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Aus Angst vor Stigmatisierung Psychisch Erkrankte suchen oft keine Hilfe

Viele möchten über ihre Erkrankung offen sprechen, trauen sich aber nicht, aus Angst diskriminiert zu werden.

Viele möchten über ihre Erkrankung offen sprechen, trauen sich aber nicht, aus Angst diskriminiert zu werden.

(Foto: Sina Schuldt/dpa/dpa-tmn)

Menschen mit psychischen Erkrankungen werden oft für unzuverlässig oder instabil gehalten. Solche Vorurteile und Benachteiligen sind für viele Betroffene schlimmer als die Erkrankung selbst. Und sie verhindern mögliche Behandlungen.

Stigmatisierung und Diskriminierung psychisch erkrankter Menschen werden von vielen Betroffenen als schlimmer wahrgenommen als die Krankheiten selbst. Das berichtet eine internationale Gruppe von 50 Experten anlässlich des Tags der seelischen Gesundheit in der medizinischen Fachzeitschrift "The Lancet". Das Gremium ruft zu einem Ende von Stigmatisierung und Diskriminierung dieser Menschen auf.

Stigma und Diskriminierung führe zu einem Ausschluss von Menschen aus der Gesellschaft und dem Vorenthalten grundlegender Menschenrechte, schreiben die Experten. Dazu gehören demnach die Möglichkeit auf Arbeit und Bildung sowie der Zugang zu medizinischer Versorgung, einschließlich psychologischer Betreuung.

Die Experten sehen insbesondere Regierungen, Arbeitgeber, Gesundheitsversorger, Schulen und Medien in der Pflicht. Insgesamt sprechen die Fachleute acht Empfehlungen aus, um die Probleme anzugehen. Dazu zählen etwa die Entkriminalisierung von Suiziden, die psychologische Ausbildung von Mitarbeitern im Gesundheitsbereich und die Entwicklung von Richtlinien für eine korrekte Darstellung psychischer Gesundheit in den Medien. Der effektivste Weg, um Stigmatisierung zu beenden, sei, Menschen mit und ohne psychische Erkrankungen zusammenzubringen, so die Experten.

Besonders schwierig für junge Menschen

Dem Bericht zufolge sind nach Schätzungen beinahe eine Milliarde Menschen weltweit von einer psychischen Erkrankung betroffen, das entspricht einem von acht Menschen. In der Gruppe der 10- bis 19-Jährigen sei es sogar jeder Siebte.

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Kinder und Jugendliche seien besonders schwer von den Folgen von Stigmatisierung betroffen, so Ko-Autorin Zeinab Hijazi, die für das UN-Kinderhilfswerk UNICEF arbeitet. "Wir wissen, dass Heranwachsende mit psychischen Krankheiten davon abgehalten werden können, Hilfe zu suchen, wenn sie Angst davor haben, von ihrer Familie, Lehrern und Gleichaltrigen Stigmatisierung und Unverständnis zu erfahren", wird die Expertin in einer "Lancet"-Mitteilung zitiert.

Besondere Eile ist den Experten zufolge geboten, weil die Corona-Pandemie zu einem Anstieg psychischer Krankheiten geführt habe. "Dringendes Handeln ist notwendig, um zu verhindern, dass diese Menschen nicht auch die potenziell schwerwiegenden Folgen von Stigma und Diskriminierung erfahren", sagt Charlene Sunkel. Die Gründerin und Geschäftsführerin des Global Mental Health Peer Network (GMHPN) war ebenfalls an dem Bericht beteiligt.

(Dieser Artikel wurde am Montag, 10. Oktober 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de, sba/dpa

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