Fakten & Mythen

Organspender werden – oder nicht? Deutsche sind tief verunsichert

18981313.jpg

Egal, ob man seine Organe nach dem Tod spenden will oder nicht - man sollte auf jeden Fall einen Spenderausweis ausfüllen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Durch die Skandale bei der Vergabe von Spenderorganen sind potenzielle Spender verunsichert. Aus diesem Grund geht - laut Deutscher Stiftung Organtransplantation - die Bereitschaft zur Organspende in der Bevölkerung stark zurück, obwohl die Organspende-Reform genau das Gegenteil bewirken sollte. Aufklärung ist nötig.

Gibt es eine Spenderdatei in Deutschland, bei der man sich registrieren lassen kann oder kann man seinen Willen tatsächlich nur über einen Spenderausweis rechtskräftig bekunden?

In Deutschland gibt es keine Datei, in der man sich als Organspender oder als Nichtspender eintragen lassen könnte. Tatsächlich ist der Spenderausweis, der von vielen Krankenkassen zusammen mit einer Informationsbroschüre an die Versicherten verschickt wird, die beste Möglichkeit, seinem Willen Ausdruck zu verleihen beziehungsweise zu entscheiden, wer im Fall eines Falles über eine Organentnahme bestimmt. Manche Krankenkassen bieten sogar an, den Spenderwillen oder Unwillen auf dem Chip der elektronischen Gesundheitskarte zu speichern und dann alle fünf Jahre abzufragen. Wer auf Nummer sicher gehen will, der sollte neben einem ausgefüllten Spenderausweis auch die nächsten Angehörigen über die persönliche Haltung zur Organspende informieren. Wer seine Meinung ändert, der füllt einfach einen neuen Organspendeausweis mit dem aktuellen Datum aus und vernichtet den alten.

Wie viel darf man als Angehöriger eines Organspenders über den Empfänger erfahren oder wissen? Können Organtransplantierte etwas über ihre Spender und deren Angehörige erfahren?

"Nichts", sagt Prof. Dr. med. Günter Kirste, Medizinischer Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation. "Der Gesetzgeber sieht strikte Anonymität zwischen Spendern und deren Angehörigen und Organempfängern vor", erläutert Kirste weiter. Das Gesetz, das aus dem Jahr 1997 stammt, geht sogar so weit, dass die Übermittlung von Daten mit Bewährungsstrafe und im Wiederholungsfall sogar mit bis zu drei Jahren Gefängnis geahndet werden kann. Der Empfänger hat jedoch ein Mitspracherecht bei der Auswahl bzw. Annahme des Organs. In einem Aufklärungsgespräch erfährt er die medizinischen Daten über das Spenderorgan und kann dann selbst entscheiden, ob er dieses Organ bekommen möchte oder nicht. Diese Informationen haben jedoch nichts mit persönlichen Daten des Spenders zu tun.

Jährlich fehlen mehr als 12.000 Spenderorgane. Ärzte und Kliniken stehen unter Druck. Kann man nach all den Skandalen wirklich sicher sein, dass man beispielsweise nach einem Unfall wirklich jede Hilfe bekommt, obwohl man Organspender ist?

"Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun und kann deshalb auch gar  keinen Einfluss auf die Behandlung eines Patienten haben", betont Kirste. "In erster Linie wird es in Krankenhäusern immer um die Versorgung und Behandlung eines Unfallopfers oder Schlaganfallpatienten gehen. Erst wenn alle Behandlungsmaßnahmen nicht zum erwarteten Erfolg führen und der Tod unausweichlich ist, kann über eine Organspende nachgedacht werden. Insofern ist eine intensivmedizinische Behandlung völlig getrennt von einer möglichen Organspende, das schreibt auch der Gesetzgeber so vor. Zuerst muss der Hirntod eindeutig diagnostiziert werden, erst dann kann über eine Organspende entschieden werden."

Wie viel Zeit darf denn maximal vergehen zwischen der Feststellung der Hirntodes, der Entnahme eines Organs und der Transplantation?

34941764.jpg

Spenderogane müssen schnell beim Empfänger ankommen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Es gibt keine Festlegung, wie viel Zeit zwischen der Feststellung des Hirntodes und der Organentnahme vergehen darf. Oftmals hängt das von mehreren Faktoren in der Klinik ab. Für die Qualität der Organe ist jedoch schnelles Handeln gut. Trotzdem dürfen Angehörige, die über eine Organspende entscheiden müssen, nicht gedrängt oder sogar unter Druck gesetzt werden. Die Zeitspanne, in der entnommene Organe verpflanzt werden sollten, ist allerdings festgelegt und variiert von Organ zu Organ. Ein entnommenes Herz beispielsweise sollte innerhalb von 4-6 Stunden, die Leber innerhalb von 12 Stunden und eine Niere innerhalb von 24 Stunden transplantiert werden.

Obwohl bei der Vergabe von Organen viele Aspekte berücksichtigt werden, müssen Transplantierte ihr Leben lang Medikamente einnehmen, die verhindern, dass das fremde Organ vom Immunsystem abgestoßen wird. Wie häufig kommt es denn trotz der Medikamente zu extremen Abstoßungen?

"Die Abstoßungen im Zusammenhang mit Organtransplantationen sind ganz normale Reaktionen des Körpers und heute gut behandelbar", erklärt der Experte. "So wie der Körper auf Viren oder Bakterien reagiert, so reagiert er auch auf ein transplantiertes Organ", so Kirste weiter. Von allen transplantierten Herzen und Nieren funktionieren nach einem Jahr immerhin noch 85 Prozent. Von den Lungen und Lebern sind es fast genauso viele. Sowohl die Behandlung der sogenannten Immunsubversion als auch die Nebenwirkungen der dafür notwendigen Medikamente sind heute sehr risikoarm geworden. Von den Organen, die nicht funktionieren, ist nur ein sehr geringer Prozentsatz auf extreme Abstoßungserscheinungen zurückzuführen.

Stimmt es, dass eine Lebendspende in Deutschland nur zwischen Menschen erlaubt ist, die miteinander verwandt sind?

Organe oder Teile davon dürfen Verwandte ersten oder zweiten Grades, Ehepartner, eingetragene Lebenspartner oder Verlobte für ihre Angehörigen zur Verfügung stellen. Außerdem sind Personen zugelassen, die sich in besonderer persönlicher Verbundenheit offenkundig nahestehen, ergänzt das Transplantationsgesetz. Alle Lebendspender müssen volljährig und einwilligungsfähig sein und neben der medizinischen Eignung aus freien Stücken die Entscheidung zur Spende treffen. Diese gesetzlich festgelegten Einschränkungen sollen den Handel mit Organen vermeiden. Zudem darf laut Organspendegesetz nur eine Lebendspende vorgenommen werden, wenn kein postmortal gespendetes Organ zur Verfügung steht. Eine unabhängige Gutachterkommission prüft vor einer Lebendspende, ob alle Bedingungen des Transplantationsgesetzes erfüllt werden.

Stimmt es, dass in Deutschland nur die Niere und Teile der Leber und der Lunge von Lebenden verpflanzt werden, obwohl medizinisch auch Teile des Dünndarms und der Bauspeicheldrüse möglich wären?

33307985.jpg

Bei jeder Organspende geht es auch um Zeit.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Zahl der Lebendspenden hat in den letzten Jahren in Deutschland deutlich zugenommen. Der Mangel an Spenderorganen, die guten Ergebnisse und die rechtliche Sicherheit durch das Transplantationsgesetz sind die Ursachen dafür. Obwohl Lebendspenden sogar erfolgversprechender sind als postmortale Spenden, muss im Mittelpunkt bei jeder Lebendspende das Wohl des Spenders stehen, der sich ja trotz Gesundheit einem chirurgischen Eingriff unterzieht und damit diverse Risiken eingeht. Dieses Risiko ist bei der Spende einer Niere gut kalkulierbar, da dieses Organ zweifach im menschlichen Körper vorhanden ist. Die im Körper verbleibende Niere übernimmt bereits nach kurzer Zeit die gesamte Arbeit. Die Nierenfunktion wird beim Spender im Normalfall vollständig erhalten. Von der Leber dagegen können nur Teile entnommen werden. Diese Teile regenerieren sich im Laufe der Zeit beim Spender nahezu vollständig, so dass keine gesundheitlichen Einschränkungen zu erwarten sind. Dünndarm-Transplantate sind in Deutschland für die wenigen Fälle, die ein solches Transplantat brauchen, ausreichend vorhanden, so dass auf Lebendspenden vollständig verzichtet werden kann. Von einer Lebendspende der Bauchspeicheldrüse wird weltweit Abstand genommen, weil das Risiko für den Spender zu hoch wäre.

Steht eine Patientenverfügung nicht im Widerspruch zu einer Organspende?

Eine Patientenverfügung, mit der man festlegt, dass man keine lebensverlängernden Maßnahmen nach Unfall oder schwerer Krankheit wünscht, schließt die Organspende nach dem Tod nicht aus. Allerdings muss die Verfügung zur Bereitschaft einer Organspende eindeutig formuliert sein, da auch nach dem Hirntod eines Menschen dieser bis zur Organentnahme intensivmedizinisch behandelt werden muss. Diese Weiterbetreuung, die nur wenige Stunden dauert, ist keine lebensverlängernde Maßnahme und steht damit nicht im Widerspruch zur Patientenverfügung. Weder durch die Beatmung noch durch die Entnahme der Organe werden dem Hirntoten Schmerzen zugefügt.

Vor kurzer Zeit gab es eine Nachricht, dass eine junge Frau in Großbritannien an Lungenkrebs gestorben ist, weil sie die Lunge eines Rauchers bekam. Kann das auch in Deutschland passieren?

"Ärzte tun natürlich alles, um so etwas zu vermeiden. Eine absolute Sicherheit jedoch gibt es in der Medizin nicht", beteuert Kirste. Auch die moderne Diagnostik hat Grenzen. Selbst bei einer Computertomografie eines Spenderorganes kann man zwei bis drei bösartige Zellen nicht erkennen. "Zum Glück sind aber solche Fälle, bei denen Krebs vom Spenderorgan auf den Empfänger übertragen werden, sehr, sehr selten", so Kirste.

Könnte ich im Ausland, in dem die sogenannte Widerspruchsregelung gilt, unfreiwillig zum Organspender gemacht werden?

Die rechtlichen Vorgaben zur Organspende sind national verschieden geregelt. Wer gern und oft reist, sollte seinen Organspendeausweis stets bei sich tragen. Wer auf Nummer sicher gehen will, der kann sich von der Internetseite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ein Beiblatt in der jeweiligen Landessprache herunterladen, ausdrucken und dieses ausgefüllt bei sich tragen. In Dänemark, Deutschland, Griechenland, Großbritannien, Irland, Island, Litauen, Malta, den Niederlanden, Rumänien, der Schweiz und der Türkei gilt die sogenannte erweiterte Zustimmungsregelung. Diese besagt, dass nur mit einer eindeutigen Zustimmung des Spenders oder dessen Angehörige Organe entnommen werden dürfen. In Italien, Luxemburg, Österreich, Polen, Portugal, Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechien und Ungarn gilt die sogenannte Widerspruchsregelung, die besagt, dass nur der, der zu Lebzeiten ausdrücklich einer Organentnahme widerspricht, auch kein Organspender wird. In Belgien, Finnland, Norwegen und Russland können Hinterbliebene gegen die Organentnahme stimmen, da hier die sogenannte Widerspruchsregelung mit dem Einspruchsrecht der Angehörigen verknüpft wird. In Frankreich, Schweden, Lettland, Liechtenstein und Zypern wird jeder zum Organspender, der nicht widersprochen hat. Angehörige werden in diesen Ländern lediglich darüber informiert. Nur in Bulgarien ist die sogenannte Notstandsregelung rechtskräftig. Hier dürfen je nach Situation Organe auch entnommen werden, selbst wenn ein Widerspruch vorliegt.

Quelle: ntv.de