Redelings Nachspielzeit

Sepp Maiers geheimes Video Nackte Nationalspieler und der WM-Pokal

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Echte Liebe.

(Foto: imago sportfotodienst)

Lothar Matthäus splitterfasernackt - nur mit dem WM-Pokal vor den Lenden? Ein selig tanzender Kaiser, dazu erotisch posierende Spielerfrauen und frivole Einblicke hinter die Kulissen des Fußballs? Hat es alles gegeben - in einem privaten Video des Torwart-Trainers Maier. Eine irre Story!

Beinahe hätte es dieses Video nie gegeben. Nur für einen Moment hatte Sepp Maier damals nicht aufgepasst - und schon war die Tasche mit der Videokamera und sämtlichen Kassetten aus dem fahrenden Auto gestohlen. Es war der Tag nach dem WM-Gewinn der deutschen Nationalmannschaft in Italien 1990. Die Fußball-Helden ließen sich gerade in Cabrios durch das feiernde Frankfurt kutschieren, als es passierte.

Sepp Maier hat diesen verflixten Moment verflucht - bis es ihm nach quälenden Minuten, Stunden und Tagen endlich gelang, den wertvollen Inhalt der Tasche wiederzuerhalten. In einem zwielichtigen Lokal nahe dem Frankfurter Bahnhof bekam Maier gegen eine Zahlung von 1000 Mark die Kassetten zurück. Was für eine irre Geschichte!

Vor genau dreißig Jahren sah Fußball-Deutschland zum ersten Mal Bilder dieses herausragenden Zeitdokuments, das der Torwart-Trainer der DFB-Elf während der ereignisreichen Wochen der Männer-Gemeinschaft in Italien gefilmt hatte, in einer bunten Sportillustrierten. Und die Leser staunten nicht schlecht, als sie die intimen Ausschnitte aus Maiers Werk, das er selbst das "verrückteste Ding, das ich je gedreht habe" nannte, via Fotos betrachten durften. Was hatte der Weltmeister von 1974 da nur für einen feinen Schatz für die Nachwelt konserviert.

Ein einzigartiges Zeitdokument

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Dreißig Jahre später wirken die Bilder wie aus einer vollkommen anderen Zeit. Doch schon damals sorgten die Ausschnitte des "geheimen WM-Videos" für große Schlagzeilen. Solch private Blicke hinter die Kulissen des Fußballs hatte es zuvor noch nie gegeben. Staunend sahen die Leser einen etwas deplatziert wirkende Kanzler Kohl in der Kabine nach dem Triumph von Rom mit einem Coca-Cola-Plastikbecher, gefüllt mit Champagner, in der Hand.

Eine verschwitzt rauchende Angela Häßler in den Morgenstunden nach dem Finale in erotischer Pose - mit der Bild-Unterschrift dazu: "Regisseur Sepp hielt mit sicherem Auge fürs Schöne die Kamera auf sie. 'Nur weniger rauchen sollte sie schon, damit sie so hübsch bleibt'". Und den "Kaiser" Franz Beckenbauer höchstpersönlich bei einem Ausflug mit den Frauen und Kindern der Nationalspieler zum Comer See, bei dem er das Baby von Klaus Augenthaler unsicher und mit "ängstlichem Blick" in den Armen wog. Dazu einen angetrunkenen Bodo Illgner, diverse Kicker nackt unter der Dusche und einen selig lächelnden, oberkörperfreien Rudi Völler mit dem WM-Pokal in den Händen.

Es dauerte noch weitere zwanzig Jahre, bis Sepp Maier seinen kompletten Film erstmals einer breiteren Öffentlichkeit präsentierte. Beim Fußballfilmfestival "11mm" zeigte der ehemalige Torwart-Trainer 2012 in Berlin die über so viele Jahre sehnsüchtig erwarteten knapp sechzig Minuten, die unter dem Titel "We are the champions" liefen. Als sich die Leinwand nach dem Film verdunkelte, begriffen viele im Saal erst, warum dieses einzigartige Stück Zeitgeschichte so lange unter Verschluss gehalten wurde - und eigentlich ja auch nur für den privaten Gebrauch gedacht war.

Die kleine Kamera

Besonders eine Szene blieb allen Zuschauern noch lange im Gedächtnis - es war die des komplett nackten DFB-Kapitäns. Lothar Matthäus hatte in diesem Moment nur den WM-Pokal als Schutz in den Händen. Und als Sepp Maier seine Kamera direkt auf ihn richtete, hielt der taufrische Weltmeister die goldene Statue im Überschwang des Triumphs listig lächelnd, leicht angeschrägt vor seine Lenden. Ein Bild, das man nicht mehr vergisst, wenn man es einmal gesehen hat.

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Während Maiers private Aufnahmen Monate nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft bei einem Treffen der Nationalspieler gefeiert wurden, sorgte ein anderes Dokument dieser verrückten Tage von Italien im Nachhinein für viel Ärger. Denn Pierre Littbarski hatte eine ähnliche Idee gehabt wie der Bundes-Torwarttrainer - doch aus einem ganz anderen Motiv heraus.

In Maiers Film ist gut zu erkennen, wie der beliebte Dribbel-König Littbarski die wunderbaren Momente dieser besonderen Zeit konsequent mit einer kleinen Pocketkamera festhielt. Was damals noch niemand ahnte: Littbarski hatte schon vor der Weltmeisterschaft einen Vertrag unterschrieben, in dem die Veröffentlichung dieser Fotos in einem Magazin mit dem Titel "Mein WM-Album - Bilder, die noch keiner sah" fixiert worden war.

Ziemlich viel Ärger für Littbarski

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und Projekten gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Eigentlich keine große Sache, sollte man denken, doch einem Mann gefiel diese Idee überhaupt nicht, wie Littbarski später in seinem Buch "Litti. Meine Geschichte" berichtete: "Das Ganze hätte vielleicht ein paar Tausend Mark gebracht, die ich ohnehin einer karitativen Organisation spenden wollte. Matthäus behauptete nun öffentlich, dass ich die ganze Sache bereits vor der WM geplant hätte, niemandem etwas gesagt und heimlich den großen Reibach damit hätte machen wollen. Ein lächerlicher Vorwurf. Ich war damals unheimlich enttäuscht von Matthäus. Er fand überhaupt nichts dabei, die Frauen der anderen Spieler während der WM privat zu einem Essen einzuladen und mit einer Illustrierten heimlich darüber eine Geschichte zu vereinbaren. Silvia Matthäus verlangte von den Ehefrauen, dass sie sich im Garten in einer Reihe aufstellten, damit der Fotograf ein paar schöne Bilder machen konnte. Keiner hat damals gefragt, was dafür bezahlt wurde." Eine wahrhaft kniffelige Angelegenheit.

Doch Littbarski musste sich nach der WM nicht nur mit seinem Kapitän Lothar Matthäus auseinandersetzen - er bekam noch mehr Ärger. Denn das Magazin entwickelte sich zu einem echten Ladenhüter. Schließlich sollte Littbarski sogar seinen Verlag auf die Auszahlung eines Honorars verklagen - und zudem einen Altpapierhändler damit beauftragen, ihn von dem Magazin zu erlösen: "In meiner Garage stehen zehn Paletten mit 5.000 Exemplaren. Tut mir den Gefallen, und holt die Dinger ab."

All solche Sorgen hatte Sepp Maier nie. Als vor genau dreißig Jahren die ersten Bilder seines legendären Films in der "Sport Bild" veröffentlicht wurden, rekelte sich der damalige Bundes-Torwarttrainer entspannt auf seinem gemütlichen TV-Sessel und verkündete, dass er einfach nur "stolz" auf seinen Film sei. Vollkommen zu Recht. Im Nachhinein muss man sagen: Gut, dass die Diebe damals die richtige Entscheidung fällten und das Material nicht einfach vernichtet haben. Diese besonderen Bilder hätten sonst nie das Licht der Öffentlichkeit erblickt - und wir alle wären um eine schöne Erinnerung an die wunderbaren Tage des Sommers 1990 ärmer gewesen.

Quelle: ntv.de

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