Redelings Nachspielzeit

Redelings über den Quatscher Thomas Müller und die Leichtigkeit des Seins

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"Ich habe Maradona aus zeitlichen Gründen nicht mehr so erlebt": Thomas Müller.

(Foto: imago/Ulmer)

Gegen die Niederlande steht Thomas Müller vor seinem 100. Spiel für die DFB-Elf. Joachim Löw setzt auf ihn - aber mehr als Kommunikator denn als Spieler. Kein Wunder, dass da ein wenig Lockerheit verloren geht. Was bringt die Zukunft?

Es ist lächerlich. Im Grunde ist es sogar schwachsinnig, Thomas Müller irgendetwas einreden zu wollen. Wie soll der gute Mann auch vor Lockerheit und Leichtigkeit strotzen, wenn um ihn herum alles auseinanderbricht? Der FC Bayern - ein Schatten vergangener Tage. Die deutsche Fußball-Nationalelf - eine Mannschaft im Umbruch. Und immer mittendrin - Thomas Müller. Gerade einmal erst 29 Jahre jung, aber gefühlt bereits auf dem Abstellgleis. Abteilung altes Eisen. Teil einer glorreichen Vergangenheit, die Zukunft jedoch wartet mit neuen Namen auf.

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Erste Begegnung am 3. März 2010: Thomas Müller und Diego Armando Maradona.

(Foto: imago sportfotodienst)

Müller ist zwar noch mit dabei, aber eher nicht als Spieler. Oder wie Bundestrainer Joachim Löw es ausdrückt: "Thomas Müller hat sich vielleicht zuletzt nicht so gezeigt. Aber er ist ein Antreiber, der mit den jungen Spielern spricht. Von daher ist Thomas weiter absolut wichtig." Der begnadete und gefeierte Raumdeuter ist also nur noch als Quatscher wichtig? Früher hat man die alternden Schauspiel-Diven jammern hören, dass es in Hollywood für sie keine Rollen mehr gäbe. Heute leidet man mit Thomas Müller, der acht Jahre nach seinem umjubelten Debüt für die Nationalelf plötzlich nur noch die Nebenrolle als Bindeglied zwischen alt und jung besetzt. Man fragt sich unwillkürlich: Wo ist nur die Zeit geblieben?

Müllers Debüt ist mittlerweile eine Legende - war sein Start in der Nationalelf doch so sinnbildlich für all das, was folgen sollte: Schräg, skurril und immer unterhaltsam ist dieser Thomas Müller von Anfang an gewesen. Es war am 3. März 2010, als Argentinien mit dem Trainer Maradona zu einem Länderspiel nach München kam. Der argentinische Weltmeister hatte nach der Partie schon Platz genommen und wartete nur noch auf den Beginn der Pressekonferenz, als sich Thomas Müller auf den Stuhl neben ihn setzte. Maradona fühlte sich in seiner Ehre verletzt. Er erkannte Müller schlicht nicht, obwohl dieser kurz zuvor noch genau vor seinen Augen rechts außen die Linie rauf und runter gerannt war.

"Mertesacker ist auf jeden Fall größer"

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Maradona stand pikiert auf und verließ den Presseraum. Müller schaute dem Weltmeister von 1986 irritiert hinterher. Als er wenige Minuten später zur Rückkehr überredet werden konnte, rechtfertigte der Argentinier sein Verhalten folgendermaßen: "Entschuldigung, ich wusste nicht, dass das ein Nationalspieler war. Ich bin es gewohnt, dass hier nur die Trainer sitzen." Müller lernte er vier Monate danach noch etwas ausführlicher kennen. Mit 4:0 warf Deutschland Maradonas Team aus dem WM-Turnier. Müller wurde Torschützenkönig. Als man ihn nach dem Eklat von München fragte, wie er Maradona als Fußballer erlebt habe, antwortete der 1989 geborene Müller: "Ich habe Maradona aus zeitlichen Gründen nicht mehr so erlebt."

Das Jahr 2010 war ohnehin ein verrücktes Jahr für Müller. Innerhalb weniger Monate gelang dem jungen Mann aus Weilheim in Oberbayern der Durchbruch in der Bundesliga und im Nationalteam. Kurz vor der Weltmeisterschaft sagte Müller: "Ich merke schon, was auf mich einprasselt. Doch schon seit August höre ich ständig das Wort vom Aufstieg. Ich habe ein Jahr lang darauf gut reagiert. Ich versuche mir nicht einzubilden, dass ich jetzt schon der Größte bin. Per Mertesacker ist auf jeden Fall größer." Ein typischer Müller.

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Tja.

(Foto: imago sportfotodienst)

Die Leute lernten ihn lieben, weil er stets seine gute Laune behielt. Und weil er auf dem Spielfeld immer alles gibt, wohlwissend, dass der Fußballgott kein Füllhorn mit Talent über ihm ausgeleert hat: "Ich definiere mich eben über die Effizienz und Gradlinigkeit. Wenn ich mal irgendwo bin und ein kleines Kind fragt mich: 'Zeig mir mal ein paar Tricks', muss ich sagen: 'Ich kann keine Tricks.' Die wollen dann immer irgendwelche Zaubereien sehen, Ball hoch halten, viermal um die eigene Achse und so was. Aber das war noch nie mein Fachgebiet."

"Mehr Haare am Rücken als auf dem Kopf"

Gegen die Niederlande kann Thomas Müller am kommenden Montag in Gelsenkirchen (ab 20.45 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) sein 100. Länderspiel bestreiten, wenn er an diesem Donnerstag im Testspiel gegen Russland in Leipzig (ebenfalls ab viertel vor neun) zum Einsatz kommt. Dennoch stehen die Signale gefühlt auf Abschied. Eine seltsame Situation, die viel mit dem katastrophalen Abschneiden der Nationalelf bei der WM 2018 in Russland und dem Niedergang des FC Bayern und seiner Führungsspieler in den vergangenen Wochen zu tun hat.

Die jugendliche Unbekümmertheit, die Müller immer so sehr auszeichnete und ihn besonders machte, ist scheinbar Vergangenheit. Vermutlich kann er das Gerede darüber schon lange nicht mehr hören. Verständlich ist das. Doch die Frage, die sich alle Fußballfans und alle Anhänger von Thomas Müller - da gibt es nicht wenige - stellen: Schafft der Mann aus Weilheim in Oberbayern es noch einmal, sich neu zu erfinden? Und findet er zu einer neuen Lässigkeit im fortschreitenden Fußballer-Alter zurück?

Es wäre ihm, den Bayern und auch der Nationalmannschaft zu wünschen. Denn auch wir würden auf Thomas Müller, den Quatscher, nur sehr ungerne verzichten. Schließlich gibt es nur wenige Profis, die die Vorzüge der Routine so in Worte zu kleiden wissen wie er: "Die haben Leute dabei, die mehr Haare am Rücken haben als auf dem Kopf. Da ist natürlich mehr Erfahrung da."

 

Quelle: n-tv.de

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