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Kritik an Trainer Niko Kovac Wie schlimm ist die Situation des FC Bayern?

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Nur ein Sieg aus den drei Pflichtspielen: Bayerns Coach Niko Kovac hat direkt wieder Druck.

(Foto: imago images / Schiffmann)

Der FC Bayern holt in den ersten drei Fußballspielen der neuen Saison nur einen Sieg. Die Kritik an Meistertrainer Niko Kovac wird nach dem Remis gegen Hertha BSC beim Bundesliga-Auftakt immer größer. Doch wie schlimm steht es um die Münchner wirklich?

Eigentlich lief alles nach Plan: Der FC Bayern führte zum Auftakt der Fußball-Bundesliga gegen Hertha BSC durch ein Tor von Robert Lewandowski mit 1:0. Von den Gästen ging trotz eines mutigen Ansatzes nicht viel Gefahr aus. Doch plötzlich führten die Berliner in der Allianz Arena, nachdem sie zweimal aus dem Nichts getroffen hatten. Und der Anfang vom Fehlstart der Münchner war gemacht. Nach dem 0:2 beim Supercup in Dortmund, dem glanzlosen 3:1 im DFB-Pokal beim FC Energie Cottbus und nun dem 2:2 gegen die Hertha wird es bereits ungemütlich beim deutschen Meister. Doch wie schlimm ist es wirklich?

Besonders das Spiel im letzten Drittel bereitet vielen Fans des FC Bayern Kopfzerbrechen. Bereits in der abgelaufenen Saison war ein großer Kritikpunkt an Trainer Niko Kovac, dass seine Mannschaft beim Herausspielen von Torchancen zu abhängig von Einzelaktionen und Zufällen sei. Auch in den ersten drei Spielen war spürbar, dass der Meister sich weiter schwer damit tut, durch Läufe in die Tiefe oder Schnittstellenpässe in den Strafraum zu kommen. Ein Problem ist, dass Serge Gnabry und Kingsley Coman mit ihrer Klasse auf den Außenbahnen zwar jederzeit den Unterschied machen können, sie aber nicht den Raum haben, weil die Bayern ihre Möglichkeiten dahingehend zu selten nutzen.

Zum Autor

  • Justin Kraft ist freier Autor und Blogger bei miasanrot.de.
  • Als Jahrgang 1993 durch die "Generation Kahn" mit dem FC Bayern in Kontakt gekommen.
  • Fußball-sozialisiert mit der "Generation Lahmsteiger", der er 2019 sogar ein nach ihr benanntes Buch widmete.

Das war gegen Hertha auffällig, mehrfach gab es die Situation, dass die jungen Flügelspieler den Ball so vorhersehbar bekamen, dass die gegnerischen Verteidiger sich gut darauf einstellen und auf die jeweilige Seite verschieben konnten. Es fehlte der Überraschungseffekt. Gerade auf der linken Seite war Coman nicht in der Lage, mit seinen Ballbesitzphasen Durchbrüche zu schaffen. Nur eines von acht Dribblings entschied er für sich. Das ist ein Wert, der nicht die fehlende Form des Spielers, sondern die schlechte Vorbereitung vieler Angriffe zeigt. Auch Gnabry brachten die Münchener nur selten in gute Situationen. Nur eine Eins-gegen-eins-Situation gewann der deutsche Nationalspieler am gegnerischen Strafraum, zwei weitere an der Mittellinie. Er kam zwar besser mit seiner Situation zurecht als Coman, doch auf Dauer machen sich die Münchner das Leben damit unnötig schwer.

Mehr Fußball, weniger sinnlose Flanken

Dabei haben sie in dieser Saison auch schon gute Ansätze gezeigt. Den Führungstreffer in Cottbus leitete sehr fein ein unterstützender Spieler im Halbraum ein. Oft bringen sich alle Bayern-Spieler in Position für eine Flanke, wenn der Ball auf die Außenbahnen geht, womit die Möglichkeit eines Kurzpasses fehlt. In diesem gelungenen Fall war es aber Kimmich, der als Anspielstation ein sehenswertes Tor einleitete. Auch gegen Hertha gab es solche Szenen. Die Bayern sind in dieser Saison bemühter darum, mehr Fußball zu spielen und weniger sinnlos hohe Bälle in den Strafraum zu schlagen. Deutlich mehr Pässe finden den Weg zwischen die Linien. Meist mangelt es aber an Bewegung und Tiefe für eine kluge Anschlussaktion. Hier muss an der Einbindung der Achter gearbeitet werden, die noch intensiver für Verbindungen auf dem Platz sorgen könnten.

Dieses Problem ist aber nicht nur auf Kovac zurückzuführen: Leon Goretzka und Corentin Tolisso tun sich generell schwer mit der Spielgestaltung, während der enttäuschte Renato Sanches das Vertrauen des Trainers nicht bekommt. Dabei fiel er in Cottbus durch kluge Laufwege und eine gute Einbindung auf. Dem Kader fehlten kreative und spielstarke Spieler im Mittelfeldzentrum. Mit dem Transfer von Philippe Coutinho könnte sich das ändern.

Um hochwertigere Chancen herauszuspielen, könnten schnellere Spielverlagerungen ein Mittel sein. Mehr Spieler, die über ein vertikaleres und besseres Passspiel verfügen, wären eine große Hilfe. Doch auch taktisch gibt es Verbesserungsbedarf: Kovac signalisierte gegen die Berliner immer wieder, dass seine Mannschaft das Spiel breiter machen solle. Manchmal stehen Coman und Gnabry zu weit eingerückt und nehmen sich dadurch selbst entscheidende Meter, um mehr Tempo aufnehmen zu können.

Coutinho scheint da eine gute Lösung zu sein. Der vom FC Barcelona ausgeliehene Brasilianer kann für Überraschungsmomente im Angriffsdrittel sorgen. Er ist technisch stark, spielt gute Pässe und kann das kreative Loch im Mittelfeld schließen - wenn er denn dort eingesetzt wird. In jedem Fall ist er eine wichtige Option für die Offensive. Eines hat der erste Spieltag in der Bundesliga gezeigt: Während Dortmund Mario Götze, Julian Brandt und Achraf Hakimi von der Bank bringen konnte, fehlte Kovac jegliches Vertrauen in seine Ersatzspieler. Die sehr späten Einwechslungen von Sanches und Alphonso Davies brachten nichts.

Im Aufbau geht's häufiger durch die Mitte

Doch es gibt auch positive Entwicklungen: Im Spielaufbau suchen die Münchner häufiger den Weg durch die Mitte. Das ist gut, weil sich der Gegner dadurch zusammenzieht und auf den Außenbahnen Räume entstehen, die man mit entsprechender Breite im Angriffsdrittel bespielen könnte. Herthas teils hohes Pressing überspielte der Meister mehrfach sehr klug, dann fehlte aber oft die finale Idee. In Cottbus tauchte Kimmich hin und wieder im Zentrum auf, um dort eine zusätzliche Anspielstation zu bieten. Positionswechsel und unorthodoxe Laufwege sind wichtig. Problematisch ist in solchen Situationen aber immer noch die Konterabsicherung. Nicht immer schaffen es die Bayern bei Ballverlusten, schnell in eine geordnete und kompakte Grundformation zu kommen.

In den Übergangsphasen wirken die Bayern manchmal unsortiert. Der Ursprung: das Positionsspiel in Ballbesitz. Wieder spielen die Achter eine wichtige Rolle, weil deren Wege bei Ballverlusten zu weit sind, was wiederum zu großen Lücken vor der eigenen Abwehr führt, die Thiago nicht allein verteidigen kann. Hertha spielte sich bei beiden Treffern mit wenigen Kontakten vor das Bayern-Tor. In solchen Situationen müssen die Rückwärtsbewegung sowie die Verhinderung des ersten Passes besser sein.

Grundsätzlich hat sich das Pressing der Bayern aber verbessert. Aus ihrer 4-1-4-1-Grundordnung heraus kann die Elf von Kovac sehr variabel agieren. Am Freitag zeigte sich das bei der taktischen Umstellung der Berliner. Zunächst schoben im Angriffspressing die Flügelspieler heraus, um in einem 4-3-3 Gleichzahl gegen die drei Innenverteidiger zu haben. Als Hertha nur noch mit zwei Innenverteidigern spielte, war es mit Thomas Müller oder Tolisso meist ein Achter, der höher anlief, während die Flügelspieler etwas tiefer standen. Das 4-4-2 passte dann besser zum Gegner. Intuitiv und gruppentaktisch trafen die Bayern gute Entscheidungen und kamen so zu Ballgewinnen in zentralen Positionen. Thiago (7), Müller (6) und Tolisso (4) kamen gemeinsam auf 17 Balleroberungen - viele davon führten zu guten Umschaltsituationen.

Das Pressing kann in dieser Saison eine entscheidende Waffe werden. Auch wenn Hertha noch Probleme mit der neuen Spielidee hatte und die Bayern das gut ausnutzten, scheint die Arbeit gegen den Ball bereits auf einem hohen Niveau zu sein. Arbeiten die Münchner noch an einer besseren Kompaktheit in Umschaltsituationen und der finalen Aktion im letzten Drittel, dürfte die Kritik sehr schnell verstummen. Denn die Bayern präsentieren sich zum Saisonauftakt bei weitem nicht so schlecht, wie es vielerorts dargestellt wird. Im Gegenteil: Mit der einen oder anderen Option mehr auf der Bank und einer besseren Abstimmung in einigen Details könnte sich die Stimmung bald drehen.

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Quelle: n-tv.de

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