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Feintuning für den Neustart Muss die Corona-Tracking-App kommen?

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Mit der richtigen Tracking-App könnte die Corona-Pandemie zielgerichteter bekämpft und einschränkende Maßnahmen schneller zurückgefahren werden.

(Foto: imago images/Sven Simon)

Mit den genauen Daten einer Tracking-App könnte es gelingen, das Coronavirus gezielter als bisher auszubremsen. Eine permanente Ortung der Menschen wäre ein zu tiefer Eingriff in die Freiheitsrechte. Richtig umgesetzt ist eine Tracking-App aber vielleicht das richtige Mittel zur richtigen Zeit.

Dass jetzt alle Menschen in ihrer Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt sind und soziale Kontakte auf ein Mindestmaß begrenzt wurden, liegt daran, dass Politik und Wissenschaft nicht mehr in der Lage waren, mit gezielten Maßnahmen die in Deutschland grassierende Corona-Pandemie wirksam einzuschränken. Virologe Alexander Kekulé schreibt in der "Zeit", die Bundesregierung fahre dieser Tage ohne funktionierende Navigationssysteme auf Sicht. Die Prävention sei gescheitert, eine Kontrolle der Pandemie durch eine frühe Identifizierung und Unterbrechung von Infektionsketten nicht mehr möglich. Jetzt komme es darauf an, mit einschneidenden Maßnahmen wieder die Phase zu erreichen, in der die Ausbreitung des Virus kontrolliert werden kann.

Alles eine Zeitfrage

Dabei gilt es einerseits, den Anstieg der Infektionen und schweren Erkrankungen so stark zu verlangsamen, dass das Gesundheitssystem die Herausforderung irgendwie bewältigen kann. Es wird Zeit für die Vorbereitung benötigt, um Kapazitäten auszubauen, um Personal aufzustocken und auszubilden. Die Belastung muss auf einen möglichst langen Zeitraum verteilt werden, um nicht zum Kollaps des Systems zu führen. Und auch die Suche nach Medikamenten und einem Impfstoff ist keine Sache von Tagen oder Wochen, sondern von Monaten.

Andererseits muss die Politik auch darauf achten, dass die Wirtschaft so weit intakt bleibt, um die enormen Kosten der Pandemie noch bezahlen zu können und die unausweichlichen Folgen so weit wie es geht abzumildern. Trotz der Milliardenhilfen werden viele Menschen ihre Arbeit verlieren, zahlreiche Unternehmen zugrunde gehen - da darf man sich nicht in die Tasche lügen.

Je schneller man die Maßnahmen lockern kann, ohne dabei die Pandemie zu schnell fortschreiten zu lassen, desto weniger schlimm wird es kommen. Dafür müssen Politik und Wissenschaft die Kontrolle so weit wie möglich zurückerlangen.

*Datenschutz

Mehr und schneller testen

Ein Weg zurück zur Kontrolle könnte über mehr und schnellere Tests führen, wie sie Kekulé fordert. Sie müssten mit "Smart Distancing" kombiniert werden, bei dem es genüge, mindestens zwei Drittel aller Infektionen zu vermeiden. Für den Fall, dass ein Zwei-Meter-Abstand nicht eingehalten werden kann, seien einfache Schutzmasken ausreichend, um dies zu bewerkstelligen. Im Endeffekt könne man sich dann auf den Schutz der Risikogruppen konzentrieren, um die Wirtschaft und das soziale Leben zügig aus dem künstlichen Koma holen zu können, schreibt er. Drastischere Maßnahmen wie eine Mobilfunkortung seien dafür nicht nötig.

Andere Virologen bezweifeln allerdings, dass die Test-Kapazitäten noch deutlich gesteigert werden können. Derzeit gebe es die Kapazität, mehr als 500.000 Tests pro Woche durchzuführen, sagt Christian Drosten. Dass die Zahl noch signifikant gesteigert werden könnte, bezweifelt er. Man müsse die Tests nach der aufwendigen PCR-Methode künftig wohl noch zielgerichteter einsetzen.

Wissen, ob man gefährdet ist

Eine andere beziehungsweise zusätzliche Möglichkeit, nur dort zu beschränken, wo es nötig ist, könnten Daten einer Tracking-App liefern. Mit ihnen könnte man feststellen, wer einer infizierten Person so nahe gekommen ist, dass eine Gefahr der Ansteckung besteht. Nach der aktuellen Abstandsregel wäre dies wahrscheinlich ein Zwei-Meter-Radius.

Die große Frage ist, ob sich so eine App mit dem Datenschutz vereinbaren lässt und Behörden kein Kontrollmittel in die Hand gegeben wird, das sie später vielleicht nicht mehr hergeben wollen. Wie man es richtig macht, zeigt Singapur. Die dort eingesetzte App ortet die Nutzer nämlich nicht, sondern speichert lediglich die ID eines Smartphones, das sich für eine bestimmte Zeit in riskanter Distanz befunden hat. Der Austausch der Informationen geschieht via Bluetooth, auch "digitaler Handschlag" genannt. Namen oder andere persönliche Informationen werden nicht übermittelt.

Die staatliche Kontrolle bleibt bei dieser App vollkommen außen vor. Wenn ein Nutzer positiv getestet wurde, gibt er dies in der App ein und alle Personen, die gefährdet sind, bekommen eine Mitteilung. Sie können sich dann beispielsweise ganz ohne Behördenkontakt in freiwillige Quarantäne begeben. Ein Alarm könnte aber auch als Berechtigung bei Testzentren vorgezeigt werden. Ähnlich funktioniert offenbar die App "Stopp Corona" des österreichischen Roten Kreuzes. Eventuell ist es auch sinnvoll, Daten über Hotspots anonym den Behörden zur Verfügung zu stellen, damit diese punktuelle Präventivmaßnahmen umsetzen können.

Man muss schnell entscheiden

Der Nutzen einer solchen datensparsamen App wäre enorm. Trotzdem muss es unbedingt freiwillig geschehen, niemand, der in Deutschland lebt oder sich dort aufhält, darf gezwungen werden, sie zu installieren. Es müssten außerdem Kontrollmechanismen und -instanzen geschaffen werden, die einen Missbrauch verhindern.

Eine Umfrage der Universität Oxford hat ergeben, dass 70 Prozent der Befragten eine "Corona-App" installieren würden. Wenn die Menschen überzeugt sind, dass sie nicht zur stärkeren Überwachung eingesetzt werden kann, wäre eine Akzeptanz wahrscheinlich noch höher, schreibt der Initiator der Umfrage in einem Gastbeitrag für "Netzpolitik.org".

Eine Ortungs-App, die Menschen entmündigt, verfolgt und auf Schritt und Tritt bewacht, ist inakzeptabel. Aber über eine Smartphone-Anwendung, die ohne Zwang und ohne den Datenschutz zu verletzen, enorm wertvolle Informationen für einen zielgerichteten Kampf gegen die Corona-Pandemie liefern kann, muss ernsthaft nachgedacht werden. Und zwar schnell, weil wir keine Zeit zu verlieren haben.

Quelle: ntv.de