Redelings Nachspielzeit

Der BVB im Trainer-Dilemma Die tiefe Sehnsucht nach Jürgen Klopp

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Jürgen Klopp und Hans-Joachim Watzke feierten gemeinsam zwei Meistertitel und einen Pokalsieg.

(Foto: imago/Sven Simon)

In Dortmund kriselt es. Unweigerlich ist auch der Trainer Lucien Favre ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Doch selbst seine größten Gegner würdigen ihn als absoluten Fachmann. Da stellt sich die Frage, ob die Probleme beim BVB möglicherweise viel tiefer liegen als alle vermuten.

Wenn man einmal die ganzen Kopfgeburten wie "Favre kann kein Meister" und "Favre will kein Meister werden" weglässt und den unzweifelhaft hervorragenden Ruf des Fachmanns Lucien Favre anerkennt, so landet man irgendwann vollkommen unweigerlich bei der Fragestellung: Was könnte dann der mysteriöse Hemmschuh bei Borussia Dortmund sein? Gegen welche unsichtbare Wand rennt die Mannschaft und mit ihr der komplette Klub immer wieder seit Beginn der letzten Rückrunde an?

Auch wenn es uns in den letzten Jahren von Experten verstärkt und stets aufs Neue gepredigt und verkauft wurde: Der Ausgang eines Fußballspiels lässt sich schlicht und einfach nicht zu 100 Prozent durch taktische Systeme und Ausrichtungen erklären. Wäre der bessere Matchplan tatsächlich die Blaupause für den Verlauf einer Partie, könnte man sich viele Diskussionen sparen. Doch der Fußball ist weitaus komplizierter und komplexer – und manchmal spielen möglicherweise Dinge eine Rolle, die eigentlich und vermeintlich überhaupt keine Relevanz haben sollten. In Dortmund scheint genau das im Moment das Problem zu sein – auch wenn sicherlich alle Beteiligten das Offensichtliche abstreiten und als nicht ausschlaggebend benennen würden.

Sätze, die tief blicken lassen

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Lucien Favre kann in Dortmund derzeit keine Euphorie entfachen.

(Foto: imago/Sven Simon)

Wenn an diesem Donnerstag an der Dortmunder Strobelallee der BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim "Aki" Watzke die Premiere seines Fußball-Buches "Echte Liebe. Ein Leben mit dem BVB", das er gemeinsam mit dem "FAZ"-Sportkorrespondenten Michael Horeni geschrieben hat, feiert, dann ist es alles andere als ein Zufall, dass er dies mit seinem Freund, dem Trainer des FC Liverpool, Jürgen Klopp tut. In Aljoscha Pauses Dokumentation "Inside BVB" hat Aki Watzke gerade erst einige hochinteressante Sätze über sein Verhältnis zum ehemaligen Dortmunder Meistertrainer geäußert. Es sind Sätze, die viel tiefer blicken lassen, als es Watzke vermutlich recht ist – vor allem weil sie in ihrer emotionalen Wirkung auch auf Außenstehende rational total nachzuvollziehen sind.

Watzke sagte rückblickend auf die gemeinsame Zeit mit Jürgen Klopp: "Man ist ja immer geneigt, die Vergangenheit zu verklären. Aber was die Zusammenarbeit zwischen mir, dem Sportdirektor und dem Trainer angeht – das ist nicht zu toppen. Das wird es nicht mehr geben. Egal, wie gut der Trainer ist, wie gut dann ein Sportdirektor ist ... aber diese Zusammenarbeit, speziell auf der menschlichen Ebene, das war ein singuläres Erlebnis, das kann man gar nicht in Worte fassen." Wenn man bei diesen Sätzen in das Gesicht von Aki Watzke blickt, erfahren die Worte eine noch größere Intensität als ohnehin schon. Man erkennt die tiefe Sehnsucht des BVB-Geschäftsführers, diese Zeiten noch einmal wiederholen zu wollen – bei dem klaren und vollen Bewusstsein: So etwas wird es nicht noch einmal geben (können).

"Er konnte sehr unangenehm werden"

Allen in Dortmund sind auch heute noch die mittlerweile legendären Worte Klopps bei seiner ersten Pressekonferenz beim BVB im Kopf: "Ich habe Riesenlust, hier zu arbeiten. Wir werden einige Vollgas-Veranstaltungen ablaufen lassen. Rasenschach wird es bei mir nie geben. Wenn Spiele langweilig sind, verlieren sie ihre Berechtigung." In Pauses Dokumentation erinnert sich Sportdirektor Michael Zorc: "Es war eine verschworene Gemeinschaft, einer ist für den anderen gelaufen" Und Mats Hummels sagt: "Jeder hat dem anderen geholfen. Jeder hatte Bock, als Mannschaft zu agieren." Auch Sebastian Kehl leuchten bei dem Gedanken an die Jahre unter dem heutigen Liverpool-Trainer die Augen: "Die Verbindung zwischen Jürgen Klopp und der Mannschaft war immer sehr leidenschaftlich. Sehr eng. Er war unglaublich nah dran. Er hatte eine klare Idee – und die hat er auch komplett durchgezogen."

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"Aki" Watzke trauert den "alten Zeiten" hinterher.

(Foto: imago/DeFodi)

Dortmunds Torhüter Roman Bürki bemängelte in der Rückrunde der letzten Saison häufiger die "Wohlfühloase" BVB. Er wünschte sich, dass das Team die Komfortzone verlassen müsse. Kehl weiß noch, wie es damals bei Klopp war: "Er konnte in gewissen Momenten sehr unangenehm werden. Man musste seine Pace mitgehen. Wenn man das nicht konnte, dann war man ein Stück weit auch verloren." Und Hummels: "Er wollte immer Vollgas sehen." Auch wenn die Vergangenheit gerne einmal verklärt wird, wie Watzke richtig anmerkte, so wird allen Dortmundern beim Blick nach Liverpool sehr deutlich vor Augen geführt, was man im Sommer 2015 mit dem Weggang des zweifachen Meistertrainers Klopp verloren hat.

Im Moment wirkt es, als ob beim BVB immer noch nicht alle wieder komplett bereit sind für etwas Neues. Auch über vier Jahre nach der schmerzhaften Trennung von Jürgen Klopp scheinen insbesondere Aki Watzke und Michael Zorc den schönen gemeinsamen Zeiten hinterher zu trauern. Ob ihnen das selbst jeden Tag bewusst ist, darf bezweifelt werden. Aber spätestens am Donnerstagabend, wenn man sich in Dortmund zur Buchpremiere wieder trifft, werden Zorc und Watzke daran erinnert werden, dass sie in Jürgen Klopp nicht nur einen fantastischen Trainer verloren haben. Denn manchmal ist Fußball eben weit mehr als einfach nur ein Spiel auf zwei Tore.

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Quelle: n-tv.de

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