Wirtschaft

Abhängigkeit von Gasexporten Putin braucht die Pipeline

Mit jeder Eskalation an der Grenze zur Ukraine sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass Nord Stream 2 in Betrieb genommen wird. Für Deutschland ist das verkraftbar: Die Abschaltung der Pipeline würde allenfalls höhere Gaspreise bedeuten. Doch Russland hat mit Nord Stream 2 viel mehr zu verlieren.

Erst ein Treffen mit US-Präsident Joe Biden, dann mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj: Bundeskanzler Olaf Scholz nimmt die Worte Nord und Stream und die Zahl zwei nicht in den Mund. Der SPD-Politiker lässt sich lange nicht darauf festlegen, dass eine Eskalation an der russisch-ukrainischen Grenze das Aus für das Pipelineprojekt Nord Stream 2 bedeuten würde - bis er den russischen Präsidenten trifft. Erst nach dem Vieraugengespräch mit Wladimir Putin erlaubt sich Scholz, den Namen der Pipeline auszusprechen. Möglicherweise, weil er ein Zeichen setzten möchte. Und, weil er weiß, wie schmerzhaft eine solche Entscheidung für Putin wäre.

Denn so wie Deutschland sich von russischen Gasimporten abhängig gemacht hat, hat sich Russland von Gasexporten nach Europa abhängig gemacht. Die 1230 Kilometer lange Nord-Stream-2-Pipeline soll jährlich 55 Milliarden Kubikmeter Gas liefern. Zum Vergleich: 2020 hat Deutschland 86,5 Milliarden Kubikmeter Gas verbraucht. Für die Deutschen würde die noch nicht in Betrieb genommene Pipeline vor allem zu einer Preissenkung führen - für die Gasversorgung ist sie nicht notwendig. Für Putin geht es um viel mehr, als nur um die Kaufpreise.

Die Petroökonomie

In den letzten Jahrzehnten hat sich die russische Wirtschaft zunehmend in Richtung einer sogenannten Petroökonomie entwickelt. Die direkten Einnahmen aus Öl und Gas machten 2019 rund 12 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Mehr als die Hälfte der Exportwirtschaft besteht aus Erdöl und Erdgas. Und dabei bleibt es nicht. Denn rund um die Gas- und Ölförderung entstehen ganze Dörfer, Industrien und sehr hohe Löhne, die die Wirtschaft ankurbeln.

Die Abhängigkeit von Gas und Öl hat natürlich auch ihre Schattenseiten. Zwar versucht Putin, sein Land zunehmend unabhängig von fossiler Energie zu machen. In den letzten Jahren wurden Reserven aufgebaut, um die Auswirkungen von Öl- und Gaspreisschwankungen abzufedern. Inzwischen verfügt das Land über Devisenreserven im Wert von fast 600 Milliarden Dollar, was 40 Prozent des BIP entspricht - weit mehr als jedes EU-Land.

Doch die russische Wirtschaft wird immer noch von fossilen Brennstoffen angetrieben. Das macht sich vor allem in der Kopplung des Rubel-Ölpreises bemerkbar, "die eng korreliert ist", sagt Georg Zachmann, Ökonom im Bereich Gas- und Strommärkte bei der Brüsseler Denkfabrik Bruegel. Wenn die Gas- und Ölpreise steigen, steigt der Wert des Rubels - und umgekehrt natürlich auch. Als die Gaspreise zu Beginn der Pandemie einbrachen, bekam das kaum ein Land stärker zu spüren als Russland.

Die Nord-Stream-2-Pipeline mit einer Kapazität von 55 Milliarden Kubikmetern pro Jahr wäre also ein wahr gewordener Traum für Putin und seine gasabhängige Wirtschaft. Aber gleichzeitig verhindert Putin mit einer möglichen Eskalation in der Ukraine den Start dieser Pipeline: "Es ist unwahrscheinlich, dass im Falle eines Krieges Nord Stream 2 genehmigt werden wird", sagt Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. "Dies scheint Russland aber schon einkalkuliert zu haben." Entweder spielt Putin nur ein großes Pokerspiel, oder er hat tatsächlich bereits alternative Märkte für das Gas gefunden. In einer Welt, die sich von der Kohle verabschiedet, ist das gar nicht so abwegig. Bis Netto-Null erreicht ist, wird Gas immer gefragter - und das nicht nur in Europa.

Alternative Märkte

In China ist der Gasverbrauch seit 2000 massiv gestiegen. 2019 wurde die "Power of Siberia 1"-Pipeline in Betrieb genommen. Sie transportiert Gas aus Ostsibirien nach China. Mehr Gas nach Osten zu transportieren, wäre also eine Möglichkeit für Russland, den Wegfall von Nord Stream 2 zu kompensieren. Das Problem: Die Menge ist relativ überschaubar im Vergleich zu dem, was nach Europa exportiert wird. Und kurzfristig lassen sich die Exporte in den Osten auch nicht steigern. Gespräche zwischen Moskau und Peking über weitere Pipelines haben zwar bereits begonnen. Doch die Führung in China weigert sich, die Kosten für diese Projekte zu übernehmen.

Auch die Türkei könnte einen alternativen Markt bieten: Überraschenderweise hat Putin 2021 viel mehr Gas nach Ankara exportiert als zuvor. Das liegt daran, dass die Türkei die Kohleverstromung zurückgefahren und die Gaskraftwerke hochgefahren hat. Während also die Gasspeicher in Deutschland auf einem historischen Tiefstand sind, füllt Russland stattdessen die Speicher in der Türkei auf. "Es ist erstaunlich, wie viel Gas in die Türkei geflossen ist", sagt Zachmann. Vor allem wegen der derzeitigen Schwäche der türkischen Wirtschaft.

Doch das wird sich für Russland nicht mehr lange wirtschaftlich lohnen. Denn zwei Aspekte entscheiden darüber, wer wie viel für Gas aus Russland zahlt. "Länder, die Alternativen haben, bekommen einen günstigeren Preis", sagt Zachmann. Und: "Länder, die mit Russland befreundet sind, bekommen ebenfalls einen Nachlass." Seine Vermutung: Russland hat mehr an die Türkei verkauft, aber viel weniger Geld dafür bekommen als in Europa.

Langfristiges Denken

Kein europäisches Land gibt mehr Geld für russisches Gas aus als Deutschland. Eine direkte Anbindung an die Bundesrepublik durch Nord Stream 2 würde die russischen Erdgasexporte langfristig sichern - und damit auch die langfristige wirtschaftliche Entwicklung.

Andererseits würde sich für Deutschland mit oder ohne die Pipeline nicht viel an der Versorgungslage ändern, denn 90 Prozent des russischen Erdgases aus Nord Stream 2 sollen nach Ost- und Südeuropa fließen. "Es ging vorher ohne die Pipeline, es wird nachher ohne die Pipeline gehen", sagt Zachmann.

Quelle: ntv.de

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