Wissen

Fressfeinde flüchten Fledermäuse summen wie Bienen oder Hornissen

244248348.jpg

Mit dem nachgeahmten Summen einer Hornisse verscheucht die Mausohrfledermaus potenzielle Angreifer.

(Foto: picture alliance / Alois Litzlbauer / picturedesk.com)

Artikel anhören
Diese Audioversion wurde mit Sprachproben unserer Moderatoren künstlich generiert.
Wir freuen uns über Ihr Feedback zu diesem Angebot.

Um Eulen abzuschrecken und nicht von ihnen gefressen zu werden, haben Mausohrfledermäuse einen Mimikry-Trick drauf: Sie ahmen die Geräusche stechender Insekten nach. Es ist zwar nicht bekannt, ob Eulen überhaupt Angst vor einem Stich haben - aber die akustische Imitation wirkt.

Mausohrfledermäuse nutzen einen Trick, um nicht von Eulen gefressen zu werden: Sie imitieren das Summen von Bienen oder Hornissen, um die Raubvögel abzuschrecken. Das berichtet ein internationales Team im Fachblatt "Current Biology". Es sei das erste bekannte Beispiel akustischer Mimikry bei Säugetieren, schreiben die Forscher.

85247419.jpg

Mausohrfledermäuse (Myotis myotis) schrecken ihre Feinde akustisch ab.

(Foto: picture alliance / blickwinkel/P. Schuetz)

Konkret untersuchten die Wissenschaftler Große Mausohren (Myotis myotis), zu deren natürlichen Feinden neben Hauskatzen und Steinmardern große Eulen zählen. Um von jenen nicht gefressen zu werden, scheinen die Fledermäuse stechende Insekten akustisch zu imitieren. Das fiel einem Team um den Biologen Danilo Russo von der italienischen Universität Neapel Federico II beim Einfangen der Tiere für ihre Feldforschung auf. "Wenn wir die Fledermäuse anfassten, um sie aus dem Netz zu nehmen oder sie zu untersuchen, summten sie immer wie Wespen", berichtet Russo in einer Mitteilung zur Studie.

Versuch mit gefangenen Eulen

Tatsächlich stellten die Forscher mithilfe akustischer Analysen zunächst fest, dass jenes Summen dem von Hornissen (Vespa crabro), die biologisch zu den Wespen zählen, und dem von Westlichen Honigbienen (Apis mellifera) ähnelte. Dann spielten sie gefangenen Eulen das Summen der Insekten und das Großer Mausohren vor sowie als Kontrollgeräusch die Rufe Europäischer Bulldoggfledermäuse (Tadarida teniotis). Die Eulen bewegten sich vom Lautsprecher weg, sobald Bienen, Hornissen oder Große Mausohren zu hören waren, und rückten näher, wenn die Töne der Bulldoggfledermäuse erklangen.

Der Effekt zeigte sich stärker bei wilden Eulen als bei solchen, die in Gefangenschaft aufgezogen worden waren. Darüber hinaus waren die akustischen Ähnlichkeiten zwischen den Insekten- und Fledermaustönen dann am deutlichsten, wenn akustische Parameter, die die Eulen nicht hören können, aus der Analyse ausgeschlossen wurden. Die Summtöne seien also sogar noch ähnlicher, wenn sie so gehört würden, wie Eulen sie hörten, erklärt Russo.

Erster beobachteter Fall akustischer Bates'scher Mimikry bei Säugetieren

Insgesamt stelle dies den ersten beobachteten Fall akustischer Bates'scher Mimikry bei Säugetieren dar. "Bei der Bates'schen Mimikry imitiert eine harmlose Art eine gefährliche, um Raubtiere abzuschrecken", erläutert Russo. Bislang gibt es nur wenige Beispiele akustischer Imitationen im Tierreich. Von brütenden Meisen ist bekannt, dass sie das Zischen von Schlangen nachahmen, wenn sie sich bedroht fühlen. Zudem produzieren einige Schwärmer- und Nachtfalterarten die gleichen Ultraschallsignale wie giftige Bärenspinner und schützen sich so vermutlich davor, von Fledermäusen gefressen zu werden.

Wird der Jäger zum Gejagten, scheint er wiederum in eine ähnliche Trickkiste zu greifen, wie die aktuelle Studie nun zeigt. "Stellen Sie sich eine Fledermaus vor, die von einem Raubtier ergriffen, aber nicht getötet wurde", beschreibt Russo. "Das Summen könnte das Raubtier für den Bruchteil einer Sekunde täuschen - genug, um wegzufliegen."

Angst vor einem Stich?

Mehr zum Thema

Ob Eulen Angst vor einem Stich haben, können die Biologen indes nicht beantworten: Laut Russo piksen stechende Insekten zwar wahrscheinlich auch Eulen, belegt sei das indes nicht. Da sich Bienen, Wespen und Große Mausohren Räume wie Gebäude, Felsspalten oder Höhlen teilten, gebe es aber viele Gelegenheiten für eine Interaktion.

Dem Biologen zufolge existierten viele andere Wirbeltierarten, die ebenfalls summen, wenn sie gestört werden, sowie Hunderte von Fledermausarten, von denen einige möglicherweise ähnliche Strategien anwenden. Die Forscher hoffen, die beschriebene Dynamik in zukünftigen Studien auch bei anderen interagierenden Gruppen zu finden.

(Dieser Artikel wurde am Montag, 09. Mai 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de, Alice Lanzke, dpa

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen