Redelings Nachspielzeit

EM-Countdown: Spieler-Meuterei Ein deutsches Begräbnis erster Klasse

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Kein Grund zur Freude.

(Foto: imago images/Laci Perenyi)

Die EM 1984 stand für die deutsche Elf von Anfang an unter keinem guten Stern. Besonders Bundestrainer Jupp Derwall hatte eine harte Zeit. Und als dann auch noch vorzeitig Schluss war, konnte es nur eine Entscheidung geben. Und einen überraschenden Nachfolger!

"Ein Begräbnis erster Klasse!" Weltmeister und Kolumnist Paul Breitner redete nach dem katastrophalen Vorrunden-Aus bei der Europameisterschaft 1984 in Frankreich nicht lange drum herum. Die Situation des deutschen Fußballs war spätestens nach dieser dramatischen Pleite in letzter Sekunde gegen die Spanier "kritisch" - und dieses Wort wählte tatsächlich niemand Geringeres als der Bundestrainer Jupp Derwall höchstpersönlich.

Schon zwei Jahre zuvor hatte Karl-Heinz Rummenigge eine Abstimmung unter den Spielern veranstaltet, mit der Frage, ob es mit Derwall noch weitergehen solle. Damals hatte der DFB-Coach, der den Beinamen "Häuptling Silberlocke" wegen seiner früh ergrauten Haare trug, noch die Mehrheit der Spieler hinter sich vereinen können. Doch spätestens nach einem völlig missglückten Trainingslager im Februar im kalten Bulgarien ("Das hier ist nur was für Kühnhackl", Karl-Heinz Rummenigge) - weswegen sogar die Bundesliga pausierte - war die Unterstützung für Derwall geschwunden.

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Als dann auch noch sein wichtigster Akteur, Mittelfeld-Regisseur Bernd Schuster, die Reise nach Frankreich wegen eines Fußbruchs absagen musste, war es um den Teamspirit endgültig geschehen. Erste Anzeichen einer Spieler-Meuterei gab es dann schließlich wenige Tage vor dem Start des Turniers, als die Gladbacher Lothar Matthäus und Hans-Günter Bruns die nächtliche Ruhestunde ignorierten und alkoholisiert ins Hotel heimkehrten.

"Leichtathleten, keine Fußballer"

Allen Beobachtern vor Ort in Frankreich war anschließend klar: Sollte die deutsche Nationalelf frühzeitig bei diesem Turnier scheitern, dann wäre Jupp Derwall nicht mehr zu halten. Und tatsächlich kam dann letztendlich alles genau so, wie es zwangsläufig nach dieser Vorbereitung kommen musste. Das deutsche Team schied im dritten Vorrundenspiel wegen eines Treffers des Spaniers Maceda zum 1:0 in der 90. Minute unglücklich aus. Ein Unentschieden hätte zum Weiterkommen an diesem Tag gereicht. Und obwohl Jupp Derwall anfangs noch bereit war, um seinen Job zu kämpfen ("Ich bleibe natürlich bis 1986 Bundestrainer"), gab er schließlich zwei Tage nach dem Ausscheiden genervt und entkräftet auf: "Ich will mithelfen, zum Wohle des deutschen Fußballs das Beste aus der kritischen Situation zu machen."

Der DFB war, wie so häufig in seiner Geschichte, von diesem Rücktritt überrascht und in der Folge auch überfordert. Präsident Hermann Neuberger brachte zwar den Stuttgarter Meistertrainer Helmut Benthaus ins Gespräch, doch zu diesem Zeitpunkt hatte die mächtige Boulevardpresse schon längst jemand anderen in Stellung gebracht: Franz Beckenbauer. Doch der zierte sich noch, da auch ihm nicht entgangen war, dass die Probleme groß waren: "Wir büßen für alte Fehler. Auf deutschen Fußballplätzen wurden Leichtathleten herangezogen, keine Fußballer."

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Bestseller-Autor und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein legendäres Anekdoten-Schatzkästchen. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und seinem Buch mit den besten Kolumnen ("Zwischen Puff und Barcelona") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Indirekt sprach der "Kaiser" dabei von Hans-Peter Briegel, der "Walz aus der Pfalz", der erst in späten Jahren zum Fußball gefunden hatte, weil er zuvor ein begabter Fünfkämpfer (dreimal deutscher Jugendmeister) gewesen war. Doch gerade dieser Briegel war einer der begehrtesten Spieler der DFB-Elf zu diesem Zeitpunkt - und wechselte nach der EM nach Italien zu Hellas Verona. Doch tatsächlich stand Briegel für das neue "alte" Deutschland, dass nicht mehr spielerisch für Furore sorgte, sondern wieder von Fußball-Europa als "teutonische Panzer" belächelt wurde.

Der neue König von Europa

Doch nicht nur im Ausland war der deutsche Fußball an einem neuen Tiefpunkt angekommen. Auch in der Heimat hatten die letzten Jahre tiefe Spuren hinterlassen. Und so durften die niederschmetternden Ergebnisse einer Umfrage des Emnid-Instituts eigentlich niemanden mehr überrascht haben: Der Beruf des Profifußballers rangierte noch hinter Grundstücksmaklern und Finanzbeamten auf dem allerletzten Platz.

Als schließlich die "Bild"-Zeitung mit der Schlagzeile "Derwall vorbei - Franz: Bin bereit" auf der ersten Seite dick aufmachte, war die Sache klar: Der neue Hoffnungsträger des deutschen Fußballs war gefunden. Der Welt- und Europameister Franz Beckenbauer durfte - flankiert von der Boulevardpresse - das Zepter übernehmen. Wie schwierig diese Aufgabe allerdings auch für den vom Glück verfolgten "Kaiser" noch werden sollte, sollte man nicht zuletzt vier Jahre später bei der Heim-Europameisterschaft sehen.

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Unterdessen feierte man in Frankreich mit dem Gastgeber einen würdigen Sieger des Turniers. Michel Platini, hieß der neue König von Europa, der nicht nur Torschützen-König der EM wurde, sondern mit seiner Klasse oftmals den berühmten "Champagner-Fußball" der Équipe Tricolore prägte. Und noch ein anderes Team wusste zu begeistern. Die Dänen spielten erstmals ihren in den Folgejahren häufig als "Danish Dynamite" bezeichneten Powerfußball und scheiterten erst denkbar knapp gegen Spanien im Halbfinale im Elfmeterschießen. Ausgerechnet ihr großer Superstar Preben Elkjar-Larsen schoss dabei den entscheidenden Ball übers Tor.

Doch anschließend sagte ihr deutscher Trainer Sepp Piontek einen Satz, der auch für seine Landsleute, die von nun an von ihrem neuen Teamchef Franz Beckenbauer trainiert werden sollten, hätte gelten können: "So ist das Leben, Kinder. Da kann man nichts machen. Seid nicht traurig - trinken wir einen!" Prost und bis in vier Jahren.

Quelle: ntv.de

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