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Medikamente manchmal unnötig Die Wirkung von Placebos wird unterschätzt

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Haben Arzt und Patient ein gutes Vertrauensverhältnis, wird die Wirkung von Placebos gefördert.

(Foto: imago/Panthermedia)

Der Glaube versetzt Berge: Das gilt auch im Bereich der Gesundheit, wie der Placebo-Effekt beweist. Wenden Ärzte Placebos in der Praxis gezielt an, sind Medikamente mit starken Nebenwirkungen in manchen Fällen sogar überflüssig.

Ein Patient erhält eine Zuckerpille vom Arzt in dem Glauben, es handele sich um ein wirksames Medikament. Trotzdem verschwinden seine Beschwerden. Solche und ähnliche Fälle sind dem sogenannten Placebo-Effekt geschuldet. Es handelt sich dabei um eines der verblüffendsten Phänomene in der Medizin.

Umgekehrt existiert aber auch der "kleine böse Bruder" davon: der Nocebo-Effekt. Er entsteht, wenn der Patient kaum oder gar nicht an die Wirkung eines Medikamentes glaubt. Der Nocebo-Effekt kann aber auch dann eintreten, wenn man sich mit den Nebenwirkungen eines Medikamentes auseinandersetzt, indem man die Packungsbeilage durchliest. Mehrere Studien haben diesen Zusammenhang bereits bewiesen. Der Nocebo-Effekt kann sogar bei Scheinmedikamenten auftreten, wie eine Metastudie des Placebo-Forscher Dr. Jeremy Howick eindrucksvoll belegt: Fast die Hälfte der 250.726 Probanden in den 1271 untersuchten Studien, die ein Placebo erhielten (49,1 Prozent), klagte über Nebenwirkungen.

Wie funktioniert der Placebo-Effekt?

Der Medizinhistoriker Prof. Dr. Robert Jütte gehört zu den renommiertesten Placebo-Forschern weltweit.

Der Medizinhistoriker Prof. Dr. Robert Jütte gehört zu den renommiertesten Placebo-Forschern weltweit.

(Foto: Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung)

Dass dieses Phänomen kein pures Hirngespinst ist, zeigen MRT-Bilder von Gehirnen eindrucksvoll: "Wir wissen, dass bei der Gabe von Placebos ähnliche physiologische Prozesse wie bei einem echten Medikament im Gehirn ablaufen, nur an einer anderen Stelle. Es werden zum Beispiel Endorphine ausgeschüttet oder die Schmerzleitung wird blockiert", erklärt Placebo-Forscher Professor Robert Jütte vom Institut für Geschichte der Medizin in Stuttgart zu ntv.de. Dasselbe Prozedere läuft auch beim Nocebo-Effekt ab: Im Gehirn wird zum Beispiel auf Schmerz umgeschaltet, obwohl keine körperliche Ursache für das Schmerzempfinden zu finden ist. "Früher dachte man immer, der Schmerz kommt aus dem Körper. Heute weiß man, dass die Wahrnehmung den Schmerz bestimmt", sagt der Placebo-Experte. Echte Schmerzmittel wirken doppelt so gut, wenn die Patienten eine positive Erwartung daran haben, wie Studien der Neurologin Ulrike Bingel vom Uniklinikum Essen gezeigt haben. Auch gute Erfahrungen mit einem Schmerzmittel in der Vergangenheit tragen demnach dazu bei, dass sich deren Wirkung stärker entfaltet.

Möchten Ärzte sich den Placebo-Effekt bei einem Patienten zunutze machen, dürfen sie das nur, wenn bestimmte Voraussetzungen gegeben sind. "Bei Placebos gibt es ganz klare juristische und ethische Vorgaben", betont Jütte. So darf ein Placebo nur dann angewendet werden, wenn es sich um eine leichtere Erkrankung handelt. Häufig werden die wirkungslosen Medikamente auch eingesetzt, wenn herkömmliche Therapien versagt haben oder es keine wirksame schulmedizinische Behandlung für eine Erkrankung gibt.

Zudem gilt, dass bei der betreffenden Erkrankung ein starker Placebo-Effekt bereits mit Studien belegt werden konnte. Dann kann sich der Arzt für eine Placebogabe entscheiden. Dazu gehören beispielsweise Tinnitus, Formen rheumatoider Arthritis, Rückenschmerzen, das Reizdarm-Syndrom, Depressionen oder Angina pectoris. "Wenn man sich Studien zur Herzbeklemmung anschaut, wirkt ein Placebo fast so gut wie ein Betablocker", sagt Jütte. Weniger effektiv sind die Effekte von Scheinmedikamenten dagegen unter anderem bei COPD, pulmonaler Hypertonie oder Osteoporose.

Placebos im Krankenhaus

In der medizinischen Praxis können wirkstofffreie Pillen im Krankenhaus natürlich am besten angewendet werden, da der Patient das Medikament direkt am Krankenbett bekommt und nicht weiß, ob es sich um ein Placebo handelt oder nicht. Niedergelassene Ärzte haben diese Möglichkeit in der Regel nicht und verschreiben deswegen häufig ein homöopathisches Mittel oder ein anderes Medikament in einer zu geringen Dosierung (sogenannte Pseudo-Placebos). Auch hier wirkt der Placebo-Effekt.

Eine weitere wichtige Rolle spielt auch die Arzt-Patienten-Beziehung: "Es muss eine Vertrauenssituation zwischen dem Arzt und seinem Patienten herrschen", erklärt Jütte. Er empfiehlt Ärzten, Empathie zu zeigen und die gesagten Worte durch entsprechende Gesten zu unterstreichen: "Wenn der Arzt dem Patienten in die Augen schaut und ihm vermittelt, dass dieser jetzt ein sehr wirksames Medikament verschrieben bekommt, unterstützt das den Placebo-Effekt. Wenn der Mediziner nichts sagt und lediglich auf seinen Computerbildschirm starrt, löst das eher den Nocebo-Effekt aus."

Keine Täuschung durch Arzt erforderlich

Placebos helfen jedoch auch dann, wenn der Patient davon weiß. Das haben Forscher aus der Schweiz und den USA in Studien nachgewiesen. Jütte zufolge entfallen dann die rechtlichen und ethischen Diskussionen rund um die Gabe von Placebos: Die Patienten können vorher darüber informiert werden, dass es sich nicht um ein echtes Medikament handelt. Doch warum ist es gar nicht nötig, den Patienten zu täuschen, um ein Placebo erfolgreich anwenden zu können? Jütte zufolge kommt es hierbei darauf an, wie der Arzt den Einsatz des Placebos erklärt. Dieser müsse eine gewisse Überzeugungskraft auf den Patienten ausüben und mit entsprechenden Studien oder praktischen Erfahrungen argumentieren, die die Wirksamkeit des Scheinmedikamentes bereits belegt haben.

Der Pawlowsche Hund

Nach der klassischen Konditionierung wird ein Reiz mit einem anderen verbunden. In einem Experiment des russischen Physiologen Iwan Petrowitsch Pawlow bekamen die Hunde immer dann Futter, nachdem eine Glocke läutete. Eines Tages stand kein Futter bereit, doch die Glocke erklang wieder. Die Hunde sabberten trotzdem, als ob sie das Futter erwarteten.

Auch eingebildete Medikamente können einen Placebo-Effekt auslösen, wie der dänische Psychotherapeut Niels Bagge in einer Untersuchung herausgefunden hat, deren Ergebnisse er auf einer internationalen Placebo-Konferenz im Juli 2019 präsentierte. Die Patienten stellten sich dabei die Einnahme einer wirksamen Pille vor. Dieses eingebildete Medikament half den Probanden tatsächlich gegen ihre Schmerzen. Falls die schmerzlindernde Wirkung nachlässt, kann diese Vorstellung einfach wiederholt werden - so besagt es zumindest diese Studie. Weiterhin ruft auch die psychologische Konditionierung nach dem Vorbild des Pawlowschen Hundes einen Placebo-Effekt hervor. In einigen Experimenten erhielten die Patienten jeweils ein echtes Schmerzmittel, das mit grün gefärbtem Wasser eingenommen wurde. Später erhielten sie nur noch das Farbwasser ohne die Arznei. Die schmerzstillende Wirkung hielt an, obwohl kein Schmerzmittel mehr enthalten war. "Der Patient muss sich hier nichts aktiv einbilden. Die Tatsache, dass eine Therapie mit einem zusätzlichen Symbol aufgeladen wird, führt dazu, dass das Zeichen für eine Behandlung später genauso wirksam ist wie die eigentliche Therapie", erklärt Jütte.

Diese Erkenntnisse könnten dem Placebo-Experten zufolge zukünftig besonders in der Krebstherapie nützlich sein: "Wir wissen, dass viele Schmerzmittel oder Krebspräparate schwere Nebenwirkungen haben. Diese könnte man mit so einer Methode reduzieren, indem man die Behandlung für kurze Zeit unterbricht und trotzdem den gleichen Effekt erzielt", sagt er. Schon jetzt kennen viele Menschen eine Art Konditionierungseffekt, wenn sie bereits positive Erfahrungen mit Kopfschmerztabletten in der Vergangenheit gemacht haben: Die schmerzlindernde Wirkung setzt bereits kurz nach der Einnahme ein, obwohl die Tablette pharmakologisch frühestens nach einer halben Stunde wirken kann. "Das, was Sie davor spüren, ist der Placebo-Effekt", erklärt Jütte.

Quelle: ntv.de, imi