argentinischen Juve-Toren gegen Bergamo ein Verzichtbarkeitsargument: "CR wer?"

Aber Ronaldo ist sich bewusst, dass er nicht mehr die Spritzigkeit seiner jungen Jahre besitzt. Das ist genau der Grund, aus dem er nicht mehr so viel dribbelt, weil er am besten um seine Stärken und (wenigen) Schwächen weiß. Denn der Perfektionist will noch immer besser werden, will weitere Rekorde brechen. Das treibt ihn an, das macht ihn großartig. Als zweiter Spieler nach Clarence Seedorf (Ajax Amsterdam, Real Madrid und AC Mailand) will er mit drei Klubs die Champions League gewinnen. Nach seinem 99. Länderspieltor für Portugal steht er kurz vor einem unfassbaren Jubiläum - und hat schon den Weltrekord von Irans ehemaligem Stürmer Ali Daei (109 Treffer) im Blick: "Alle Rekorde müssen mal gebrochen werden und ich werde diesen Rekord brechen", sagte Ronaldo. Vielleicht freut er sich deshalb sogar, dass die Mannschaft auch ohne ihn funktioniert und er sich hier und da mal eine Pause gönnen darf, um die größeren Ziele zu erreichen, die seine Legende weiter vorantreiben.

Ronaldo ist für die großen Momente da

Mit einem Sieg im heutigen Gipfeltreffen der Gruppe D der Champions League gegen Atlético Madrid (ab 21 Uhr im Liveticker auf n-tv.de und bei Sky) könnte Turin den Gruppensieg bereits einen Spieltag vor Schluss klarmachen. Und Ronaldo wird wieder mitspielen, in den sozialen Medien meldete er sich bereits "zurück". Und vielleicht kommt dem Stürmer dieser Gegner gerade recht. 32 Mal hat er bereits gegen die Rojiblancos gekickt - und dabei 25 Tore geschossen und acht Vorlagen gegeben.

Wenn früher bei Real und in der vergangenen Saison auch bei Juventus galt: Kein Ronaldo, keine Tore, kein Sieg, haben die Turiner nun gezeigt, dass sie ohne den Megastar können. Siehe Moskau, siehe Mailand, siehe Bergamo. Aber - und das wissen Ronaldos Fans wie Hasser zugleich: In den großen Spielen, dann, wenn die Champions League entschieden wird, ist er wieder da. Wie immer. Und genau dafür, nicht für den nächsten Serie-A-Titel, hat Juventus ihn geholt. Der Körper macht nicht mehr mit wie früher: aber verzichtbar ist Cristiano Ronaldo noch lange nicht.

Quelle: ntv.de