Fußball

Champions League im Krieg "Schalke der Ukraine" ist seit acht Jahren heimatlos

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Ein Foto aus längst vergangener Zeit: Die Fans von Schachtar Donezk können seit acht Jahren nicht mehr ins Stadion ihres Heimatvereins.

(Foto: imago/Ukrinform)

Zum sechsten Mal in Folge hat sich Schachtar Donezk für die Champions League qualifiziert, obwohl der ukrainische Verein seit acht Jahren heimatlos ist. Für das "Schalke der Ukraine" ist Fußball im Krieg nichts Neues. Und doch hat Russlands Angriff am 24. Februar noch einmal alles verändert.

Seit Jahren ist Schachtar Donezk eine feste Größe im europäischen Fußball. Fast jedes Jahr gelingt dem Verein aus dem Osten der Ukraine die Qualifikation für die Gruppenphase der Champions League, viermal schaffte das Team mit den markanten schwarz-orangenen Trikots sogar den Einzug in die K.-o.-Runde. Mit einem für sie typischen Mix aus Brasilianern in der Offensive und Ukrainern in der Defensive hat Schachtar auch die besten Mannschaften des Kontinents geärgert. Arsenal, Manchester City, Chelsea, Real Madrid, sie alle hat Donezk schon besiegt.

Schachtar hat Anfang der 2000er-Jahre begonnen, Dynamo Kiew in der Ukraine den Rang abzulaufen. Zuvor war Donezk die klare Nummer zwei im Land. Die jahrelange Titellosigkeit ist aber nicht der Grund, weshalb der Verein in Deutschland "vielleicht mit dem FC Schalke 04 vergleichbar ist", wie Denis Trubetskoy, freier Journalist aus der Ukraine und ntv-Autor im Podcast "Wieder was gelernt", sagt. Vielmehr ist es die Herkunft des Klubs, die den Verein mit Schalke vergleichbar macht. Schachtar heißt übersetzt "Bergarbeiter", Schlägel und Eisen sind im Vereinslogo verankert, der Klub ist genau wie Schalke auf Kohle geboren.

UEFA-Cup-Triumph gegen Werder Bremen

"Schachtar spielte schon zu sowjetischer Zeit eine große Rolle. Man spielte relativ weit oben mit, wenn auch nicht ganz oben. An Bedeutung gewonnen hat Schachtar dann aber erst seit der ukrainischen Unabhängigkeit", berichtet Trubetskoy. Seit Bestehen der Ukraine hat sich fast jede Saison ein Zweikampf zwischen Hauptstadtklub Dynamo Kiew und den "Bergarbeitern" entwickelt. Lediglich in der historisch ersten Spielzeit der Premjer-Liga 1992 wurde weder Dynamo noch Schachtar ukrainischer Meister, sondern Tawrija Simferopol von der Krim.

"Schachtar spielte jahrelang die zweite Geige, aber in den vergangenen 15 Jahren haben sie die ukrainische Liga mehr oder weniger dominiert. Zwar gab es durchaus einzelne Saisons, in denen Dynamo oben stand, aber Schachtar war in dieser Zeit grundsätzlich sehr erfolgreich", sagt Trubetskoy.

Aus dieser Zeit datiert auch der größte Erfolg der Donezker Vereinsgeschichte. 2009 gewann Schachtar im Finale des UEFA-Cups gegen Werder Bremen. Bis heute ist das der einzige Europapokal-Triumph einer Mannschaft aus der unabhängigen Ukraine.

"Am besten organisierter Verein Osteuropas"

Geholfen hat das viele Geld von Besitzer Rinat Achmetow. Der hatte den Verein 1996 gekauft und dann finanziell so aufgestellt, dass man die "zweite Geige" an Rekordmeister Dynamo Kiew weitergab.

Achmetow ist ein Kind der Stadt. Er wurde als Bergmanns-Sohn in Donezk geboren, studierte später Wirtschaft und wurde in den 90er-Jahren über einigermaßen undurchsichtige Wege schwerreich. Es dauerte nur ein paar Jahre, und schon beherrschte der heute 55-Jährige nahezu die gesamte ostukrainische Stahl- und Kohleindustrie. Den Fußballklub besitzt er bis heute.

"Das Gesamtpaket Schachtar funktioniert, das liegt auch an Sergej Palkin, dem Manager des Vereins. Man hat eine gute Vereinsstruktur aufgebaut, hochprofessionell, auch was die vereinseigene Akademie angeht und vieles mehr. Schachtar hat sich zum am besten organisierten Verein Osteuropas entwickelt. Da konnte ansatzweise nur Zenit St. Petersburg mithalten", analysiert Experte Trubetskoy im Podcast.

Stadion wird Kriegsschauplatz

Zur Professionalisierung beigetragen hat auch das hochmoderne Stadion, das Vereinsbesitzer Achmetow rechtzeitig zur EM 2012 bauen ließ. Ein stimmungsvolles Stadion, von der UEFA mit fünf Sternen ausgezeichnet, mehr geht nicht. 2009 zur Eröffnung kam Beyoncé. Und auch in den Folgejahren war die Donbass Arena Austragungsort mehrerer Konzerte und Veranstaltungen sowie Heimspielstätte von Schachtar.

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Die durch russischen Artilleriebeschuss beschädigte Donbass Arena.

(Foto: picture alliance / dpa)

Doch im Sommer 2014, kurz nach Kriegsausbruch im Osten der Ukraine, wurde das Stadion durch zwei Explosionen leicht beschädigt. Das Stadion steht bis heute, aber Schachtar entschied sich 2014 umzuziehen und seine Heimspiele in der neuen Saison in Lwiw auszutragen, 1000 Kilometer weiter westlich, kurz vor der polnischen Grenze. Unter anderem hatten sich sechs ausländische Spieler nach einem Freundschaftsspiel in Frankreich geweigert, wieder nach Donezk zu reisen.

Der Rückzug aus dem Kriegsgebiet sei für Vereinsbesitzer Achmetow "keine leichte, aber unausweichliche Entscheidung" gewesen, blickt Trubetskoy zurück. "Dass ihm die Sache sehr nah geht, sieht man daran, dass er seit dem Umzug 2014 nicht mehr zu Schachtar-Spielen ins Stadion geht. Achmetows Fußballbegeisterung ist nicht kleiner geworden, aber es war ihm wichtig, der Bevölkerung in Donezk zu zeigen, dass er nicht hingeht, weil es die Menschen in Donezk auch nicht machen können."

Bald ein Jahrzehnt ohne echtes Heimspiel

Seit mehr als acht Jahren muss Donezk auf echte Heimspiele in seiner 50.000 Zuschauer fassenden Donbass Arena verzichten. Die letzte Champions-League-Partie in Donezk liegt sogar fast neun Jahre zurück, ein 4:0 gegen Real Sociedad San Sebastian.

Seitdem hat Schachtar viele weitere Champions-League-Abende erlebt, zunächst in Lwiw, zwischenzeitlich in Charkiw, zuletzt in Kiew, ausgerechnet im Stadion des Erzrivalen Dynamo.

Borussia Dortmund, Bayer Leverkusen, Bayern München, die TSG Hoffenheim, Borussia Mönchengladbach. Alle spielten in den vergangenen zehn Jahren gegen Schachtar in der Champions League. Dieses Jahr wurde RB Leipzig in eine Gruppe mit den Ukrainern gelost. Am ersten Spieltag an diesem Dienstagabend trifft der Brause-Klub aus dem Osten Deutschlands auf die Mannschaft aus dem Osten der Ukraine.

Anfang November hat Schachtar dann im Rückspiel "Heimrecht". Doch sämtliche Champions-League-Partien muss Donezk in dieser Saison im Ausland spielen. Die UEFA erlaubt keine Partien im Kriegsland, für Schachtar geht es deshalb nach Warschau.

Achmetow? "Größter Einzelspender der ukrainischen Armee"

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Rinat Achmetow, Besitzer von Schachtar Donezk.

(Foto: picture alliance / photothek)

Der fehlende Heimvorteil ist für den 13-fachen ukrainischen Meister aber nur einer von vielen Nachteilen in der Champions League. Die Mannschaft hat längst nicht mehr die Qualität in ihren Reihen, das Geld von Achmetow sitzt auch nicht mehr so locker, zumindest nicht für den Fußball. "Nach allem, was wir wissen, ist Rinat Achmetow der größte Einzelspender der ukrainischen Armee, und zwar mit großem Abstand. Gleichzeitig hat er in diesem Krieg richtig viel Geld verloren", berichtet Denis Trubetskoy.

Bis Kriegsbeginn war Achmetow der reichste Ukrainer. Sein Vermögen wurde auf über sieben Milliarden Dollar geschätzt. Forbes schätzt, dass er seit Beginn der russischen Invasion mehr als die Hälfte seines Reichtums eingebüßt hat.

Einer Finanzholding von Achmetow gehört das Asow-Stahlwerk in Mariupol. "Das war ein wichtiger Bestandteil seines Business-Imperiums. Und auch ein weiteres großes Werk in Mariupol ging verloren", erzählt Trubetskoy.

Topspieler haben Land und Verein verlassen

Dass Achmetow mittelfristig sein Geld eher in die ukrainische Kriegskasse als in seinen Fußballklub steckt, dürfte einleuchten. Und dass die ausländischen Starspieler Schachtar verlassen haben, ebenfalls. Nur noch ein Brasilianer, ein Kroate, ein Nigerianer und ein Spieler aus Burkina Faso sind im Kader der "Bergarbeiter". Die besten Akteure sind alle weg, die Hoffnungen ruhen vor allem auf Mychajlo Mudryk. Ein Wechsel des 21-jährigen Ukrainers ins Ausland war in der abgelaufenen Transferperiode geplatzt.

Schachtar ist in dieser Champions-League-Saison "chancenlos", prognostiziert Denis Trubetskoy. Donezks Trainer Igor Jovicevic sieht seine Mannschaft trotz des großen Umbruchs dagegen auf dem richtigen Niveau für die Champions League. "Es ist natürlich ein Abenteuer für uns. Aber wir gehören hierhin. Wir mögen jung und unerfahren sein, aber die Motivation ist top."

Trotz des großen Umbruchs in der Mannschaft sieht Trainer Igor Jovicevic seine Mannschaft auf dem richtigen Niveau für die Champions League. "Es ist natürlich ein Abenteuer für uns. Aber wir gehören hierhin. Wir mögen jung und unerfahren sein, aber die Motivation ist top", so der kroatische Übungsleiter.

Auch wenn das Weiterkommen in einer Gruppe mit Leipzig, Titelverteidiger Real Madrid und Celtic Glasgow unwahrscheinlich ist, weiß Trainer Jovicevic um die Bedeutung der Champions-League-Auftritte: "Es ist sehr wichtig für unsere Landsleute, dass wir auf dem Platz kämpfen wie sie zu Hause an der Front."

"Wieder was gelernt"-Podcast

"Wieder was gelernt" ist ein Podcast für Neugierige: Warum wäre ein Waffenstillstand für Wladimir Putin vermutlich nur eine Pause? Warum fürchtet die NATO die Suwalki-Lücke? Wieso hat Russland wieder iPhones? Mit welchen kleinen Verhaltensänderungen kann man 15 Prozent Energie sparen? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer.

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Quelle: ntv.de

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