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Professor zu Curevac-Impfstoff "Vielleicht schaffen wir es im Mai"

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Der Impfstoff von Curevac nutzt wie der von Biontech die mRNA. Bis zu seiner Zulassung dürfte es nicht mehr allzu lange dauern.

(Foto: picture alliance / SvenSimon)

Die Studien zum kommenden Impfstoff von Curevac verlaufen vielversprechend, sagt Professor Peter Kremsner von der Uni Tübingen. Er ist Experte für Infektionskrankheiten. Auch zur Kritik der Schauspieler unter dem Hashtag #allesdichtmachen hat er eine klare Meinung.

ntv: Sie leiten die Studien zum Impfstoff von Curevac. Wann können wir denn damit rechnen, dass dieser bei uns zugelassen und verimpft wird?

Prof. Peter Kremsner: Es kann jetzt sehr schnell gehen. Wir haben alle 40.000 Probanden in die Studie aufgenommen. Fast alle sind auch schon zweimal geimpft. Die Sicherheits- und Verträglichkeitsdaten sehen sehr gut aus, obwohl wir noch verblindet sind. Da kann ich jetzt schon sagen, dass die Verträglichkeit so gut ist wie bei den anderen Impfstoffen. Was die Wirksamkeit angeht, werden wir in den nächsten ein, zwei Wochen alles wissen, und der Rest ist dann eigentlich nur mehr Formsache, das Einspeisen der Daten für die Zulasser.

Was glauben Sie, wann wird der hier in Deutschland in die Oberarme kommen?

Vielleicht schaffen wir es im Mai. Aber im Juni sollte es klappen, wenn nicht noch was dazwischenkommt. Und es kann immer passieren, dass die EMA dann doch das eine oder andere noch nachbessern, nachhaben will und Daten anders aufbereitet werden sollten et cetera.

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Peter Kremsner ist Professor für Parasitologie an der Uni Tübingen.

(Foto: Uni Tübingen)

Worauf können wir uns dann einstellen, wenn Curevac auf den Markt kommt? Wird es dann auch möglicherweise ein Impfstoff, der zugelassen ist für 16-Jährige, so wie der Impfstoff von Biontech?

Erstmal wird er für Erwachsene zugelassen werden, hoffe ich! Das ist der erste Ansatz. Danach kann der sicher noch erweitert werden. Was die Indikation angeht, da sehe ich eigentlich keine Einschränkungen, dass man das bei allen Risikogruppen und vulnerablen Gruppen verimpfen kann. Aber dazu müssen die Studien dann erst laufen.

"Alle Erwachsenen" heißt ab 18, davon würden Sie ausgehen?

Ja.

Sie haben jetzt gerade gesagt, Sie hätten schon sehr gute Verträglichkeitsdaten. Was haben Sie denn an Nebenwirkungen festgestellt?

Natürlich sind das noch verblindete Daten. Wir wissen sehr viel aus Phase 1, aber das waren kleine Gruppen. Aber jetzt in Phase 3, während derer die Hälfte ein Placebo bekommen hat und die Hälfte das Verum (das wirkstoffhaltige Medikament, Anm.d.Red.), sehen wir das gleiche Muster. Das sind vor allem bei den Jüngeren Kopfschmerzen, Gliederschmerzen, Müdigkeit, Abgeschlagenheit und bei einem Teil auch Fieber. Allgemein kann man sagen: Je älter man ist, so ab 50 bis 60, desto weniger merkt man von der Impfung. Aber natürlich desto mehr von der Krankheit.

Bei den Vektor-Impfstoffen, also speziell Astrazeneca und Johnson & Johnson, da redet man jetzt über eine erhöhte Gefahr von Thrombosenbildung. Haben Sie sowas auch schon untersucht? Sie haben jetzt natürlich keinen Vektorimpfstoff, sondern einen sogenannten mRNA-Impfstoff. Aber haben Sie trotzdem Untersuchungen gemacht, nachdem diese Fälle bekannt geworden sind?

Wir haben keine solchen Fälle gesehen. Aber das sind auch die Studien, in denen die Fallzahlen sehr begrenzt sind. Es ist nicht auszuschließen, dass man später bei der Anwendung schwerwiegende Nebenwirkungen, in sehr niedriger Frequenz allerdings, sehen wird. Was man jetzt schon sagen kann, ist, dass sie nicht in hoher Frequenz auftreten. Und wir haben keine Sinusvenen-Thrombosen in unserer Studie gesehen.

Glauben Sie, dass der Impfstoff von Curevac als Zweit- oder Drittimpfung eingesetzt werden kann für die Menschen, die jetzt eine Erstimpfung mit Astrazeneca bekommen haben und eine Zweitimpfung mit diesem Vektor-Impfstoff jetzt nicht mehr machen können? Der wird ja nur noch für alle über 60 empfohlen.

Natürlich muss man das prüfen und dann auch zulassen. Aber ganz salopp gesagt: Ich würde das auf jeden Fall machen. Es spricht gar nichts dagegen, und wir machen es in der Reisemedizin mit anderen Impfungen schon seit Jahrzehnten so.

Herr Kremsner, auf dem sogenannten Impfgipfel von Bund und Ländern am Montag wurde beschlossen, dass im Juni die Impfpriorisierung wegfallen soll. Wie bewerten Sie das?

Grundsätzlich ist das in Ordnung, und es schafft auch viel vom Hin und Her ab. Wir sollten aber versuchen, die alten Menschen, also vor allem über 65-Jährige, alle die sich impfen lassen wollen, jetzt durchzuimpfen. Das hat höchste Priorität für mich. Und alle anderen, die werden sich schon impfen lassen. Ich hoffe, dass sich sehr viele impfen lassen, und dann haben wir auch kein Problem mehr mit Covid-19.

Außerdem wurde bei dem Impfgipfel darüber geredet, dass Geimpfte möglicherweise schon in wenigen Wochen Freiheiten zurückbekommen sollen. Befürchten Sie da einen großen Streit? Es hat ja noch längst nicht jeder ein Impfangebot bekommen, und selbst wenn jetzt viele Impfstoffe kommen und wir viel mehr impfen können, wird es trotzdem noch sehr lange dauern, bis alle zweitgeimpft sind.

Grundsätzlich ist das natürlich problematisch, aber letztlich sollten alle, die schon Covid-19 hatten und alle, die schon immunisiert sind, Freiheiten wiedererlangen. Das Eingesperrtsein muss ein Ende haben. Es sollten auch die Theater wieder öffnen. Es sollten Fußballstadien wieder öffnen. Wir müssen wieder zurück, und gerade die, die jetzt schon geschützt sind, da sehe ich überhaupt keine Veranlassung, dass man die jetzt zusätzlich aus Solidarität mit einsperrt. Wir sollten versuchen, einfach sehr sehr viel zu impfen, und wo das noch nicht geht, zu testen.

Die Kampagne #allesdichtmachen von vielen bekannten Schauspielern ist in Verruf geraten, es wird sehr viel diskutiert. Was sagen Sie dazu?

Mir hat das sehr gut gefallen. Die Schauspieler haben sich dargestellt als eine Gruppe, die gerade jetzt in dieser Pandemie sehr benachteiligt ist. Auch Schauspieler werden krank, und die Berufsgruppe insgesamt ist ja ins Eck gedrängt. Es sind alle Theater zu, und ja, es ist wirklich schlimm und sie haben das sehr gut gemacht und in einer Form auf sich aufmerksam gemacht, die sehr gelungen ist, und ja, ich finde die Kritik an dieser Aktion bizarr. Das ist Kunstfreiheit. Wir sind nicht in China. Ich bin, obwohl Adolf Hitler Vegetarier war, auch Vegetarier und bleibe Vegetarier. Wir Ärzte sollten uns insgesamt nicht als bessere Menschen verstehen als zum Beispiel Schauspieler.

Es wird ja viel gesagt, dass die Kritik natürlich auch berechtigt ist. Es ist ja viel schiefgelaufen an der Corona-Politik. Allerdings wird dann diesen Schauspielern vorgeworfen, dass die Art und Weise, wie sie diese Kritik geäußert haben, in Form von einigen dieser Videos, dann doch sehr geschmacklos sei und mit der Angst der Menschen vor dieser Infektion spielt und auch mit der Trauer der Menschen, die jetzt einen Angehörigen zum Beispiel an Corona verloren haben. Was sagen Sie dazu?

Ja, das ist natürlich berechtigt. Aber die Kunst spielt mit sehr vielen Dingen, und das ist Kunstfreiheit. Natürlich ist es bedauerlich, wenn man krank ist oder sogar verstirbt an Covid-19 oder auch an Malaria oder an Krebs. Und wir machen uns nicht darüber lustig und die Schauspieler auch nicht. Das ist eine Form der Kunstfreiheit, um auf sich und auf den Beruf aufmerksam zu machen und auch durchaus zum Teil berechtigte Kritik zu äußern gegenüber sehr vielen Maßnahmen. Und das Eingesperrtsein reicht jetzt auch!

Mit Professor Peter Kremsner sprach Nina Lammers.

Quelle: ntv.de

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