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"Effekt ist signifikant negativ" Facebook und Co. machen aggressiv

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Plakat bei einer Kundgebung in Berlin für einen freien und demokratischen Nahen Osten - auch online wurden die Kampfhandlungen zwischen Israel und den Palästinensern überaus hitzig diskutiert.

(Foto: picture alliance / dpa)

Tolle Urlaubsfotos, Erfolgsmeldungen aus Job und Privatleben, Jubel auf allen Profilen: Facebook und Co. muten an wie Freudenmaschinen - sind es aber nicht. Neben der "Neidspirale" fördern soziale Netzwerke Hass, Misstrauen und Frust.

Wenn es um die eigenen Ansichten geht, kennen Facebook-Nutzer häufig kein Pardon. Da wird im besten Fall polarisiert und diskutiert, im schlimmsten geflucht, beleidigt und gehetzt. Nutzer vergessen ihr gelerntes Verhalten im Netz und lassen sich zu Äußerungen hinreißen, zu Emotionen als Leitlinie der Argumentation. So auch bei n-tv.de, als ein Leser körperliche Gewalt androhte, weil ihm ein Kommentar über den russischen Präsidenten Wladimir Putin nicht gefiel.

Nun ist erstmals repräsentativ und auf nationaler Ebene belegt, was sich bereits in mehreren Studien angedeutet hat: Die Nutzung sozialer Netzwerke wirkt sich mitnichten positiv auf das individuelle Wohlbefinden aus. Im Gegenteil. "Der Gesamteffekt (...) ist signifikant negativ", heißt es in der wissenschaftlichen Untersuchung der Forscher Fabio Sabatini und Francesco Sarracino, die für ihre Studie rund 50.000 Personen in Italien befragten.

Sabatini und Sarracino betonen, dass es nicht die Netzwerke an sich seien, die das Wohlbefinden und soziale Vertrauen gefährden, sondern die Inhalte "auf verschiedenen Wegen". Abseits des Internets sei es normal, dass sich Menschen sehr genau aussuchen, mit wem sie politische oder moralische Fragen diskutieren. Online dagegen sind "Auswahlmechanismen schwach oder gar nicht vorhanden".

Leichtere Kontakte, ungewollte Nähe

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Per Facebook Kontakt halten, funktioniert gut - eine sachliche Diskussion häufig weniger.

(Foto: dpa)

Im Netz treffen Menschen mit verschiedensten Biografien aufeinander. Christen und Muslime hören voneinander, wie falsch ihre Vorstellung von Gott sei. Wohlhabende und Hartz-IV-Empfänger streiten sich über den Sinn des Mindestlohns. Neonazis und Linke überziehen sich in den Nutzerkommentaren einer TV-Dokumentation über Adolf Hitlers Frauen mit Hasstiraden.

Wenn die eigene Ansicht plötzlich offensiv angezweifelt wird, treibt das manchen die Wut in die Stimme. Der so oft beschriebene Demokratisierungseffekt des Internets macht offenbar aggressiv. Mehr noch: Diese Vielfalt ethnischer, und religiöser Hintergründe, unterschiedlicher sozialer Schichten und Altersstufen rufe möglicherweise Frustration und Misstrauen gegenüber Unbekannten hervor, schreiben Sabatini und Sarracino. Die Hemmschwelle für aggressive Äußerungen und Drohungen ist demnach wesentlich niedriger, zudem missverstehen Nutzer sich schnell.

Bei den Befragten der Studie waren es eben solche Hasstiraden, die Vertrauen zerstörten - eine Person kann nicht mehr darauf vertrauen, dass sich der Diskussionspartner in einer aus ihrer Sicht angemessenen Weise verhält. Die sozialen Normen sind zu einem gewissen Teil gelockert oder gar aufgehoben, Höflichkeit seltener als etwa bei Begegnungen in einer politischen Debatte.

Einsam, müde, traurig

Bereits im vergangenen Jahr hatten Forscher in Deutschland herausgefunden, dass Facebook und andere soziale Netzwerke die Lebenszufriedenheit negativ beeinflussen - vor allem wegen Neides auf die positiven Mitteilungen anderer Nutzer. Über ein Drittel der Befragten fühlten sich während oder nach der Nutzung nicht gut, waren einsam, müde, traurig oder frustriert. Als Folge stellten sie ihr Leben dann in den Netzwerken positiver dar, als sie es eigentlich empfinden. Es entstehe eine "Neidspirale", schlussfolgerten die Wissenschaftler der Technischen Universität Darmstadt und der Humboldt-Universität Berlin.

Eine Niederländerin trieb die übertrieben positive Darstellung zuletzt auf die Spitze, indem sie auch auf Facebook einen monatelangen Urlaub in Asien inszenierte. Sie fälschte Fotos, Videos, Telefongespräche mit ihrer Familie. Niemand bemerkte den Schwindel. Als ihre Mutter die Wahrheit erfuhr, wollte sie nicht mehr mit ihrer Tochter reden. Das soziale Vertrauen war dahin - zumindest für ein paar Tage.

Quelle: n-tv.de

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