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Millionen Tonnen Plastik im Meer "Verbote allein lösen das Problem nicht"

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Müll im Meer: Die EU will dagegen etwas tun und plant, bestimmte Plastikartikel zu verbieten. Wie wirkungsvoll ist das?

(Foto: picture alliance / Christoph Sat)

Riesige Müllstrudel haben sich in den Meeren gebildet, größtenteils bestehen sie aus Plastik. Um diesem globalen Umweltproblem zu begegnen, will die EU Wegwerf-Produkte wie Strohhalme und Wattestäbchen verbieten. Aber bringt das etwas? n-tv.de fragt den Hydrogeologen Christian Schmidt vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. Ein Gespräch über Partygeschirr, Kondome in der Toilette und Starkregen.

n-tv.de: Herr Schmidt, was halten Sie von den Plänen der EU, einige Einweg-Plastikprodukte zu verbieten?

Christian Schmidt: Ich glaube nicht, dass das auf globaler Ebene viel bringt. In der EU haben wir ja ein gutes Abfallmanagement. Der größte Teil des Plastiks in den Ozeanen geht auf Staaten zurück, die ein schnelles Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum haben, wie etwa China oder Indien. Ich bezweifle auch, dass sich die Plastik-Einträge aus EU-Ländern ins Meer mit einem solchen Verbot nennenswert verringern.

Warum nicht? Haben Plastikgeschirr und Strohhalme da keinen großen Anteil?

Um mal für Deutschland zu sprechen: Der Weg, auf dem bei uns Plastik ins Meer gelangt, ist vor allem das "Littering", also unbedachtes Wegwerfen in die Umwelt. Da landet die Verpackung des Schokoriegels ebenso auf der Straße wie die Tüte, in die der Döner eingewickelt ist, oder der Zigarettenstummel mit seinem Filter. Das ist das, was dann in die Flüsse und darüber letztlich auch ins Meer gelangt. Strohhalme und Plastikteller sind in dieser Hinsicht nicht so relevant; die Wattestäbchen, die ebenfalls verboten werden sollen, noch am ehesten.

Warum gelangen Wattestäbchen eher in die Gewässer als Strohhalme?

Wattestäbchen werden mitunter in die Toilette geworfen. Und es gilt die Regel: Was im Klo runtergespült wird, findet man auch in unseren Flüssen. Abgesehen von Wattestäbchen sind das auch Damenbinden und Kondome. Verbote sind da wahrscheinlich gar nicht der beste Weg. Wichtig wäre es, dass die Verbraucher hier ihr Verhalten ändern.

Werden solche Gegenstände denn nicht im Klärwerk abgefangen?

Wir haben in Deutschland oft eine Mischkanalisation. Das bedeutet: Regenwasser und häusliches Abwasser sind im selben Kanal. Bei Starkregen können die Kanäle überlaufen. Dann geht das Abwasser nicht mehr in die Kläranlage, sondern ungeklärt in die Flüsse. Das ist nicht nur mit Blick auf Plastik ein Problem.

Auch wenn wir den Grünen Punkt und Müllverbrennungsanlagen haben, gibt es also Schwachstellen bei der Entsorgung?

Deutschland ist tatsächlich sehr fortschrittlich im Abfallmanagement und Recyclingsystem. Wenn aber ein Mischkanal überläuft oder Menschen den Müll in die Umwelt werfen, geht das am Abfallmanagement vorbei.

Wie viel trägt Deutschland zu den großen Müllstrudeln in den Ozeanen bei?

Der Müll dort kommt hauptsächlich aus Ländern, in denen der Wohlstand wächst, das Abfallmanagement sich aber nicht in gleichem Maße mitentwickelt. In Südostasien wird relativ viel konsumiert und Müll produziert, zusätzlich wurde auch Müll nach China exportiert, und zu einem deutlich höheren Anteil als bei uns landet er in der Umwelt. Aber auch, wenn diese Länder global betrachtet eine große Plastikmüllquelle sind, sollte man nicht mit dem Finger darauf zeigen. Denn der Müll, der an der Ostsee oder Nordsee liegt oder am Ufer von Rhein, Elbe oder Spree: Das ist unser Müll. Es ist wichtig, dass wir auch vor unserer Haustür kehren und unsere eigenen Hausaufgaben machen.

Wenn Plastikteller in der EU demnächst tabu sind, was ist dann die Alternative? Welche Materialien für Einweggeschirr sind langfristig umweltverträglich?

Einweggeschirr muss eigentlich gar nicht sein. Auf Partys könnte auch Mehrweggeschirr verwendet werden, das man hinterher in die Spülmaschine stellt. Das ist letztlich nur eine Frage des Lebensstils. Man kann ganz bewusst verstärkt auf Mehrwegprodukte setzen. Jetzt nach alternativen Einwegprodukten zu suchen, ist nicht unbedingt nötig.

Wie sehr sollten wir unseren Plastikverbrauch reduzieren?

Einzelne Produkte zu verbieten oder den Verbrauch zu reduzieren, ist nur eine Seite der Medaille. Tatsächlich stellt sich bei Einwegprodukten oft die Frage der Verhältnismäßigkeit. Denken Sie zum Beispiel an den Deckel auf Einweg-Kaffeebechern. Man kauft den Kaffee, und diese Kappe wird in vielen Fällen nach einer halben Minute entsorgt. Landet der Deckel in der Umwelt, hält er sich dann da aber Hunderte Jahre. Seine Nutzungszeit steht in keinem Verhältnis zu der Energie, die in die Herstellung geht. Auf so etwas könnte man verzichten. Allerdings muss man bedenken, dass gerade bei Lebensmittelverpackungen auch Haltbarkeit und Hygiene eine Rolle spielen. Dennoch sind sicher nicht alle Umverpackungen notwendig.

Was ist dann neben dem Verzicht auf Plastik die andere Seite der Medaille?

Man muss sich auch die Produktlebenszyklen ansehen und nach Lücken im Stoffkreislauf Ausschau halten. Denn idealerweise werden die Produkte am Ende eben recycelt oder verbrannt, sodass sie nicht in die Umwelt gelangen. Dass wir Plastik in der Umwelt finden, ist ein Zeichen dafür, dass die Stoffkreisläufe nicht geschlossen sind. Daran muss man arbeiten. Und nicht nur gießkannenmäßig das eine oder andere Produkt verbieten. Das allein wird das Problem nicht lösen.

Wie lassen sich die Stoffkreisläufe denn schließen?

Man kann zum einen die Infrastruktur verbessern, wie es zum Teil auch schon geschieht: Es werden unterirdische Rückhaltebecken gebaut, sodass das Abwasser bei starkem Regen zunächst zurückgehalten werden kann und dann nach und nach in die Kläranlage gelangt und geklärt wird. Sehr wichtig ist aber auch das Verhalten der Verbraucher. Es ist unnötig, dass ich meine Schokoriegelverpackung auf die Straße fallen lasse. Man muss bei den Menschen das Bewusstsein schärfen – sodass auch klar ist, dass man nichts in die Toilette wirft. Egal ob Kondome, Medikamentenverpackungen oder Wattestäbchen: So etwas gehört nicht ins Klo, das gehört in den Müll.

Mit Christian Schmidt sprach Andrea Schorsch.

Im Oktober 2017 veröffentlichte Schmidt mit einem interdisziplinären Forscherteam eine Studie, die zeigt, wie das Plastik ins Meer kommt: nämlich vor allem über große Fluss-Systeme.

Quelle: n-tv.de