Fußball

Der irre Thriller von Sevilla Das wunderbare Comeback des "alten" Fußballs

Das Finale in der Europa League zwischen den Glasgow Rangers und Eintracht Frankfurt lebt nicht von der Qualität, sondern von dem, was den Fußball ausmacht: Spannung, magischen Momenten und den wilden Zuschauern. Es ist eine Nacht, die zeigt, wie das Spiel früher einmal war.

Rafael Borré stand ganz allein vor einem blauen Meer. Hinter ihm, an der Mittellinie, die Spieler beider Teams und ganz, ganz weit hinten in seinem Rücken die weiße Wand der Frankfurter Fans, die es einfach nicht glauben wollten. Der Gewinn des Europapokals nur noch einen Anlauf, eine Ballberührung entfernt. Danach würde alles egal sein. Die Fans hatten das Estadio Ramón Sánchez Pizjuán in Sevilla schon lange vor Anpfiff mit ihren Gesängen eingenommen, in ihren Farben geschmückt und waren nun bereit für die Ewigkeit.

Eigentlich hätte Borré dort nie stehen dürfen. Nur wenige Minuten vor Ende der Verlängerung hatte eine Hereingabe von Kemar Roofe über Umwege Ryan Kent erreicht. Der war komplett allein im Fünfmeterraum und musste den Ball nur noch über die Linie drücken. Von hinten setzte Kristijan Jakic eine Grätsche der Verzweiflung an, aber sie war aussichtslos. Auch Keeper Kevin Trapp war längst geschlagen, die Kugel bei der Hereingabe an ihm vorbeigerauscht, er irrte Richtung Torlinie.

Der Nationaltorhüter wollte aber nicht, dass der Traum vom Europapokal in dieser 118. Minute stirbt. Als also Kent der große Held dieser Nacht von Sevilla werden konnte, schmiss sich der 31-jährige Nationaltorhüter noch ein letztes Mal dazwischen und brachte irgendwie sein rechtes Bein an den Schuss. Ein Moment für die Ewigkeit. Einer, der bald auf T-Shirts und Postern zu sehen sein und in den nächsten 50 Jahren rauf und runter laufen wird. "Wenn du so eine Situation überstehst, hast du das Gefühl, du bist heute an der Reihe. Dieses Gefühl hatte ich", sagte Trapp nach dem Spiel.

Es sind genau diese Geschichten, die man sich nun über Jahrzehnte erzählen wird. Kevin Trapps unglaubliche Parade und was hätte sein können, wenn Kent den Ball nur etwas besser platziert hätte. Dieses Finale lebte nicht von der sportlichen Qualität, sondern davon, dass ständig jemand auf dem Boden lag, dass ständig jemand stolperte und ständig jemand einen Fehlpass spielte. Schiedsrichter Slavko Vinci zeigte dabei kein sonderliches Interesse an persönlichen Strafen. Er griff selten ein, auch nicht in der fünften Minute. Da traf der Stollen von John Lundstrom den Kopf von Frankfurt-Kapitän Sebastian Rode, der dann, wie es sich für ein Finale gehört, bis zu seiner späten Auswechslung mit einem Turban weiterspielte.

Der Traum Europa League

Das Finale war aus der Zeit gefallen. Das Comeback des "alten" Fußballs, in dem in der verklärten kollektiven Erinnerung alles möglich war, in der Geld keine Rolle spielte und Steaua Bukarest, Roter Stern Belgrad, Ipswich Town, FC Aberdeen, Nottingham Forest, der IFK Göteborg oder eben Eintracht Frankfurt realistische Chancen auf den Gewinn eines Europapokals hatten.

Es war eben nicht Bayern München gegen Paris Saint-Germain und es war auch nicht Manchester City gegen Chelsea. Es war auch nicht Real Madrid gegen Liverpool. Also nicht die Abo-Teams auf die letzten K.-o.- und Finalspiele in der Königsklasse. Es war der schottische Vizemeister Glasgow Rangers gegen den Elftplatzierten der Bundesliga. Der ehemalige UEFA-Cup als Ersatz für den von der Gier der Großklubs zerfetzten Wettbewerb. In der Europa League treten Mannschaften an, die nach allgemeinem Verständnis kein Gewohnheitsrecht auf eine Teilnahme an einem europäischen Wettbewerb haben. Mannschaften, die, wie Kollege Tobias Nordmann es in seiner wunderbaren Rode-Skizze nennt, auf eine Heldenreise gehen. Und dann schaffen sie etwas, was so einmalig und so besonders ist, dass es für immer stehen wird.

Bei der Eintracht war spätestens seit dem Achtelfinale gegen Betis Sevilla jedes Spiel das größte der Vereinsgeschichte. Betis Sevilla, Barcelona, West Ham und nun Glasgow Rangers. Gegner, die Geschichte atmen und an denen sich die Frankfurter aufluden und in jedes neue Spiel mit noch breiterer Brust gingen. Dafür schmissen sie die Bundesliga weg und legten gemeinsam mit ihren unglaublichen Fanmassen den Fokus auf die Europa League. Das unterschied sie nicht nur von Barcelona, sondern auch von den deutschen Vertretern Borussia Dortmund und RB Leipzig, die beide mehr oder weniger kläglich gegen die Glasgow Rangers gescheitert waren.

Die Arroganz der wenigen großen Teams, die Lust auf Geschichte der mittleren Klubs hatte dieses Finale in Andalusien ermöglicht. Tagsüber hatten die über 100.000 mitgereisten Fans beider Lager die Stadt in eine gigantische Fußballparty verwandelt, sich zwar hin und wieder auch gerieben, aber am Ende war es friedlicher geblieben als auf jedem Volksfest. Zu sehr hatten sie alle auf dieses Spiel hingefiebert. Das wollten sie sich nicht nehmen lassen.

Borré stemmte seine Hände gegen die Hüften. Dann lief er an. Ein paar Schritte, den Kopf nach oben, auf den 40-jährigen Rangers-Keeper Allan McGregor gerichtet. Das linke Bein setzte der Kolumbianer neben den Ball, holte aus, ein trockener Schuss, ein perfekter Schuss, über die Arme des fliegenden Schotten hinweg ins linke obere Eck und mitten hinein in die Geschichtsbücher und die wahrscheinlich größte und längste Feier, die Frankfurt je erlebt hat. Ein einziger Rausch, der am heutigen Donnerstag ab 18 Uhr seinen Höhepunkt beim Empfang der Mannschaft auf dem Römer (Live auf RTL und ntv.de) finden wird.

Quelle: ntv.de

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