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Friedrich der Große Chamäleon der Propaganda

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Das Reiterstandbild Friedrichs des Großen Unter den Linden in Berlin.

(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Für Goebbels war er "der größte Feldherr, den die deutsche Geschichte kennt", Hitler hatte sein Porträt im Führerbunker hängen: Friedrich II. von Preußen ist wohl der am stärksten instrumentalisierte Herrscher der Neuzeit. Es dauerte lange, bis der König sich davon erholte.

In der alten Bundesrepublik hatte Friedrich II. keinen guten Ruf. "Während Friedrich gern zusah, wie seine Deserteure zuschanden oder zu Tode geprügelt wurden, mussten für Hitler schon ganze Städte brennen", schreibt Rudolf Augstein 1986 aus Anlass des 200. Todestags Friedrichs des Großen. Dem "Spiegel"-Verleger war der Preußenkönig zuwider, er nannte ihn einen "zum Bösen geneigten und zum Bösen geprügelten Glücksprinzen und Schmerzensmann". Das Titelbild der "Spiegel"-Ausgabe, aus der dieses Augstein-Zitat stammt, zeigt eine aufplatzende Friedrich-Büste, in der ein Hitler zum Vorschein kommt.

Hitler als Kern Friedrichs des Großen? Heute klingt das absurd, und Augstein war wohl auch einer der Letzten, die sich über Friedrich noch richtig aufregen konnten. Denn offiziell war der Preuße längst rehabilitiert. Sogar in der DDR: Friedrichs Reiterstandbild, das 1950 nach Potsdam ausgelagert worden war, fand 1980 wieder Unter den Linden Platz.

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"Das Flötenkonzert Friedrichs des Großen in Sanssouci", ein Bild aus dem Jahr 1852. Der Maler Adolph Menzel trug mit diesem und anderen Gemälden zum öffentlichen Friedrich-Bild bei.

Der Weg dorthin war lang. Als Friedrich 1786 starb, war er zwar bereits "der Große". Doch noch lange nicht der Halbgott, zu dem die Nationalsozialisten ihn später machten. "Es herrscht Totenstille", schreibt der Marquis de Mirabeau am 17. August 1786, dem Todestag Friedrichs II., in einem Brief aus Berlin nach Frankreich, "aber keine Trauer ... Kein Bedauern wird laut, man hört keinen Seufzer, kein lobendes Wort!" Mirabeau hat den Überdruss, den es in Berlin und Potsdam nach der langen Regentschaft Friedrichs gegeben haben mag, vermutlich ein wenig übertrieben. Dafür, dass die Nachwelt eher wohlwollend auf ihn zurückblickte, hatte der König schließlich selbst gesorgt.

"Friedrich verstand es stets meisterhaft, sich zu inszenieren", sagt der Historiker Thomas Weißbrich, einer der Kuratoren der Ausstellung "Friedrich der Große - verehrt, verklärt, verdammt ...", die das Deutsche Historische Museum (DHM) in Berlin ab März zeigen wird. Als junger Kronprinz habe Friedrich den künftigen aufgeklärten Herrscher gegeben, den Musiker und Literaten. Als König habe er sich zusätzlich als Feldherr inszeniert. "Der Auftritt mit Dreispitz und Uniformrock war eine bewusste Abgrenzung von den anderen Monarchen seiner Zeit", so Weißbrich im Gespräch mit n-tv.de. Das Bild vom nahezu bedürfnislosen König habe nicht der Realität entsprochen, betont Weißbrich. Dennoch sei es Teil des späteren Mythos geworden.

Mythos unterliegt Napoleon

Einen ersten Dämpfer erhielt Friedrichs Ruf als erfolgreicher Feldherr bereits zwanzig Jahre nach seinem Tod: Gegen die bewegliche Armee Napoleons hatte das noch immer in starrer Formation kämpfende preußische Heer keine Chance: Im Oktober 1806 besiegte der französische Kaiser die Preußen bei Jena und Auerstedt. Die darauf folgenden preußischen Reformen und der Sieg über Napoleon in der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 retteten indes auch Friedrichs Renommee: Dessen Leistungen würden "erst jetzt recht sichtbar", schrieb Wilhelm von Humboldt zwei Wochen nach der Schlacht an seine Frau, "denn was man auch sagen mag, der Grund des jetzigen Impulses in Preußen kommt noch unleugbar von ihm her".

Zum 100. Thronjubiläum Friedrichs II., 1840, erschienen Ausgaben seiner Werke und Biographien, die über Jahre hinaus das volkstümliche Bild vom "großen König" beeinflussten. Sie waren voller Geschichten und Geschichtchen, die Friedrich auf die Rolle des fleißigen, volksnahen und disziplinierten Monarchen festlegten, der im Gegensatz zu den anderen gekrönten Häuptern seiner Zeit Seite an Seite mit seinen Soldaten kämpfte und tagein, tagaus nur an das Wohl seiner Untertanen dachte. In der "Geschichte Friedrichs des Großen", die in vielen Auflagen erschien und sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vermutlich in den weitaus meisten bürgerlichen Bücherschränken fand, erzählt der Verfasser Franz Kugler folgende Anekdote: Während eines Feldzugs stellte eine Frau einen Topf mit Kartoffeln auf ein Feuer, an dem auch Friedrich saß. Sie bemerkte ihn jedoch nicht, kniete nieder und "blies so eifrig in die Glut, dass die Asche Friedrich ins Gesicht flog. Er sagte nichts und zog nur den Mantel ein wenig vor. Zufällig ging ein Soldat vorbei, der den König erkannte; dieser machte das Weib auf die Nähe desselben aufmerksam; im höchsten Schreck ergriff sie ihren Topf und lief davon. Friedlich aber ließ sie zurückholen und die Kartoffeln in Ruhe an seinem Feuer gar kochen. Die Soldaten jubelten laut über ihren gnädigen König."

Im 19. Jahrhundert etablierte Friedrich sich als Marke. "Gemälde, Lebensbeschreibungen, Werkausgaben - er ist ständig präsent", sagt DHM-Kurator Weißbrich. "Unter Marketingaspekten sind das günstige Voraussetzungen, um Friedrich als Figur einzusetzen und sie in den politischen Diskussionen nutzen zu können." Den Hohenzollern war das klar: Ebenfalls 1840 wurde der Grundstein gelegt für das Reiterstandbild von Christian Daniel Rauch, das König Friedrich Wilhelm IV. im Mai 1851 einweihte. Kaiser Wilhelm II. kostümierte sich zu Karneval als Friedrich der Große. Für eine Friedrich-Statue in seiner "Siegesallee" im Berliner Tiergarten stand er selbst Modell.

Im Ersten Weltkrieg rangierte der Franzosenfreund Friedrich propagandistisch zunächst hinter Feldherrn wie Blücher, der als Sieger über Napoleon besser nutzbar war. Friedrich rückte in den Vordergrund, als es ums Durchhalten ging. 1918 erschien ein Plakat mit einem Zitat des Preußenkönigs: "Es wird das Jahr stark und scharf hergehen. Aber man muss die Ohren steif halten, und jeder, der Ehre und Liebe für das Vaterland hat, muss alles daran setzen."

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Otto Gebühr in einem der "Fridericus Rex"-Filme Anfang der 1920er Jahre.

(Foto: Karl Schenker)

Dies war auch der Friedrich der Weimarer Republik - was nicht heißt, dass die Zeitgenossen ihn ausschließlich als politische Propagandafigur verstanden. Bereits seit dem späten 19. Jahrhundert wurde Friedrich in der Werbung für Bier und Tabak eingesetzt, auch das neue Massenmedium Film entdeckte Friedrich rasch (das Filmmuseum Potsdam widmet diesem Thema eine Ausstellung). Der Schauspieler Otto Gebühr spielte Friedrich so häufig, dass er sich, wie er 1927 in einem Interview sagte, "vollständig als König Friedrich" fühlte.

Goebbels inszeniert Hitler als Erbe Friedrichs

Politisch war Friedrich eine Figur der Deutschnationalen, ursprünglich nicht der NSDAP, obwohl Hitlers Propagandachef Joseph Goebbels ein Bewunderer des Preußenkönigs war. Auf Goebbels geht denn auch die Inszenierung am "Tag von Potsdam" zurück, dem 21. März 1933, als Reichskanzler Hitler sich vom greisen Reichspräsidenten Hindenburg in der Garnisonkirche die Weihen des alten Preußen geben ließ. Die (1945 zerstörte) Kirche war nicht zufällig ausgewählt worden: Hier ruhten die Preußenkönige, an den Särgen Friedrichs II. und seines Vaters Friedrich Wilhelm I. legte Hindenburg Kränze ab. Im selben Jahr erschien eine Propagandapostkarte, die Hitler als Erben Friedrichs darstellt. Sie zeigt Friedrich, Bismarck, Hindenburg und Hitler. Darunter der Satz: "Was der König eroberte, der Fürst formte, der Feldmarschall verteidigte, rettete und einigte der Soldat."

Friedrich war endgültig zum Chamäleon der Propaganda geworden. Zunächst diente der Preuße dazu, die neue Diktatur zu legitimieren, das nationalkonservative Bürgertum mit den eher proletarischen Nationalsozialisten zu versöhnen. Stärker als im Ersten wurde Friedrich im Zweiten Weltkrieg zu Propagandazwecken eingesetzt. In einer Rede zum "Führergeburtstag" 1942 verglich Goebbels Hitler "mit dem größten Feldherrn, den die deutsche Geschichte kennt, mit Friedrich dem Großen". Nicht nur Goebbels, auch Hitler war ein großer Friedrich-Verehrer. In seinen Arbeitszimmern in Berlin und München hingen Friedrich-Porträts, selbst über Hitlers Schreibtisch im Berliner Bunker. Hier las Goebbels dem "Führer" noch im Frühjahr 1945 aus einer Friedrich-Biographie vor. Vor allem die Stelle, an der gegen Ende des Siebenjährigen Krieges (der für die Verhältnisse des 18. Jahrhunderts ebenfalls ein Weltkrieg war) Zarin Elisabeth stirbt und sich so das Schicksal unverhofft zu Friedrichs Gunsten wendet. - Auf eine solche Wendung hofften auch Hitler und Goebbels.

Das Wunder bleibt aus

Als Hitler am 13. April 1944 durch Goebbels vom Tod des US-amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt erfuhr, war er gleich elektrisiert. "Er konnte sich gar nicht beruhigen", schrieb später ein Augenzeuge, der Architekt und Rüstungsminister Albert Speer. "Goebbels und viele der Anwesenden bestätigten ihm überglücklich, wie er mit seiner hundertfach wiederholten Überzeugung recht behalten habe: Nun wiederhole sich die Geschichte, die den hoffnungslos geschlagenen Friedrich den Großen im letzten Augenblick zum Sieger gemacht habe." Doch, frei nach Karl Marx (der übrigens kein großer Freund Preußens war): Geschichte wiederholt sich nicht, es sei denn als Farce. Deutschland verlor den Krieg, und Preußen verschwand per Beschluss des Alliierten Kontrollrats von der Landkarte. Die Siegermächte vergaßen dabei nicht darauf hinzuweisen, dass Preußen "seit jeher Träger des Militarismus und der Reaktion in Deutschland gewesen" sei.

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Diese Briefmarke erschien am 12. April 1933, wenige Tage nach dem "Tag von Potsdam".

(Foto: Wikimedia)

Wie Preußen insgesamt, war Friedrich in der Nachkriegszeit zunehmend der Tabuisierung unterworfen. "Einige Friedrich-Filme, die als sehr nationalsozialistisch galten, wurden auf den Index gesetzt", sagt Ausstellungsmacher Weißbrich, "aber natürlich hatten die Filme wie auch die vielen Friedrich-Bücher weiterhin eine untergründige Wirkung." Friedrich war nun eine heikle Figur: Wer sich in der jungen Bundesrepublik als Preußen-Freund zu erkennen gab, verband damit meist ein politisches Bekenntnis, das immer weniger mehrheitsfähig war.

Für die offizielle DDR war Friedrich ein Vertreter des "reaktionären Preußentums und des militärischen Ungeistes", wie es beispielsweise in dem Buch "Meine Heimat DDR" von 1979 hieß. Das blieb nicht ohne Folgen. Das im Krieg beschädigte Berliner Schloss wurde nicht restauriert, sondern 1950 gesprengt, Rauchs Reiterstandbild, das den Krieg eingemauert überstanden hatte, wurde nach Potsdam gebracht und in einem Verschlag abgestellt.

Vergraben, versteckt, gerettet

Dieser Umgang mit Überresten der preußischen Geschichte war keine ostdeutsche Besonderheit. In West-Berlin ordnete der britische Stadtkommandant 1947 die Einebnung der Siegesallee an. Auch die dort stehenden Marmorstatuen sollten zerstört werden, Friedrich eingeschlossen. Der Befehl wurde jedoch nicht ausgeführt, ein Konservator brachte die Statuen in den Garten des Schlosses Bellevue, wo sie später vergraben wurden. Erst im Winter 1978/79 buddelte man sie wieder aus. Heute stehen sie in der Zitadelle Spandau, wo sie ab 2014 in einer Ausstellung gezeigt werden sollen.

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Von 1997 bis 2000 wurde das Reiterstandbild Friedrichs restauriert.

(Foto: dapd)

Auch das Reiterstandbild Friedrichs sollte vernichtet werden, eingeschmolzen, elf Jahre nach seinem Umzug nach Potsdam. Verhindert wurde dies vom damaligen DDR-Kulturminister Hans Bentzien, der die Figur nach eigener Aussage zu nächtlicher Stunde in eine abgelegene Ecke des Parks Sanssouci bringen und unter Strohmatten verstecken ließ. Schon 1962 wurde das Reiterstandbild dort offiziell aufgebaut. Hier fristete Friedrich nun vorerst sein Dasein, fernab der Hauptstadt der DDR. Eines Tages war er weg. "Ich hatte immer Besucher in den Park Sanssouci zu dieser Reiterstatue geführt", schrieb der Preußen-Fan Manfred Stolpe nach der Wende, "und auf einmal war sie verschwunden".

Es war 1980, als die SED Friedrich zurück unter die Linden holte. Der Umzug passte in die Zeit, eine 1979 erschienene Friedrich-Biografie der ostdeutschen Historikerin Ingrid Mittenzwei markierte ein weniger verkrampftes Verhältnis der DDR zur deutschen Geschichte. "Ein Volk kann sich seine Geschichte nicht aussuchen", schrieb Mittenzwei darin, und angeblich war es dieses Buch, das Erich Honecker auf die Idee brachte, Friedrich wieder nach Berlin zu bringen. Preußen sollte Teil einer DDR-Nationalgeschichte werden. Auch politisch mag Honecker dies ins Konzept gepasst haben: Nach einer Reise zu den "roten Preußen" wies der britische Historiker Timothy Garton Ash 1981 darauf hin, dass erst wenige Jahre zuvor an den Schulen der DDR das Fach "Wehrkunde" eingeführt worden war.

"Es ist kein Witz, der alte Fritz ist wieder da"

In West-Berlin fand 1981 derweil die große Preußen-Ausstellung statt, Untertitel: "Versuch einer Bilanz". Noch überwog die kritische Betrachtung. Dann Friedrichs 250. Todestag 1986, gefeiert in West und Ost. Längst war Friedrich kein Kriegstreiber mehr, sondern - zumindest auch - Komponist, Philosoph, Poet und innovativer Regent. Um die Sachsen nicht mit allzu viel Preußen zu verärgern, produzierte das Fernsehen der DDR die sechsteilige Filmreihe "Sachsens Glanz und Preußens Gloria", und die ostdeutsche Chansonette Gisela May sang 1987 über das Reiterstandbild Friedrichs des Großen: "Da sitzt er nun auf seinem hohen Ross, denkt verwundert, wo ist denn das Schloss. Da steht ein Haus aus Glas und weißem Stein. Wer mag der Herr in diesem Hause sein? … Es ist kein Witz, der alte Fritz ist wieder da." Hier ist Friedrich wieder ganz der volkstümliche König, der er Mitte des 19. Jahrhunderts schon einmal gewesen war.

Der Palast der Republik, dieses "Haus aus Glas und weißem Stein", ist mittlerweile abgerissen. Vom Preußenschloss, das an seiner Stelle wieder aufgebaut werden soll, ist noch nichts zu sehen. Friedrich dagegen reitet weiter. Ansonsten ist nicht viel los mit ihm, für politische Kontroversen taugt er nicht mehr. Schon die Rückführung seines Leichnams von der Burg Hohenzollern (wohin der Zweite Weltkrieg ihn verschlagen hatte) im Jahr 1991 hatte die Gemüter nur noch mäßig zu erregen vermocht. Augsteins "Spiegel" mokierte sich zwar darüber, dass Bundeskanzler Helmut Kohl der erneuten Beisetzung "als Privatmann" beiwohnte, mutmaßte aber auch, der "Preußen-Fimmel" werde keine Renaissance einläuten.

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Friedrichs Grab in Potsdam neben dem Schloss Sanssouci.

(Foto: dapd)

So kam es denn auch. "Heute kräht kein Hahn mehr danach", schreibt der Journalist Tom Goeller in seinem Beitrag zum aktuellen Friedrich-Jahr, das neben Büchern und Ausstellungen wiederum Filme hervorbringt. "Würden nicht manche Besucher von Sanssouci", so Goeller, "Kartoffeln auf die Gruftplatte legen, könnte man die letzte Ruhestätte Friedrichs glatt übersehen."

Quelle: ntv.de

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