Infografik

Kennzahlen zur Virus-Lage Wo Deutschland in der Corona-Krise steht

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Pandemie-Ernstfall in Deutschland: Thomas Helmberger (r.), Chefarzt der Klinik für Radiologie an der Münchner Klinik Bogenhausen, nimmt ein CT-Gerät der Bundeswehr in Empfang.

(Foto: picture alliance/dpa)

Volle vier Wochen schon stemmen sich Bund und Länder in Deutschland mit einer beispiellosen Vollbremsung gegen das Coronavirus. Die Frage, wann welche Einschränkungen wieder gelockert werden können, hängt an wenigen Kennziffern. Die Pandemie-Parameter im Überblick.

Die weltweite Ausbreitung des Coronavirus katapultiert die Menschheit in eine neue, kompromisslose Gegenwart: Noch gibt es gegen den Erreger Sars-CoV-2 keinen Impfstoff und auch kein wirksames Gegenmittel. Die von dem Virus ausgelöste Atemwegserkrankung Covid-19 kann lebensbedrohliche Verläufe nehmen. Steigen die Fallzahlen unkontrolliert an, droht eine katastrophale Überlastung in den Krankenhäusern. Welche Maßnahmen sind ratsam, welche Einschränkungen sind unbedingt erforderlich, um das Wachstum der Fallzahlen zu verlangsamen?

Im Kampf gegen diesen neuen Gegner durchläuft Deutschland notgedrungen und unter Zeitdruck einen höchst anspruchsvollen Lernprozess. Lässt die Bedrohung bereits nach? Oder steht Deutschland in der laufenden Ansteckungswelle noch das Schlimmste bevor? Bei der Beurteilung der aktuellen Lage greifen Politiker und Virologen auf eine Reihe von Kennzahlen zurück, die Ordnung in die unübersichtliche Datenlage bringen sollen:

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Gestützt auf den Rat der Virologen muss die Politik versuchen, die Epidemielage anhand der verfügbaren Daten so gut wie möglich zu erfassen und zu verstehen. Im Mittelpunkt stehen dabei zunächst vor allem die Fallzahlen, die das Infektionsgeschehen so abbilden, wie es sich den Ärzten und Gesundheitsämtern vor Ort darstellt.

Bestätigte Infektionen

Mit dieser Kennzahl ist die Öffentlichkeit bereits bestens vertraut: Die Gesamtzahl der bestätigten Infektionen errechnet ntv aus den Angaben, die von Ministerien und Gesundheitsbehörden der 16 Bundesländer tagesaktuell veröffentlicht werden. Die Zahl umfasst alle bisher in Deutschland bekannt gewordenen Infektionsfälle seit Beginn der Ansteckungswelle im Januar.

Experten sprechen von der kumulierten Fallzahl: Enthalten sind in dieser Summe nicht nur die aktuell infizierten Personen, von denen derzeit eine Ansteckungsgefahr ausgeht. Die Zahl umfasst auch all jene Menschen, die ihre Ansteckung mit dem Coronavirus bereits überstanden haben und wieder gesund sind, sowie jene Covid-19-Patienten, die im Zusammenhang mit einer Infektion verstorben sind.

Nicht enthalten sind in der Zahl der amtlich festgestellten Infektionsfälle etwaige Verdachtsfälle sowie naturgemäß auch alle unerkannt gebliebenen Ansteckungen (Hinweise zur Dunkelziffer hier). Ausschlaggebend für die Einschätzungen zur Epidemie-Entwicklung ist vor allem der tägliche Zuwachs, der in der ntv-Infografik in der Zeile unterhalb der Gesamtzahl angegeben wird.

Zuwachsrate

In absoluten Zahlen gemessen wird die Anzahl der täglich neu gemeldeten Infektionsfälle mit dem Voranschreiten der Epidemie schnell unübersichtlich. Um vergleichbare Werte zu erhalten, bietet sich daher die jeweilige prozentuale Veränderung zum Vortag an. Die sogenannte Zuwachsrate baut auf den amtlichen Angaben zu den laborbestätigten Coronavirus-Fällen auf.

Da es sich bei den Ausgangswerten um tagesaktuelle Zahlen handelt, können sich hier kurzfristige Schwankungen ergeben, die nicht unbedingt gleich auf Trendveränderungen hindeuten. An Wochenenden zum Beispiel gehen bei den Landesbehörden mitunter weniger Fallmeldungen ein als an Werktagen, wodurch die Zuwachsrate - wie über die Osterfeiertage - manchmal zu sinken scheint.

Die in der Folge einlaufenden Nachmeldungen können die Zuwachsrate dann wiederum nach oben verzerren. Aussagekräftig werden Bewegungen bei der Zuwachsrate daher erst, wenn sich ein Trend über mehrere Tage oder besser noch Wochen verstetigt.

Verdopplungszeit

Diese Kennziffer ist komplexer als die Zuwachsrate oder einfache Fallzahlen: Die sogenannte Verdopplungszeit gibt an, wie viele Tage es derzeit dauern würde, bis sich die Zahl der Infektionsfälle im Fall exponentiell steigender Fallzahlen und bei unveränderter Ansteckungsdynamik verdoppeln würde. Je kleiner die Verdopplungszeit, desto schneller breitet sich der Erreger aus. Je höher die Zahl an Tagen, desto besser lässt sich das Ansteckungsgeschehen und der erwartbare Andrang in den Krankenhäusern in den Griff bekommen.

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Ins Rampenlicht gerückt wurde diese Messgröße von Bundeskanzlerin Angela Merkel persönlich: Mehrfach betonte sie, die erhofften Erfolge der Maßnahmen zur Eindämmung der Infektionswelle auch an der Verdopplungszeit bewerten zu wollen. Als Maßgabe hatte Merkel zunächst eine Verdopplungszeit von zehn Tagen genannt, über die Deutschland bis Ostern hinauskommen müsse. Kanzleramtsminister Helge Braun hatte diese Richtschnur später auf 14 Tage angehoben. Deutschland liegt mittlerweile längst über dieser Schwelle.

Berechnet wird die Ansteckungsdynamik bei ntv aus den Veränderungen der Fallzahlen aus dem jeweils zurückliegenden Sieben-Tages-Zeitraum. Das macht die Angabe in ihrer Entwicklung zwar etwas behäbiger, dafür lassen sich alle kurzfristigen Verzerrungen durch Wochenendeffekte besser herausmitteln (mehr zur Verdopplungszeit hier). Der Vergleich zum Vortageswert zeigt den aktuellen Trend an. In Deutschland hat sich die Verdopplungszeit seit dem 8. März 2020 von 2,3 Tagen auf inzwischen 27,5 Tage erhöht. Seit dem 19. März ist ein kontinuierlicher Anstieg der Verdopplungszeit zu verzeichnen.

Reproduktionszahl

Dieser Parameter zur Pandemie-Entwicklung stammt direkt aus den Datenbeständen des Robert-Koch-Instituts (RKI) und gibt im Prinzip die Ansteckungsrate wieder. "Die Reproduktionszahl R ist die Anzahl der Personen, die im Durchschnitt von einem Fall angesteckt werden", heißt es dazu beim RKI. Liegt die Zahl über einem Wert von 1,0 bedeutet das, dass sich der Erreger weiter ausbreitet. Werte unter 1,0 zeigen an, dass die Zahl der Neuerkrankungen zurückgeht.

Die Angaben dazu lassen sich nicht aus den Meldedaten ablesen, sondern werden vom RKI auf Grundlage statistischer Verfahren ermittelt. Die aktuellen Schätzwerte werden täglich neu berechnet und anschließend unter anderem im RKI-Situationsbericht veröffentlicht.

Deutschlands führende Viren-Bekämpfer messen dieser Kennzahl aus der Epidemie-Forschung besondere Bedeutung zu, da sie Entwicklungen aufzeigen kann, bevor sie in den übrigen Kennzahlen sichtbar werden. "Seit dem 4. April", heißt es beim RKI zum Beispiel, sei in den Bewegungen der Reproduktionszahl "ein Rückgang der Neuerkrankungen" zu erkennen (mehr zur Ansteckungsrate hier). ntv bildet mit der Reproduktionszahl jeweils den vom RKI angegebenen Stand der Ansteckungsrate ab. Veränderungen zum Vortageswert werden zusätzlich mit einem Trendpfeil angezeigt.

Todesfälle

Die Zahl der Verstorbenen kann wichtige Hinweise zum Epidemiegeschehen liefern, erfordert aber angemessene Handhabung. Dargestellt werden hier die Summe der in der bundesweiten Statistik erfassten Coronavirus-Toten sowie der jeweilige Anstieg zum Vortag.

Hinter jedem Todesfall steht ein individuelles Schicksal, steht ein Mensch, der im Zusammenhang mit einer Infektion oder einer Covid-19-Erkrankung sein Leben verloren hat. Wie eng dieser Zusammenhang im Einzelfall war, können letztlich nur jene Ärzte beurteilen, die mit dem Patienten und seinen Falldaten vertraut sind (mehr zur Debatte um die Zahl der Corona-Toten hier). In Hamburg wird jeder Todesfall im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion durch die Rechtsmedizin untersucht. Stand 17. April 2020 wurde dabei bei 70 der 84 Verstorbenen die Covid-19 Infektion als todesursächlich festgestellt. In Bayern, wo bislang die meisten Todesfälle verzeichnet werden, wird die Corona-Infektion bei rund 84 Prozent der im Zusammenhang mit einer Infektionen Verstorbenen als Todesursache angenommen.

Für die Beurteilung der Gesamtlage reichen die amtlich erfassten Zahlen aus, da sie ohnehin nur als grobe Anhaltspunkte für die tatsächliche Verbreitung des Erregers dienen. Ausschlaggebend ist daher vor allem, auf welchem Niveau sich die Zahlen in der Summe über mehrere Tage hinweg bewegen. Die Anzahl der Todesfälle dient dabei als nachlaufender Indikator, der weitgehend unabhängig von der Suche nach aktuellen Infektionsherden anzeigt, wann und wo es in Deutschland zu einem größeren Ausbruchsgeschehen gekommen sein muss.

Aus dem Verhältnis zur Gesamtzahl der Infektionsfälle lassen sich zudem gleich auf mehreren Ebenen weiterführende Hinweise ableiten. Im internationalen Vergleich ergeben sich zum Beispiel Ansatzpunkte, um das Ausmaß möglicher Dunkelziffern oder etwaige Unterschiede in Qualität und Kapazität regionaler Gesundheitsversorgung zu erkennen.

Wie bei der Zuwachsrate der täglich neu gemeldeten Infektionsfälle eröffnet die prozentuale Veränderung der Totenzahlen Einblicke in die Trendentwicklung. Dabei gilt es auch hier zu beachten, dass diese Zahlen erst über längere Zeiträume hinweg ihre volle Aussagekraft entwickeln. Kurzfristig können - abhängig vom Vortageswert - Sprünge nach oben oder unten auftreten.

Quelle: ntv.de