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Stiko-Mitglied Zepp im Interview Bei Impfstoffen für Kinder ist Vorsicht geboten

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Masken tragen und Abstand halten gehört für junge Schüler in Deutschland zum Alltag.

(Foto: picture alliance/dpa)

Bisher sind Corona-Impfstoffe nur für Erwachsene zugelassen. Biontech will sein Vakzin nun auch an Kindern erproben. Stiko-Mitglied Zepp erläutert im ntv-Interview, wie getestet wird und was Impfungen für Kinder bringen können.

ntv: Biontech beginnt mit Tests seines Impfstoffs an Kindern. Wie macht man sowas eigentlich, wie geht man da vor?

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Fred Zepp ist Direktor des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin an der Universität Mainz und Mitglied der Ständigen Impfkommission.

Fred Zepp: Im Grundsatz sind die Studien genauso aufgebaut wie bei Erwachsenen. Allerdings unterliegen Kinder einem besonderen Schutz. Wir gehen bei Kindern und Jugendlichen mit größerer Vorsicht in die Medikamenten- oder auch Impfstoffentwicklung. Die Frage ist dann: Ist er in gleichem Maße für Kinder sicher und wirksam? Wir können nicht automatisch davon ausgehen, dass die Dosis, die wir beim Erwachsenen einsetzen, auch bei Kindern in gleicher Form die Abwehr-Antwort erzeugt. Ein Beispiel: Die Impfstoffe, die wir im Säuglingsalter für Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten einsetzen, sind höher konzentriert als die Impfstoffe, die ein Fünfjähriger oder gar ein Erwachsener bekommt. Bei der Influenza ist es genau umgekehrt.

Wann wissen wir mehr?

Ich denke, wir werden in der zweiten Hälfte dieses Jahres erste Ergebnisse aus diesen Studien sehen. Vielleicht gibt es dann sogar schon eine Zulassung oder bedingte Zulassung für diese Altersgruppe.

Wie wichtig wird es denn sein, dass wir auch Kinder impfen können?

Im Augenblick sehen wir bei Kindern kaum schwerwiegende Verläufe. Aber wir brauchen Impfstoffe für Kinder mit zusätzlichen Risiken, also Kinder mit angeborenen Störungen der Lungen- oder der Herz-Kreislauf-Funktion, mit Stoffwechselstörungen. Deshalb ist es ganz wichtig, dass Impfstoffe entwickelt werden. Ob es am Ende dann eine allgemeine Impfempfehlung für Kinder gibt, werden wir davon abhängig machen müssen, was ein Impfstoff in dieser Altersgruppe überhaupt erreichen kann.

In den meisten Teilen des Landes steigt die Inzidenz. Woran liegt es?

Das hat zum einen damit zu tun, dass Virusvarianten zirkulieren, die eine höhere Übertragungsrate haben. Auf der anderen Seite ist es sicherlich auch so, wenn wir mal ins öffentliche Leben schauen, dass die Menschen zum Teil auch ein bisschen nachlässiger werden in der Einhaltung von Hygiene- oder Abstandsregelungen.

Das Robert-Koch-Institut meldet den stärksten Anstieg der Infektionszahlen bei der Altersgruppe von 0 bis 14. Wie schätzen sie die Rolle der Kinder für die Pandemie ein?

Kinder infizieren sich mit dem Virus genauso wie Erwachsene. Und wenn die Inzidenz hochgeht, dann geht sie natürlich auch bei Kindern hoch. Aber es ist so, dass bei Kindern erfreulicherweise die Erkrankung häufig als banaler Infekt der oberen Luftwege oder gar ohne Symptome verläuft. Mit anderen Worten: Ja, Kinder nehmen am Infektionsgeschehen teil. Aber da sie weniger Krankheitssymptome entwickeln, geben sie natürlich das Virus in geringerem Grad weiter - denn sie niesen und husten weniger.

Dennoch werden Kinder durch geöffnete Kitas und Schulen quasi zur Drehscheibe für Infektionen. Insofern sind sie doch nicht zu unterschätzen für diese Pandemie, oder?

Ja, natürlich können sie das Virus auch weitergeben, aber nicht im selben Maße wie etwa junge Erwachsene. Wir haben durch das Landesuntersuchungsamt in Rheinland-Pfalz sehr gut anschauen können, dass sich ausgehend von infizierten Kindern relativ wenige Cluster in der Schule entwickelt haben. Es gab wenige Übertragungen von Schülern an Lehrer oder Erziehungspersonen. Und das hat wahrscheinlich damit zu tun, dass in der Schule vorbildlicher als in irgendeinem anderen Lebensbereich Hygieneregeln eingehalten werden. Vor allen Dingen die jungen Schüler halten sich an das Maskentragen und die Abstandsregeln.

Nach Ostern können also ohne Bedenken die Schulen geöffnet bleiben?

Wir müssen schauen, was in den nächsten zwei Wochen passiert. Wenn wir dann eine Zunahme haben, muss die Vorstellung, dass wir nach Ostern wieder in den normalen oder in den Wechselbetrieb gehen, genau überdacht werden. Das ist ein hochdynamisches Geschehen und zwingt Wissenschaftler und Behörden, ganz eng am Geschehen zu entscheiden, was möglich ist.

Tests könnten ja helfen. Aber oft sind diese nicht verfügbar oder werden von Lehrern und Eltern nicht angenommen. Brauchen wir eine Testpflicht für Lehrer und Schüler?

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Wir leben doch in einer aufgeklärten Gesellschaft. Der erste Weg wäre, zu versuchen, die Menschen davon zu überzeugen, dass das ein gutes Konzept ist. Gerade im Kindesalter identifizieren wir dann die wenig symptomatischen Fälle und können damit Ausbrüche besser einordnen oder verhindern.

Mit Fred Zepp sprach Doro Steitz

Quelle: ntv.de

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