Redelings Nachspielzeit

Neues Buch enthüllt BVB-Interna Wie es wirklich zum Bruch mit Tuchel kam

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Schon vor der Spielzeit 2016/17 soll es zum Bruch zwischen Thomas Tuchel und Michael Zorc gekommen sein.

(Foto: imago/DeFodi)

Die Ablösung von Thomas Tuchel bei Borussia Dortmund im Sommer 2017 sorgt für Verwunderung. Nun enthüllt eine Biografie über den Trainer ein weiteres wichtiges Mosaiksteinchen der Trennung. Es geht um einen peinlichen Zwischenfall.

Als im Frühjahr letzten Jahres das Buch "Kabinengeflüster" des heutigen Sport1-Chefs Pit Gottschalk erschien, dachte die Fußball-Öffentlichkeit, den Grund für die rigoros vollzogene Ablösung von Thomas Tuchel als BVB-Trainer im Frühsommer 2017 endgültig zu kennen. Die Art und Weise der damaligen Kündigung hatte zuvor für viel Beachtung und Erstaunen gesorgt - war Tuchel doch gerade erst mit Borussia Dortmund DFB-Pokalsieger in Berlin geworden.

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Thomas Tuchel überwarf sich mit BVB-Boss Aki Watzke.

(Foto: imago/Jan Huebner)

Doch Gottschalk beschrieb in seinem Buch, wie die Ereignisse nach dem versuchten Anschlag auf den BVB-Mannschaftsbus vor dem Champions League Spiel des BVB gegen den AS Monaco am Abend des 11. April 2017 aus den Fugen gerieten. Vor allem die neue Ansetzung der Partie direkt am folgenden Tag hatte damals für eine Menge Unstimmigkeiten gesorgt. Denn nicht jeder sei glücklich über diese Entscheidung gewesen.

Auch Aki Watzke und der BVB taten sich schwer mit dieser unmittelbaren Ansetzung, doch Terminschwierigkeiten konnten nicht einfach weggewischt werden. Und so stellten die Dortmunder ihren Spielern frei, ob sie an diesem Abend mitwirken wollten. Thomas Tuchel, schrieb Gottschalk, soll in einer ersten Reaktion nicht gegen die zeitnahe Spielansetzung gewesen sein. Er habe sich sogar auf die "Energie im Stadion" gefreut.

Als jedoch am folgenden Morgen zwei Spieler - Marco Reus und Gonzalo Castro - Bedenken äußerten und im Zuge der Aussprache Tränen flossen, soll es beim Verlassen der Umkleidekabine zu einer folgenschweren Äußerung von Tuchel gekommen sein, wie ein Spieler Gottschalk später berichtete. Der damalige BVB-Trainer soll gefragt haben: "Und mit diesen Weicheiern soll ich die Bayern schlagen?"

"Peinlicher Zwischenfall" auf Sylt

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Nachdem die Partie gegen Monaco mit 2:3 verloren worden war, schwenkte Thomas Tuchel um. Nun hielt auch er die zeitnahe Ansetzung für falsch: "Die Termine werden vorgegeben, und wir haben zu funktionieren." Wie Gottschalk richtig bemerkte: "Jeder Satz: eine Ohrfeige für Watzke".

Wenige Wochen später verleugnete BVB-Geschäftsführer Watzke in einem ungewohnt freizügigen Interview mit der WAZ in Essen seine Probleme mit dem Trainer erst gar nicht mehr. Auf die Frage, ob ein Dissens zwischen ihm und Tuchel bestehe, antwortete er klar und völlig unmissverständlich: "Das ist so, ja." Was dann folgte, ist mittlerweile Bundesliga-Geschichte. Und eigentlich dachte man, damit wäre die Story des großen Missverständnisses zwischen dem BVB und Thomas Tuchel komplett auserzählt. Doch da irrte die Fußball-Öffentlichkeit.

Denn was die beiden Autoren Daniel Meuren und Tobias Schächter nun in ihrer fundierten und äußerst lesenswerten Biografie über den heutigen Trainer des aktuellen französischen Meisters Paris Saint-Germain schreiben, offenbart, dass der eigentliche Bruch der Dortmunder Führung mit ihrem Coach bereits vor der Spielzeit 2016/17 passiert war. Und zwar aufgrund eines "peinlichen Zwischenfalls" auf Sylt, wie die Autoren berichten, wohin sich Tuchel zusammen mit BVB-Manager Michael Zorc und Chefscout Sven Mislintat zu einer Kaderplanungsklausur zurückgezogen hatten.

Tuchel verschickt verhängnisvolle Nachricht

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Bens aktuellem Buch und seinem gleichnamigen Tourprogramm ("Fußball. Die Liebe meines Lebens") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Meuren und Schächter schreiben über dieses Treffen: "Allzu viel Harmonie herrscht nicht auf der Insel, angeblich ist Tuchel mit der Transferpolitik des Klubs nicht einverstanden. In vereinsnahen Kreisen bei Borussia Dortmund hält sich überdies hartnäckig ein Gerücht: Der Trainer habe sich wegen der Differenzen Luft machen wollen und auf seinem iPhone deswegen eine Textnachricht an seinen Berater Olaf Meinking formuliert. In dieser habe Tuchel die BVB-Verantwortlichen scharf kritisiert. Tuchel schickt die iMessage ab - sie landet an der falschen Adresse. Der Trainer hat sie versehentlich an Michael Zorc geschickt. Tuchel bemerkt seinen Fauxpas und entschuldigt sich kurz darauf. Zorc ist erschüttert."

In der Folge habe sich Zorc umfassend mit vielen im Verein beraten, was nun zu tun sei, wäre aber schlussendlich zu der Überzeugung gekommen, die "Sache zu schlucken". Doch "die Sache" rumorte ganz offensichtlich weiter. Und nicht nur beim Manager selbst. Als es in der Winterpause wegen eines möglichen Transfers zu erneuten Unstimmigkeiten zwischen Tuchel und Mislintat kam, woraufhin der intern überaus beliebte Chefscout und heutige Sportdirektor des VfB Stuttgart schließlich den Verein verlassen musste, stellte sich Watzke ein allerletztes Mal vor seinen Coach.

Fortan sah er sich nur mehr als "Moderator, der die Gräben kitten muss, die an vielen Stellen immer tiefer werden". Das ohnehin fragile Verhältnis war stark belastet. Einzig die sportlich vielversprechenden Ergebnisse und "die Hoffnung, mit Tuchel den ganz besonderen Trainer gefunden zu haben, der an die Erfolge aus der Klopp-Zeit anknüpfen und die Borussia vielleicht sogar auf ein noch höheres Niveau führen kann", wie die Autoren schreiben, hält das nur notdürftig gekittete Gebilde noch zusammen.

Doch, wie wir heute wissen: Der erste Bruch durch die falsch verschickte Textnachricht von Sylt hatte letztendlich tiefere Spuren hinterlassen, als es sich alle Beteiligten wohl insgeheim sogar gewünscht hätten.

Quelle: ntv.de