Wissen

Augendominanz statt Fehlstellung Leonardo da Vinci schielte wohl doch nicht

imago63626947h.jpg

Selbstporträt von Leonardo da Vinci, ohne Datierung: Der britische Augenarzt Tyler hatte vier Selbstdarstellungen Leonardo da Vincis untersucht und einen Fehlstellungswinkel der Augen von 10,3 Grad errechnet.

(Foto: imago/Leemage)

Vor einem Jahr erregte eine Diagnose eines britischen Augenarztes großes Aufsehen, der errechnet hatte, dass das Universalgenie Leonardo da Vinci geschielt haben muss. Auch über Rembrandt wird das behauptet. Zwei US-Mediziner prüfen das nach und kommen zu einem ganz anderen Schluss.

Leonardo da Vinci und Rembrandt van Rijn hatten einer Studie zufolge wohl doch keine Augenfehlstellung. Das schließen zwei Augenmediziner aus Analysen von Selbstporträts der Maler. Stattdessen hatten beide vermutlich ein dominantes Auge, wie Ahmed Shakarchi und David Guyton vom Johns Hopkins University Hospital in Baltimore (US-Staat Maryland) im Fachjournal "JAMA Ophthalmology" berichten. Zuvor hatten zwei Studien aus den Selbstporträts abgeleitet, dass sowohl da Vinci als auch Rembrandt ein sogenanntes Auswärtsschielen hatten, auch Exotropie genannt. Dabei ist ein Auge nach außen gerichtet.

Der britische Augenarzt Christopher Tyler hatte vor einem Jahr vier Selbstdarstellungen Leonardo da Vincis untersucht und einen Fehlstellungswinkel der Augen von 10,3 Grad errechnet. Auch zwei Skulpturen, für die Leonardo da Vinci Modell gestanden haben soll, deuten demnach auf ein Auswärtsschielen hin. Tyler vermutete damals, dass die Fehlstellung es ihm ermöglichte, besonders gut dreidimensional zeichnen und malen zu können. Schon 2004 war Rembrandt in einer Studie anhand von 36 Selbstporträts eine ähnliche Diagnose gestellt worden.

Starke Augendominanz

imago63627302h.jpg

Rembrandts "Selbstbildnis, auf einer Steinschwelle lehnend", 1639.

(Foto: imago/Leemage)

Shakarchi und Guyton bewerten das Phänomen, dass in vielen Bildern ein Auge nach außen gerichtet ist, anders. Sie erklären die Augenstellung mit dem Blick in einen Spiegel bei Menschen mit starker Augendominanz: Wer mit dem dominanten Auge im Spiegel sein dominantes Auge betrachte, nehme dessen Reflexion als exakt gerade wahr, während das andere, nicht-dominante Auge als nach außen gerichtet erscheine. Liegen beide Augen 6 Zentimeter auseinander und steht der Spiegel 16,5 Zentimeter entfernt, ergebe sich der von Tyler gemessene Winkel von 10,3 Grad, schreiben die Autoren.

Als weiteres Argument gegen ein Auswärtsschielen führen Shakarchi und Guyton die Erkenntnis an, dass die Fehlstellung üblicherweise im Laufe des Lebens stärker wird. Dies sei jedoch für keinen der beiden Künstler, die schon zu Lebzeiten berühmt waren, dokumentiert. "Eine starke Augendominanz ist eine plausiblere Alternative als eine ständige Fehlausrichtung, um die offensichtliche Exotropie in Rembrandts Selbstporträts zu erklären, da die dargestellte Abweichung während seines Lebens nicht zugenommen hat", schreiben die Forscher.

Quelle: n-tv.de, Stefan Parsch, dpa