Fußball

Champions League als Bulldozer Schottische Verhältnisse stürzen Liga in Abgrund

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Die Spieler von Celtic und den Rangers springen höher, schneller und weiter als der Rest der schottischen Liga.

(Foto: picture alliance / empics)

Zum ersten Mal seit 15 Jahren sind wieder beide Glasgower Klubs Celtic und Rangers in der Champions League dabei. Das ist eine gute Nachricht für den Fußball in Schottland. Oder? Die UEFA-Millionen setzen den Wettbewerb in der Liga außer Kraft. Eine Lösung ist nicht in Sicht.

Wer einmal Gast war in Glasgow, trägt das Erlebnis noch viele Jahre mit sich herum. Zumindest für viele prominente Fußballer gilt das. Lionel Messi bekam bei einem Besuch mit dem FC Barcelona beim FC Celtic die nach eigener Aussage "beste Atmosphäre in Europa" zu spüren. Sein langjähriger Mitspieler Xavi sprach davon, noch nie Vergleichbares zu den Celtic-Fans erlebt zu haben. Von der Mailänder Ikone Paolo Maldini ist die Aussage überliefert, dass jeder Fußballer mindestens einmal im Celtic-Park gespielt haben müsse. Gary Neville berichtete nach einem Auftritt mit Manchester United bei den Rangers im Ibrox Stadium von der "lautesten Atmosphäre, die ich erlebt habe" und wunderte sich darüber, dass selbst die Menschen in den VIP-Logen herumgesprungen seien wie normale Fans. In der abgelaufenen Saison waren Borussia Dortmund und RB Leipzig in der Europa League machtlos gegen die Wucht von Ibrox.

Die Stimmung bei Europapokalspielen in Glasgow ist legendär, egal ob im grünweißen oder im blauen Teil der Stadt. Es ist daher eine gute Nachricht für alle Fußballromantiker, dass in dieser Saison zum ersten Mal seit 15 Jahren wieder beide Glasgower Klubs an der Champions League teilnehmen, nicht nur maximal einer von beiden. Schottlands Meister Celtic empfängt zum Auftakt an diesem Dienstag Titelverteidiger Real Madrid, außerdem bekommt es die Mannschaft um den einstigen englischen Nationaltorwart Joe Hart in der Vorrunde mit Schachtar Donezk und Leipzig zu tun. Die Rangers von Trainer Giovanni van Bronckhorst wurden gegen Ajax Amsterdam, den SSC Neapel und den FC Liverpool gelost.

Russland-Ausschluss als Verstärker

Das ungewöhnlicher Glasgower Doppel in der Champions League hat auch mit den Verwerfungen der Gegenwart zu tun. Celtic profitierte davon, dass die UEFA russische Klubs von allen Wettbewerben ausgeschlossen hat. Dadurch qualifizierten sich die "Bhoys in Green" als Meister automatisch für die Gruppenphase, zum ersten Mal seit 2017. Vizemeister Rangers erwarb sich durch erfolgreiche Qualifikationsrunden gegen einen belgischen Vertreter namens Union Saint-Gilloise, dem Europa-League-Gegner von Union Berlin, und den international profilierten PSV Eindhoven zum ersten Mal seit 2010 das Startrecht für die Gruppenphase der Champions League.

Nachdem die "Gers" in der vergangenen Saison in der Europa League erst im Finale an Kevin Trapp und Eintracht Frankfurt gescheitert waren, ist der Einzug beider "Old Firm"-Vereine in die Königsklasse der nächste Triumph für den schottischen Fußball innerhalb weniger Monate, zumindest auf den ersten Blick. Auf den zweiten ist nicht ganz klar, wie gut die Präsenz beider Glasgower Vereine in der Champions League wirklich ist für die fußballerischen Verhältnisse in Schottland. Im Norden Großbritanniens wird darüber debattiert, dass die Kluft zwischen Celtic und Rangers an der Spitze und dem Rest der Scottish Premiership noch größer werden könnte als ohnehin schon.

Das alte Gespenst Premier League

Schon jetzt ist der Unterschied absurd. Der bisher letzte schottische Meister, der nicht aus Glasgow kam, war der FC Aberdeen 1985. Trainer war ein gewisser Alex Ferguson, damals noch ohne "Sir" vor dem Namen. "Die schottische Spitzenliga ist so vorhersehbar wie ein Bootsrennen zwischen zwei Universitäten", spottete gerade der "Guardian" mit Blick auf die Dauerdominanz von Celtic und Rangers. Ihre Überlegenheit manifestiert sich auch finanziell. Laut BBC gab Celtic in der Saison 2020/2021 umgerechnet fast 60 Millionen für Gehälter aus, Rangers rund 55 Millionen. Den dritthöchsten Personaletat hatte Aberdeen - mit etwas mehr als zehn Millionen Euro. Der Kader von Celtic und Rangers hat laut den Zahlen von transfermarkt.de jeweils einen höheren Marktwert als die Aufgebote der restlichen zehn Klubs in der Scottish Premiership zusammen. Die Liga ist komplett auf die Glasgower Vereine ausgerichtet. Der Modus garantiert, dass sie pro Saison viermal gegeneinander spielen. So will es das Fernsehen. Dazu kommen mögliche Duelle im Pokal.

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In dieser Saison kassieren die beiden ohnehin schon übermächtigen Klubs zusätzlich die für schottische Verhältnisse signifikanten Einnahmen aus der Champions League. Geschätzt ist die Teilnahme an der Gruppenphase für Celtic und Rangers jeweils um die 30 Millionen Euro wert. Das betoniert die Herrschaft der beiden Vereine weiter und dürfte garantieren, dass auch in den kommenden Jahren und möglicherweise Jahrzehnten der schottische Meister aus Glasgow kommt. Überraschungen wie das Pokal-Double (Scottish FA Cup und League Cup) des FC St. Johnstone im vergangenen Jahr werden noch unwahrscheinlicher.

Was gegen die Dominanz der "Old Firm"-Rivalen getan werden kann, ist ein altes Debattenthema in Schottland, und es dürfte künftig wieder verstärkt besprochen werden. Es gibt das Gedankenspiel, Celtic und Rangers in die englische Premier League abzuschieben, um in der schottischen Liga wieder Wettbewerb herzustellen. Eine echte Chance hat das Experiment nicht. Der "Guardian" scherzte gerade, dass die schottische Liga die beiden Glasgower Klubs einfach 38 Mal pro Saison gegeneinander spielen lassen sollte. Die Partien in der Champions League bieten Celtic und Rangers Abwechslung vom Alltag in der Scottish Premiership. Ausnahmsweise sind sie mal nicht Favorit.

Quelle: ntv.de

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