Olympia

"Entsetzliches Ego" und Olympia Bach ist Japans absolute Persona non grata

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Thomas Bach legte bei der Gedenkstätte Hiroshimas Blumen nieder, vor der Tür warteten die Demonstranten.

(Foto: imago images/Xinhua)

Fast ganz Japan wettert gegen Thomas Bach und fürchtet das Superspreader-Event Olympia. Der IOC-Boss facht das Feuer weiter an, indem er Hiroshima instrumentalisiert und durch das Land im Notstand jettet. Dann ist da noch diese Sache mit den "Chinesen".

"Sie sind hier nicht willkommen", steht auf den Plakaten geschrieben. "Raus hier", oder "Sagt die Olympischen Spiele ab". An diese Schilder sollte Thomas Bach mittlerweile gewöhnt sein. Wo auch immer der Boss des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) in Japan aufschlägt, verfolgen ihn einige seiner vielen Gegner im Land.

So waren die Proteste auch am vergangenen Freitag erneut zu sehen und zu hören. Als Bach das Gedenkzentrum in Hiroshima besuchte, das an die Opfer des Atombombenabwurfs 1945 durch die US-Amerikaner erinnert, während sein Vize John Coates in Nagasaki zeitgleich dasselbe tat. Eine Inszenierung, die den Japanern überhaupt nicht gefiel. Sie erkennen in der Aktion - zu einer Zeit, in der Infektionszahlen wieder ansteigen, der Notstand herrscht und die Menschen in Japan ihre Bewegung auf das Nötigste einschränken sollen - vielmehr eine Instrumentalisierung. Einen Versuch Bachs, sich als weltmännischer Friedensapostel zu präsentieren und nach dem Friedensnobelpreis zu greifen.

Der IOC-Boss verließ mit seinem Hiroshima-Besuch die viel zitierte "Blase", in der sich alle Olympia-Beteiligten aufhalten und die das Land vor der Corona-Gefahr schützen sollte. Auch deshalb gab es eine Online-Petition gegen die Aktion mit mehr als 70.000 Unterschriften. Die Spiele seien gerade kein "Fest des Friedens", heißt es darin, weil sie vom IOC trotz Corona-Notstand durchgeboxt wurden und die "Gesundheit und das Leben der Menschen" missachteten.

70 Prozent der Japaner gegen die Spiele

Die Petition warnte ebenfalls davor, dass das Friedensbild Hiroshimas nicht "missbraucht" werden dürfe. Auch andernorts war der Vorwurf der Inszenierung in Bezug auf die Orte der Atombombenabwürfe zu hören. Gerade weil Bach betont hatte, der bildträchtige Besuch habe nichts mit Politik zu tun. "Präsident Bach entblößt seine Begierde", schrieb etwa das Boulevardblatt "Nikkan Gendai". "Der Wunsch, Hiroshima zu besuchen, zeugt von einem entsetzlichen Ego und zielt auf den Friedensnobelpreis ab."

Schon länger gilt es als nicht gerade gut gehütetes Geheimnis, dass Bach auf eben jene Auszeichnung für besondere Verdienste der Friedensarbeit schielt und deshalb Aktionen wie in Hiroshima unternimmt, die nord- und südkoreanischen Mannschaften gemeinsam auflaufen lässt oder Flüchtlingsteams zu den Olympischen Spielen zulässt. Kritiker merken an, dass das IOC nur allzu gerne mit autoritären Regimen kooperiert, weisen auf Bachs vielfältige ökonomische Interessen hin und werfen ihm Doppelzüngigkeit vor, wenn er meint, seine Auftritte würden nicht politisieren.

In Japan ist der Gegenwind für Bach so heftig wie mannigfaltig, etwa 70 Prozent der Japaner sprechen sich gegen die Spiele aus. Selbst der japanische Autoriese Toyota, einer der Top-Sponsoren der Spiele, zog am Montag kurzfristig bereits vorbereitete Werbespots aus dem Verkehr und lässt seinen Chef nicht an der Eröffnungszeremonie am 23. Juli teilnehmen. Die Angst vor Imageschäden ist groß, das hat auch mit dem Auftreten des IOC-Präsidenten zu tun.

Geringe Impfquote, große Angst

Dazu brodelt es in der Gesellschaft. Eine jüngste Petition, um Olympia doch noch abzusagen, wurde mit 450.000 Stimmen an die japanische Regierung übergeben. Im Mai hatte Bach in einer Rede an den Hockey-Weltverband gesagt: "Jeder in der olympischen Gemeinde muss Opfer bringen." Die japanische Bevölkerung reagierte schockiert, während das Olympische Komitee schnellstmöglich zurückruderte.

Viele der japanischen Bürger fühlen sich von Bach und seiner Propaganda-Maschine vor den Kopf gestoßen. Dass etwa 60.000 Beteiligte aus aller Welt in das von Corona gebeutelte Land reisen und dass der IOC-Boss die Spiele gegen alle Widerstände eiskalt durchdrückt und damit Menschenleben aufs Spiel setzt, ist für die 126 Millionen Japaner ein Schlag ins Gesicht. Nur etwa 20 Prozent von ihnen sind vollständig geimpft. Dass Bach sich jetzt erneut für Zuschauer bei Olympia einsetzt, sollte sich die Corona-Lage während der Spiele verbessern, sorgt nur noch für Kopfschütteln im Land.

Tausende Ärzte hatten sich für eine Absage der Spiele eingesetzt. Bach ließ als Antwort folgen, dass eine Absage nie eine ernst zu nehmende Option gewesen sei. Die Infektionszahlen in Japan steigen rasant an und die Angst, dass wieder Infektionshöchststände wie im März und Mai erreicht werden und neue Varianten ins Land gelangen könnten, erscheint realistisch. Besonders, nachdem bereits erste Corona-Infektionen im Olympischen Dorf aufgetreten sind. Die "Blase", die laut Bach sicher sein sollte, ist schon vor der Eröffnungsfeier geplatzt. Japanische Zeitungen berichten von überfüllten Flughäfen und verwirrten Hotelangestellten, die Olympia-Teilnehmer und andere Gäste nicht unterscheiden könnten.

Bachs Blase ist geplatzt

Inländische und ausländische Medien kritisieren, dass die Bewegungsfreiheit von Journalistinnen und Journalisten bei den Spielen in Tokio - und damit die Pressefreiheit - massiv eingeschränkt sein wird. IOC-kritische Berichterstattung wird es dadurch weniger geben. Viele Medienvertreterinnen und -vertreter (wie der Autor dieses Textes) sind zu Hause geblieben.

Die Olympischen Spiele kosten natürlich auch viel Geld. Milliarden an Steuergeldern gibt Japan aus - während Corona-Regeln und -Verbote der Gesellschaft und der Wirtschaft zusetzen. Kaufhäuser und Restaurants müssen um 20 Uhr schließen, letztere dürfen schon länger keinen Alkohol mehr ausschenken und bangen um Umsätze.

Neben der japanischen Bevölkerung steht ein weiterer Verlierer der Olympischen Spiele schon vor ihrem Beginn fest. Als wäre der Gegenwind nicht heftig genug, trat Thomas Bach gleich zu Beginn seines Aufenthalts in Japan noch einmal in ein riesiges Fettnäpfchen. Bei seiner ersten Pressekonferenz wollte er eigentlich die Angst der Japaner mindern, sprach sie aber als "Chinesen" an. Um zur Persona non grata Nummer eins in Japan zu werden, hätte Bach diesen Fauxpas jedoch gar nicht mehr benötigt.

Quelle: ntv.de

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